Landärztliche Versorgung im Sauerland

Foto: Heidi Bücker

Eine Herausfroderung für alle, aber auche eine Chance

von Heike Schulte-Belke

Die landärztliche Versorgung ist seit Jahren ein großes Thema und betrifft besonders auch unsere Region. Um sie bestmöglich zu erhalten und in Zukunft gravierende Lücken zu vermeiden, bedarf es zukunftsweisender Ideen und Lösungen. Die können jedoch nicht allein durch die Ärzte erbracht werden: Hier ist auch die Politik gefragt. Aber wie sieht es derzeit überhaupt aus mit der ärztlichen Versorgung im Schmallenberger Sauerland? Um diese Frage, die Probleme und Hintergründe sowie die Zukunftsperspektiven ging es in einem interessanten Gespräch, das WOLL mit drei Ärzten aus Schmallenberg führen konnte. Ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Werdegänge sind sicher von Vorteil bei der Sicherung der medizinischen Versorgung. Doch dass man in Zukunft mit Problemen rechnen muss, da sind sich alle einig.

WOLL: Wie sehen Sie die aktuelle Situation der landärztlichen Versorgung bei uns in der Region?
Dr. Althaus: Die Situation ist zur Zeit befriedigend bis gut, besonders im Vergleich zu anderen Regionen besteht hier hausärztlich noch kein Versorgungsdefizit.
Dr. Osseiran: Ja, noch ist die Situation bei uns in Ordnung, aber in den nächsten Jahren wird es Probleme geben. Von derzeit 13 niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten in Schmallenberg sind sieben älter als 55 Jahre. Und Nachfolger zu finden, wird immer schwieriger. Daher ist die Lage ein wenig angespannt, aber der Patient leidet noch nicht darunter.

WOLL: Warum ist es schwierig? Liegt es am Ärztemangel allgemein oder wollen junge Ärzte einfach nicht mehr aufs Land?
Dr. Osseiran:
Das ist ein vielschichtiges Problem. Neben dem allgemeinen Ärztemangel hat es in den 80er Jahren eine Leistungsexplosion gegeben, auf die von Politik wie auch der ärztlichen Selbstverwaltung nur mit Sanktionierung der Leistungserbringer geantwortet wurde. Von der Vergütung von Einzelleistungen ging es weg zu einem vorgegebenen Budget. Das bedeutet, dass, egal wie oft ein Patient im Quartal vom Arzt behandelt wird, dieser im Wesentlichen nur für die erste Behandlung eine Vergütung erhält, alle weiteren Behandlungen im gleichen Quartal bleiben unbezahlt. Außerdem wurden Regresse eingeführt. Das bedeutet, dass Ärzte, die bestimmte Mengen an Arzneimittel- oder Heilmittelverordnungen überschreiten, dafür persönlich haftbar gemacht werden. Die überschrittene Summe muss vom betroffenen Arzt persönlich an die Kassenärztliche Vereinigung zurückgezahlt werden. Das sind nicht selten zehntausende Euro oder mehr. Dies hat auf die junge ärztliche Generation eine sehr abschreckende Wirkung bezüglich einer Selbstständigkeit in der Praxis. Auch wünschen sich junge Menschen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, was besonders für die ärztlichen Kolleginnen eine hohe Herausforderung darstellt. Und nicht zuletzt ist die Entlohnung, verglichen mit der hohen Verantwortung, für viele nicht zufriedenstellend.
Dr. Althaus: Auch das typische Klischee des alten Landarztes sitzt noch in den Köpfen: 24 Stunden Erreichbarkeit und keine Privatsphäre – dem ist aber bei weitem nicht mehr so. Zudem haben viele junge Leute die Vorstellung, dass auf dem Land nichts los sei. Man kennt das Sauerland nicht und das Leben hier wird als unattraktiv empfunden. Viele denken, die Bedingungen seien deutlich schlechter als woanders.

