Was das Sauerland zur Marke macht

Foto: Ralf Litera

Interview mit Landrat Dr. Karl Schneider über Sauerland, Südwestfalen und die Frage nach der Sauerländer Identität

von Paul Senske und Hermann-J. Hoffe

WOLL: Vor einigen Wochen wurde das Buch „Sauerlandität – Was das Sauerland zur Marke macht“ vorgestellt. Was macht nach der Meinung des Landrates das Sauerland zur Marke?
Dr. Schneider: Das Sauerland ist immer eine Marke gewesen – durch seine Historie, seine wirtschaftlichen und vor allem auch seine touristischen Kompetenzen. Ich war und bin immer stolz auf das Sauerland. Gleichzeitig müssen wir über das Sauerland hinausdenken. Regionalpolitisch haben der Hochsauerlandkreis und der Kreis Soest schon lange zusammengearbeitet. Auch zum Kreis Siegen/Wittgenstein waren traditionell Verbindungen vorhanden. Daher war es folgerichtig, die fünf Kreise zur Zusammenarbeit zu bewegen.
Das ging nur unter dem Begriff „Südwestfalen“, weil sich sonst Siegen und Soest nicht im Namen wiedergefunden hätten. Der Name war ja auch schon vorhanden, ich verweise auf die vom WDR ausgestrahlte Vorabendsendung „Lokalzeit Südwestfalen“.

WOLL: Wie sah und wie sieht konkret die Zielsetzung für die Marke Südwestfalen aus?
Dr. Schneider: Unsere Zielsetzung war es, die gesamte Region zu organisieren. Es gab bereits das Münsterland und Ostwestfalen, die regional zusammenarbeiten. In Südwestfalen gab es das in der Form nicht. Ein Wahrnehmungsdefizit haben wir insbesondere aus Richtung Brüssel, Düsseldorf oder Berlin bemerkt. Dort waren wir einer von 300 Kreisen in der Bundesrepublik. Ein einziger Kreis ist zu wenig, um Durchschlagskraft zu entfalten. Die anderen hatten sich bereits regional organisiert und wir mussten das nun nachholen. Schon in meiner früheren Funktion als einer der Vizepräsidenten der IHK Arnsberg (2002 bis 2005) wurde mir deutlich, dass unsere Region kaum wahrgenommen wurde, und daraus ist dann die Idee von Südwestfalen entstanden. Gerade in der Industrie war der Wunsch nach einer Zusammenarbeit da. Und deswegen ist es auch wichtig, dass nicht nur die offiziellen Organe zusammensitzen, sondern auch die Kammern und Verbände sowie auch Sauerland Initiativ. Den einen gegen den anderen auszuspielen, macht keinen Sinn.

WOLL: Die Identifikation der Sauerländer mit ihrer Heimat ist sehr groß. Eine solche Identifizierung mit der Region ist eine enorme Stütze für eine Marke. Warum wird das nicht stärker für die Kommunikation nach innen und außen, vor allem auch außerhalb des Tourismus genutzt?
Dr. Schneider: In der Kommunikation nach außen sollten wir zwei Ebenen unterscheiden. In Südwestfalen geht es um die Bewältigung des Fachkräftemangels, die kreisübergreifende Zusammenarbeit sowie die Beziehungen nach Brüssel, Berlin und Düsseldorf. Wenn es jedoch um kulturelle, touristische und unmittelbar die Ortsebene betreffende Angelegenheiten geht, berufe ich mich auf das Sauerland.

WOLL: Im Tourismus gibt es eine Koordinierungsstelle für die Region (Sauerland Tourismus e.V.). Dort wird mit der Region Sauerland geworben. Für andere Bereiche wie etwa Sport, Kunst und Kultur und vor allem Wirtschaft gibt es das nicht. Wieso ist das so?
Dr. Schneider: Das Sauerland steht ganz klar für eine Tourismusregion. Wenn wir über das Sauerland reden, müssen wir aber bedenken, dass wir nicht nur über das Hochsauerland sprechen, auch Teile des Märkischen Kreises und der Kreis Olpe gehören dazu. Wir haben zum Beispiel auch das Sauerland-Museum. Dort gibt es eine herausragende Präsentation des Sauerlandes, und dass die Neugestaltung und der Ausbau mit 14 Millionen Euro gefördert wurden, ist ja auch eine wichtige Botschaft. Dies konnte nur gelingen, weil wir gegenüber dem Land NRW, dem Bund und der EU gemeinsam als Region Südwestfalen aufgetreten sind und klargemacht haben, warum das Sauerland-Museum für die gesamte Region Südwestfalen wichtig ist. Dass wir gerade in Bezug auf die Wirtschaft südwestfälisch denken und organisiert sind, liegt am gemeinsamen Potenzial der Region: Südwestfalen umfasst 59 Kommunen, mehr als 150 Weltmarktführer sind in der gesamten Region beheimatet. Zusammen sind wir die stärkste Industrieregion in NRW! Diese Fakten haben die notwendige Durchschlagskraft, die uns politisch bundesweit Gehör verschafft. Zudem ist Südwestfalen insgesamt eine Region mit jahrtausendealter Industriegeschichte. Die Wirtschaft hier ist es gewohnt, zu kooperieren und über Kreisgrenzen hinauszudenken.

