Schäfer zu werden war ein Herzenswunsch

Foto: Heidi Bücker

Josef Grobbel erzählt Geschichte und Geschichten aus Jagdhaus

von Kerstin Thielemeier

Das Alter mit einer gewissen Leichtigkeit zu genießen, dankbar und zufrieden auf das zurück zublicken, was war, und gespannt zu sein auf das, was kommt, ist wünschenswert oder besser beneidenswert. Auf Josef Grobbel aus Schmallenberg-Jagdhaus trifft dies perfekt zu. Er ist nicht nur Sauerländer durch und durch, er ist auch ein Zeitzeuge im wahrsten Sinne. Dass der fast 90-Jährige Geschichte erlebt hat und somit Geschichten erzählen kann, steht außer Frage. 1929 ist er in Jagdhaus geboren und dem kleinen Örtchen fast immer treu geblieben. Wer aber nun glaubt, in dem etwa 60-Seelen-Dörfchen sei nichts los gewesen, der irrt: „Seit ich denken kann, kommen Feriengäste ins damalige Gasthaus und heutige Hotel Jagdhaus Wiese. Mein Elternhaus stand damals direkt daneben“, berichtet Josef Grobbel. „Hier war immer was los. Abgesehen von den Fremden zogen auch regelmäßig Wanderschäfer durch unseren Ort.“ Die hatten es ihm seit früher Kindheit angetan. „Ich war noch ein ganz kleiner Junge, als ich bei einem dieser Schäfer ein zwei oder drei Tage altes Lämmchen auf seinem Arm entdeckte. Das wollte ich unbedingt haben“, schwärmt der Jagdhauser. Für eine Deutsche Mark hat er es ihm tatsächlich abkaufen können und mit der Flasche großgezogen. Das war ein prägendes Ereignis. Doch dem Wunsch, selber Schäfer zu werden, widersprach Josefs Mutter aufs Heftigste. Keine Chance. Damals ahnte er nicht, dass sein Herzenswunsch Jahre später doch noch in Erfüllung gehen sollte. Seine Kindertage waren gleichermaßen unbeschwert wie anstrengend. So musste der damals Vierjährige seine ältere Schwester in die Fleckenberger Schule begleiten. Sie sollte nicht alleine gehen. Schulpflichtig war der Kleine natürlich noch nicht. Nach einem 45-minütigen Abstieg ins Nachbardorf hieß es warten, bis die Schwester Schulschluss hatte, um gemeinsam den Rückweg anzutreten. Der dauerte auch gern mal doppelt so lange wie der Hinweg. In der Zwischenzeit spielte der kleine Josef bei einer Tante, was aber auch kein Dauerzustand werden sollte. Also wurde er mit fünf Jahren eingeschult. Bei Wind und Wetter ging es bergab und bergauf. Schulfrei gab es, wenn die Latrop über die Ufer stieg, dann war in Fleckenberg Land unter – zur großen Freude der Kinder. So vergingen die Jahre. Auf dem elterlichen Hof wurde geholfen und im Gasthaus Wiese fiel auch immer eine kleine Arbeit für ihn an. Mit dem Pferdewagen ging es beispielsweise regelmäßig zum Fleckenberger Bahnhof, um die gelieferte Kohle zum Heizen auf- oder abzuladen. „Das war harte Arbeit, aber ich habe es toll gefunden“, erzählt Josef Grobbel. Dann kamen die Kriegsjahre. „Am Anfang war ich zu jung für den Krieg, aber gegen Ende wurde ich dann doch noch eingezogen. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt“, weiß Josef Grobbel noch. Als jüngster Soldat der Gemeinde Fleckenberg ging es – im Alter von 15 Jahren – 1945 noch in den Krieg.