Gerade mit diesem Vorurteil wurde Dr. Köhler während ihrer Zeit in München immer wieder konfrontiert. Dort konnte man nicht verstehen, dass sie unbedingt wieder zurück nach Schmallenberg wollte. Doch es war eine bewusste Entscheidung. Und davon versucht sie, ebenso wie ihre Kollegen, auch heute noch, andere Ärzte zu überzeugen.

Dr. Köhler: Es ist sehr vielfältig hier und wir haben einiges zu bieten. Ich kann unsere Region nur wärmstens empfehlen, die Familie muss allerdings mitziehen. Die Patienten sind sehr angenehm, und da man als Hausarzt hier erste Anlaufstelle ist, bekommt man auch einiges zurück. Es herrscht kein so hoher Konkurrenzdruck, es ist viel entspannter als in der Stadt.

WOLL: Was könnte man allgemein gegen die Vorurteile tun und wie könnte man junge Ärzte für die Region und die Arbeit im ländlichen Raum begeistern?
Dr. Osseiran: Wir wünschen uns mehr Unterstützung seitens der Stadt. Es müsste mehr Werbung für unsere Region und deren Vorteile gemacht und mehr Aufklärungsarbeit über vielfältige Unterstützung der Stadt für Familien geleistet werden. Ziele müssten gemeinsam herausgearbeitet werden, damit wir nicht auf uns allein gestellt sind. Das geht über die Möglichkeiten unseres Berufsstandes hinaus und ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, bei der Stadt und Land gefragt sind. Denn die ärztliche Versorgung ist für jeden wichtig.
Dr. Köhler: Ich wünsche mir eine engere Vernetzung untereinander, junge Ärzte müssen sich aufgefangen fühlen. Aber auch eine engere Kooperation zwischen Fachärzten und Hausärzten wäre wünschenswert, da fast alle Krankenhäuser weiter entfernt sind. Ebenso sollte es mehr Kommunikation zwischen ambulanter und stationärer Versorgung geben. Eine weitere Idee wäre, Filialpraxen in den Dörfern zu schaffen, denn derzeit begrenzt sich die hausärztliche Versorgung auf Schmallenberg und Bad Fredeburg. Dafür müssen allerdings genug Ärzte da sein.
Dr. Althaus: Man müsste Leute aus der Region aktivieren, Studienplätze zusprechen und durch weitere Maßnahmen für sich werben. Schließlich haben wir hier alle Vorteile von Stadt und Land kombiniert. Man muss aber die ganze Familie ansprechen und das muss politisch gesteuert werden.

Nach Meinung der Schmallenberger Ärzte schreckt viele auch der hohe Verwaltungsaufwand sowie die finanzielle Belastung einer eigenen Praxis ab. Zudem wird der Wunsch, in Teilzeit zu arbeiten, immer größer, was besonders den weiblichen Kollegen entgegenkommt – immerhin sind derzeit 70 Prozent der Medizinstudierenden Frauen. Mit flexiblen Arbeitszeiten und familienfreundlichen Strukturen wäre ein wichtiger Schritt getan. Eine finanzielle Förderung wäre ebenso wünschenswert, um jungen Ärzten in der Region den Einstieg in die Selbstständigkeit zu erleichtern.

WOLL: Was glauben Sie, wie sich die Situation in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird?
Dr. Althaus: Fachärzte und Hausärzte werden fehlen, wenn keine Nachfolger gefunden werden, und da sind Maßnahmen und neue Wege unumgänglich. So soll es ab dem nächsten Jahr in NRW die Landarztquote geben. Mit ihr sollen auch Abiturienten ohne Einser-Abi einen Studienplatz bekommen, wenn sie bereit sind, später als Hausarzt aufs Land zu gehen. Aber diese Maßnahmen greifen erst in etwa zwölf Jahren. Bis dahin brauchen wir Sofortmaßnahmen, die die Arbeitsbedingungen für junge Hausärzte unmittelbar wesentlich attraktiver machen.
Dr. Osseiran: Und dazu müssen ein paar wichtige Hürden zeitnah abgeschafft werden, um junge Ärztinnen und Ärzte in die Selbstständigkeit zu bekommen. Dazu gehören in erster Linie die erwähnte Budgetierungs- und Regresspolitik der Kassenärztlichen Vereinigungen. Aber es muss auch mehr Unterstützung geben beim Schritt in die Selbstständigkeit. Wir stehen vor einem Umbruch, die gesellschaftlichen Lebensentwürfe junger Ärztinnen und Ärzte haben sich deutlich gewandelt, und das bedeutet bezüglich der medizinischen Versorgung besonders im hausärztlichen Bereich eine Herausforderung für uns alle.