WOLL: Zurück zu den Kreisen: Hätte man nicht erst einmal versuchen können, die Zusammenarbeit der drei Sauerländer Kreise zu verbessern? Es scheint durchaus
eine Problematik zu sein, das Sauerland als Ganzes zu erfassen.
Dr. Schneider: Problematik? Das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit der fünf Kreise spricht doch für sich: Wir konnten 300 Millionen Euro in die Region investieren, wovon 150 aus öffentlichen Mitteln aus Düsseldorf und Brüssel bezogen wurden. Diese Gelder sind ein Ergebnis der REGIONALE 2013. Südwestfalen hatte durch dieses Programm einen besonderen Vorteil bei der Zuteilung von Fördermitteln. Gleichzeitig ist die Region dadurch insgesamt zusammengewachsen. Viele Projekte sind entstanden, von denen die ganze Region profitiert, auch Städtebauprojekte wie beispielsweise in Meschede oder das Kulturprojekt Musikbildungszentrum in Bad Fredeburg. Die gute Nachricht ist, dass wir auch für das laufende Förderprogramm REGIONALE 2025 den Zuschlag bekommen haben, mit der Folge, dass wir als Region Südwestfalen wieder erhebliche Fördermittel erhalten.

Foto: Ralf Litera

WOLL: Der Sauerländer Unternehmer Walter Mennekes sagt in dem schon erwähnten Buch „Sauerlandität“: „Das alles macht die Marke Sauerland nicht nur stark, sondern auch smart. Und es sind die Menschen, die dafür zuständig sind mit ihrer ‚Sauerlandität‘. Denn Menschen machen Marken. In der Wirtschaft, in der Kultur – und überhaupt.“ Spricht das nicht gegen eine Markenbildung für die politisch gewollte Region Südwestfalen?
Dr. Schneider: Ich bin kein ausgesprochener Marketingfachmann, aber ich habe ein gutes politisches Gespür für das Machbare. Walter Mennekes und ich sind uns einig, dass sich Sauerland und Südwestfalen gut ergänzen. Da gibt es keinen Dissens. Mir ist im Übrigen das Sauerland genauso wichtig wie Südwestfalen. Und eines noch ganz grundsätzlich: Wenn sich Leute für das Sauerland einsetzen, werden sie bei mir immer Unterstützung finden.

WOLL: Die Südwestfalenagentur hat nach ihren eigenen Angaben die Aufgabe, Regionalmarketing zu machen und dabei die Marke Südwestfalen in den Köpfen zu etablieren. Wird aber nicht die Marke Sauerland stark in Mitleidenschaft gezogen, wenn das gelingen sollte?
Dr. Schneider: Die oben beschriebene Dachmarkenstrategie funktioniert. Nicht umsonst trägt das Logo des Sauerland-Tourismus den Zusatz „in Südwestfalen“. Es ist ein echtes Hand-in-Hand-Gehen der Marken. Das südwestfälische Regionalmarketing setzt die Marke Sauerland in Szene und bietet ihr neue Plattformen. Gut sichtbar ist dies beispielsweise bei dem Regionalmarketing-Projekt „Heimvorteil HSK“, das südwestfälisch gedacht ist und sich an ehemalige Sauerländer richtet, die als Rückkehrer gewonnen werden sollen. Diese werden natürlich als Sauerländerinnen und Sauerländer angesprochen. So wird die Marke Sauerland durch das südwestfälische Regionalmarketing ganz gezielt gestärkt.