Foto: Heidi Bücker

„Meine Soldatenfreunde und ich waren irgendwo bei Oberschledorn, mitten in der Walachei, im Einsatz, als der Ami uns entdeckte. Die haben natürlich sofort erkannt, dass wir ein kompletter Kindergarten waren. Als ich allerdings weglaufen wollte, kam ein Ami mir entgegen, mit dem Gewehr auf mich gerichtet, und sagte: Come on, come on. Die hätten uns eigentlich auch erschießen können“, berichtet Josef Grobbel. Es ging mit dem LKW nach Düren, dort mussten sie in Pferdeställen arbeiten, und bei Köln mussten die Gefangenen Bombentrichter zuwerfen. Insgesamt erlebte er den Krieg über drei Monate. Davon war er fünf Wochen in Gefangenschaft. Ein Zufall wollte es, dass seine jugendlichen Kumpel und er nach Bracht in den Niederlanden entlassen werden sollten. Bei dem Namen Bracht wurden die Sauerländer Jungs hellhörig und es gelang ihnen mit einer kleinen List, ins heimische Bracht transportiert zu werden. „Das war richtig erfreulich, als wir in Bracht dann tatsächlich freigelassen wurden. Beine in die Hand und ab nach Hause. Zurück auf unserem Hof stand der Ami wieder vor mir, aber das war ja kurz vor Kriegsende“, erzählt Josef Grobbel. Sein ganz normaler Alltag in Jagdhaus holte ihn schnell wieder ein. Das Arbeiten bei Wiese und zuhause reichte ihm aber irgendwann nicht mehr. Er wollte weg. Das tat er dann auch. Erst ging er zu einem landwirtschaftlichen Betrieb nach Werpe, dann nach Soest.

Dort besuchte er schließlich eine Landwirtschaftsschule und arbeitete nebenbei für Kost und Logis auf verschiedenen Höfen. Auch hier gab es Schafe. „In der Zeit habe ich sehr viel gelernt, bis das Heimweh zu stark wurde. Ich war ungefähr 22 Jahre alt, als ich zurück in die Heimat wollte“, erinnert sich Grobbel. Zurück in Jagdhaus arbeitete er im Sägewerk, als Waldarbeiter und als Landwirt. 1955 lernte er beim Maifest in Wormbach Martha Tigges aus Ebbinghof kennen und lieben. Ein Jahr später wurde geheiratet. „Sieben Kinder haben wir bekommen. Eines haben wir früh verloren, aber fünf Söhne und eine Tochter haben wir auf Jagdhaus groß gezogen. Sie sind alle im Schmallenberger Krankenhaus zur Welt gekommen“, erzählt Josef Grobbel. Als die Kinder so nach und nach kamen, arbeitete der Landwirt aus Leidenschaft wieder im Hotel Wiese. Das sollte, ohne dass der damals 28-Jährige es ahnte, seinen Lebenstraum erfüllen. „Die Wiesen ums Hotel mussten regelmäßig gemäht werden. Da habe ich den Vorschlag gemacht, ein paar Schafe draufzustellen“, strahlt Josef Grobbel. Er bekam die Freigabe für sieben Schafe. Die Wiesen hatte man damit im Griff, aber was war mit den Schafen? „Ruckzuck waren es 127 Tiere. Jedes Schaf habe ich von Hand geschoren, ohne Maschine. Und so bin ich doch noch Schäfer geworden und konnte mit ‚meinen‘ Tieren im Frühjahr und Herbst losmarschieren.“ Abends kam er immer wieder zurück. Schließlich galt es die Schweine und Kühe zu versorgen. „Getreideanbau haben wir damals auch versucht, aber es ist in unserer Höhe von 650 Metern einfach zu kalt.“ Heute lebt Josef Grobbel nur wenige Meter von seinem damaligen Elternhaus entfernt. In den 60er Jahren bekam er die Baugenehmigung für den heutigen Schäferhof. Sein jüngster Sohn Rudolf führt dort mit Schwiegertochter Anne seit 1995 ein Hotel und Restaurant. Abschließend ist ihm noch eines wichtig: Die Namensgebung des heutigen Familienbetriebes: „Meine Schwiegertochter ist eine geborene Schäfer, daher passt der Name perfekt“, schmunzelt er.