Viele junge Mediziner möchten lieber in die klinische Forschung gehen, als sich als Facharzt niederzulassen, weil sie sich den vielen Auflagen und den finanziellen Aufwendungen nicht gewachsen fühlen.

WOLL: Was möchten Sie jungen Medizinern heute für ihre berufliche Zukunft mit auf den Weg geben?
Dr. Osseiran: Durch Aufklärung gewinnt das Ansehen der Allgemeinmedizin zunehmend. Sie bietet ein großes Arbeitsspektrum, weit über die eigentliche medizinische Versorgung hinaus, das der Hausarzt leisten muss. Man muss belastbar und mit allen Sinnen dabei sein, denn man ist nicht nur Mediziner, sondern auch Zuhörer, Berater, Verwalter und Betriebswirt. Und es gilt immer wieder Entscheidungen zu treffen, die eine hohe Verantwortung mit sich bringen. Doch bei allem gehören immer auch die Empathie und die Liebe zum Menschen dazu. Man muss mit dem Herzen dabei sein, bekommt aber auch sehr viel von den Patienten zurück. Ich möchte die jungen Kolleginnen und Kollegen ermuntern, sich nicht von Hürden abschrecken zu lassen, denn der Mensch stolpert nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel. Das soll heißen, dass die Hürden nicht so groß sind, als dass man sie nicht bewältigen könnte. Man braucht nur ein wenig Mut dazu, dann geht es auch.

Im Gespräch wurde deutlich, dass einiges getan werden muss, um die Situation aufrechtzuerhalten und die medizinische Versorgung auch in Zukunft zu gewährleisten. Ideen, Chancen und Engagement sind genug vorhanden, doch bei der Durchführung sind auch andere Stellen gefordert. Die Hoffnung auf eine positive Entwicklung ist da, wie es Dr. Osseiran mit einem Augenzwinkern auf den Punkt bringt: „Wir sind Optimisten, weil der Pessimist der einzige Mist ist, auf dem nichts wächst!“

Dr. med. Karim Osseiran ist seit 29 Jahren Internist, war knapp 20 Jahre im Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft tätig und übernahm vor dreieinhalb Jahren die Praxis von Dr. Marie-Luise Baumann als niedergelassener Arzt.

Dr. med. Matthias Althaus ist seit 32 Jahren Allgemeinmediziner und konnte gerade sein 25-jähriges Praxisjubiläum in Schmallenberg begehen. Als erste Anlaufstelle für allgemeine Erkrankungen hat er sich auch auf Allergologie und Akupunktur spezialisiert.

Dr. med. Katja Köhler ist seit eineinhalb Jahren in der Gemeinschaftspraxis von Dr. Althaus tätig. Aufgewachsen in Schmallenberg, verbrachte sie 20 Jahre in München, bevor sie zurückkehrte. Seit zweieinhalb Jahren ist sie Fachärztin für Allgemeinmedizin, vorher hat sie als Assistenzärztin in verschiedenen internistischen und chirurgischen Krankenhäusern sowie in einem großen allgemeinmedizinischen MVZ im Großraum München viel Erfahrung sammeln dürfen. Parallel dazu ist sie in der Ausbildung von Allgemeinmedizinern als Referentin einer großen Fortbildungsreihe an der Uni München involviert, um weiterhin Nachwuchs anzuwerben.