WOLL: Eine Marke zu bilden ist zeit- und kostenaufwändig. Das Geld und die Energie, die in Südwestfalen gesteckt werden, fehlen dem Sauerland: eine auch außerhalb des Sauerlandes sichtbare Sauerlandität. Das wird auch in dem Buch deutlich.
Dr. Schneider: Es gibt große Mehrwerte für das Sauerland, sich bei bestimmten Herausforderungen südwestfälisch aufzustellen, beispielsweise was den Zugang zu Fördermitteln oder Lösungen gegen den Fachkräftemangel angeht. Dabei müssen wir weitsichtig denken und handeln und raus aus dem Klein-Klein. Wir brauchen ein starkes Südwestfalen, um ein starkes Sauerland zu erhalten und zu fördern. Dass inzwischen 320 Firmen aus der Region das südwestfälische Regionalmarketing finanziell unterstützen, ist eine klare und unmissverständliche Botschaft, dass die Wirtschaft das verstanden hat. Zudem muss man wissen, dass enorme Gelder seitens der Kreise für den Sauerlandtourismus, die Wanderrouten, die Fahrradinfrastruktur und die Naturparke bereitstehen. Die Ausgaben für die Bereiche übertreffen bei Weitem die Ausgaben für die südwestfälische Zusammenarbeit.

WOLL: Haben die Firmen nur aus Loyalitätsgründen Unterstützung
für Südwestfalen zugesagt?
Dr. Schneider: Ich halte diese Diskussion für überflüssig. So denken die Menschen nicht. Wir wollen das Beste für das Sauerland, aber wir wissen auch um die Notwendigkeit regionaler Zusammenarbeit.

WOLL: Muss es nicht zwangsläufig eine Zusammenarbeit über den ein oder anderen Kreis hinaus geben?
Dr. Schneider: Ja, aber wer stellt das denn überhaupt infrage? Wo es erforderlich ist, ist das gelebte Realität. Die Menschen lassen sich nicht vorschreiben, ob sie Sauerländer oder Südwestfalen oder sonst irgendetwas sind. Aus Zweckmäßigkeitserwägungen gibt es Gründe dafür, dass manche Dinge so organisiert werden, wie sie organisiert sind. Aber dabei darf man nicht versuchen, Identitäten zu verändern. Ich will nicht, dass der Sauerländer in Winterberg morgen sagt: Ich bin Südwestfale.

WOLL: Nehmen wir das Beispiel Winterberg: Würde man im Zusammenhang mit Winterberg von Südwestfalen statt vom Sauerland sprechen, würde das keiner verstehen, da Winterberg fest mit dem Sauerland verbunden ist.
Dr. Schneider: Ich bin viel unterwegs und oft muss man den Menschen erklären, wo das Sauerland liegt. Aus diesem Grund ist das hier zum Teil eine Diskussion aus dem Elfenbeinturm heraus. Draußen passiert etwas ganz anderes. Die Menschen leben und arbeiten in der Region und fühlen sich als Sauerländer, aber sie akzeptieren auch, dass zusammengearbeitet werden muss. Mal mehr und mal weniger. So ist das in der Politik. Aber wir wollen die Menschen nicht umerziehen und unser sauerländisches Profil stärken.

WOLL: Wäre es eine kluge Idee, wenn Sauerland Initiativ oder jemand anderes etwas entwickeln würde, um für das Sauerland mehr zu tun?
Dr. Schneider: Ich war in der Gründungsphase von Sauerland Initiativ bei dem ein oder anderen Gespräch dabei und ich habe das immer für eine gute Idee gehalten.

WOLL: Wie immer geht es am Ende des Tages um das Wollen, die Ausführung und die Auswirkungen. Da ist das Sauerland als Ganzes, als eine Gemeinschaft in der Pflicht, zu sagen, dass ihm die Identität etwas wert ist, über alle Zusammenarbeit hinaus. Der Tourismus ist da in seiner Funktion begrenzt.
Dr. Schneider: Der Tourismus hat aber natürlich einen entscheidenden Teil dazu beigetragen, das Sauerland bekannt zu machen. Der Urlauber sagt nicht, er fährt ins Hochsauerland, sondern er fährt ins Sauerland. Wir hatten in diesem Zusammenhang auch schon einmal eine andere Diskussion: Hochsauerland, Südsauerland oder das Schmallenberger Sauerland. Diese Diskussion war aber nicht zielführend. Der Naturpark Sauerland-Rothaargebirge ist ebenfalls aus regionaler Zusammenarbeit entstanden. Die großflächige Zusammenführung war ein großer Fortschritt, der uns auch erhebliche Fördermittel gebracht hat.

WOLL: Dass wir diese Zusammenarbeit haben und nicht nur eine große Fläche, sondern auch eine kraftvolle Stimme nach außen, ist unbestreitbar etwas Gutes.
Dr. Schneider: Ich sage immer: Leben und leben lassen.

WOLL: Vielen Dank für das Gespräch!

 

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