🖊️  📷 Manfred Haupthoff

„Ich mache mir nichts aus dem Etikett „Abstrakter Expressionismus“. Manchmal bin ich sehr gegenständlich, ein bisschen jedenfalls immer. Aber wenn man aus dem Unbewussten malt, tauchen zwangsläufig Figuren auf. Ich vermute, wir sind alle von Sigmund Freud beeinflusst.“ JACKSON POLLOCK.

Wenn man es recht besieht, haben die Bilder der beiden Künstlerinnen Ronna Stirnberg und Ina Schüttler keinen Anfang und kein Ende. Vor dem Beginn des eigentlichen Malens entstehen früh und irgendwann Ideen und erste Impulse zur Bildentstehung im Kopf. Nach dem Malen gehen die Geschichten, welche die jeweiligen Bilder erzählen, dann im Künstler und dem Betrachter der Bilder weiter. Fertig ist man eigentlich nie. Nicht die realistische Darstellung steht bei den Bildern der beiden im Vordergrund, sondern es sind in Farbe und Form abstrahierte Gedanken und Gefühle, die sich hier manifestieren. Ronna Stirnberg und Ina Schüttler sind ein ganz und gar außergewöhnliches Künstler-Gespann. Sie sind Oma und Enkelin. Ronna Stirnberg hat schon früh ihr Leben der Kunst gewidmet. Künstlerische Vorbilder waren und sind u. a. Emil Nolde und Emil Schuhmacher. Die Künstlerin hat sich in vielen Bereichen der Malerei versucht. Und dabei immer konsequent eine eigene Bildsprache entwickelt. Ihre farbenfrohen, beeindruckenden Bilder entstehen aus dem Unbewussten heraus. Und das stets mit einer großen, inneren Freude am kreativen Prozess.

Ihre Enkelin Ina Schüttler hat schon früh der Oma beim Malen über die Schulter geschaut. Damit wurde auch bei der Enkelin die Liebe zur Kunst gesät und durch Ronna Stirnberg auch stets bewusst gefördert. Weitergegeben wurden dabei nicht nur malerische Techniken, sondern – fast noch wichtiger – persönliche Herangehensweisen sowie eigene Erfahrungen. Nicht zu vergessen dabei, vor allen anderen Dingen, die ungemeine Freude am künstlerischen Schaffen. Und so kam es, wie es kommen musste. Ina Schüttler malt mit großer Freude – inspiriert von ihrem Alltag und orientiert an der Bildsprache des modernen Expressionismus – in ihrem Kölner Atelier farbenfrohe und ausdrucksstarke Bilder mit einer ganz eigenen und unverwechselbaren Anmutung. Vorbild und Anregung sind natürlich ihre Oma, aber auch alles, was sie zufällig in ihrer Umwelt sieht und wahrnimmt. Auch die eigene Intuition ist hier eine ganz wichtige Quelle der Inspiration.

Ronna Stirnberg malt in ihrem Atelier in Bachum. Farben werden in ihrem inneren Zusammenhang erfühlt und bewusst harmonisch kombiniert. Brüche werden dabei aber ebenfalls angestrebt und erzeugen so eine große, visuelle Spannung im Bild. Während des Malprozesses entsteht dann plötzlich Figürliches, wird weiter entwickelt und in das Bildgeschehen integriert. Die Künstlerin malt, in der Regel vom dunklen Malgrund zu den helleren Farben hin, während ihre Enkelin Ina das meistens gegensätzlich macht. So gibt es natürlich und unausweichlich Unterschiede zwischen beiden. Jeder ist eben im Laufe der Zeit zu einer beeindruckenden Künstlerpersönlichkeit geworden und hat dabei eigene Akzente gesetzt. Allerdings wird bei beiden ein unfertiges Bild schon mal eine gewisse Zeit stehen gelassen, bis es dann, durch Inspiration in Gang gesetzt, weitergeht. Es sind dann auch ein paar Ängste im Raum. Man könnte ja das Bild bei Wiederaufnahme verderben. Da gilt es dann mutig zu beginnen. Ein weiterer mutiger Schritt ist, das Bild für „fertig“ zu erklären. Aber dieses Gefühl kennt wohl jeder Schaffende in der bildenden Kunst.

Von ihren fertigen Bildern trennen sich beide Künstlerinnen schwer. Am liebsten geben sie dabei ihre Bilder an sympathische Mitmenschen ab. Es sind ja auch wirklich Bilder, in denen sich sehr viel vom eigenen Innenleben abbildet und dieses Innenleben ist bei netten Menschen einfach besser aufgehoben. Ronna Stirnberg signiert ihre Bilder, gibt ihnen aber keinen Titel. Ina Schüttler signiert ihre fertigen Bilder erst ganz spät, fast im letzten Moment, gibt ihren Bildern aber stets auch Titel. Überhaupt integriert die Enkelin auch Typographie und bewusst, gewollt Figürliches und Konkretes in ihre Bilder. Das ist wohl eines der wesentlichen Unterschiede der beiden. Einmal im Jahr, und dies schon seit Jahren, fahren beide Künstlerinnen zusammen zu einem Kunstworkshop nach Trier, um dort gemeinsam ihre Fertigkeiten zu verbessern. Das ist immer ein großes Vergnügen für beide. Ina Schüttler arbeitet in der Regel großformatig. Ronna Stirnberg legt sich da nicht so fest. Eine Besonderheit der beiden ist aber noch erwähnenswert. Während des jeweiligen Malprozesses werden die Zwischenstände auch schon mal mittels WhatsApp oder via Mail ausgetauscht und ein kleines Feedback oder eventuell mal eine kleine Hilfestellung eingefordert. Das führt mitunter zu einer regen Kommunikation zwischen Bachum und Köln und macht beiden Künstlerinnen immer sehr viel Freude.

Ronna Stirnberg und Ina Schüttler malen gewiss keine leisen und zurückhaltendenden Bilder. Nach mehreren eigenen Ausstellungen der beiden Künstlerinnen ist so auch der Titel der nächsten Ausstellung Programm. Am 24. März startet als Premiere in der Villa Wesco, Neheim, die erste gemeinschaftliche Ausstellung „*Lautmalerei in zwei Generationen“ mit einer Vernissage. Die Bilder sind dann noch bis Ende Mai ausgestellt und können zu den normalen Öffnungszeiten besichtigt und natürlich auch käuflich erworben werden. Wer die beiden interessanten Künstlerinnen einmal persönlich treffen möchte, hat am 20. April und am 18. Mai, jeweils von 12-15 Uhr, die Gelegenheit dazu.

Ronna Stirnberg und Ina Schüttler sind ein wirklich gelungenes Beispiel für eine generationenübergreifende, künstlerische Partnerschaft, die sich immer wieder neu gegenseitig befruchtet, inspiriert und dadurch viel Freude bereitet. So kann sich Kunst hervorragend entwickeln und ansteckend wirken. Mir persönlich hat der Einblick in diese außergewöhnliche, künstlerische Familiengeschichte sehr viel Freude gemacht. Ich habe einiges dabei gelernt und für mich mitgenommen. Ich habe auch auf diesem Wege sehr interessante und bereichernde Persönlichkeiten kennengelernt und bin mir absolut sicher: Dieses Beispiel sollte wirklich Schule machen. Es würde mich freuen.