In einem Land vor unserer Zeit

Ein Besuch in der Veleda-Höhle in Velmede führt weit zurück in die Geschichte unserer Heimat

Ein Besuch in der Veleda-Höhle in Velmede führt weit zurück in die Geschichte unserer Heimat

Ein Besuch in der Veleda-Höhle in Velmede führt weit zurück in die Geschichte unserer Heimat

 

Es geht jetzt weit zurück in die Vergangenheit, weiter zurück als in die Zeit der Existenz von Dinosauriern & Co. Das Sauerland – ungefähr 350 Millionen Jahre vor heute, im Erdzeitalter Devon. Damals entstand durch Erdverschiebungen das Rheinische Schiefergebirge, ein Riffstrang, dessen östliche Ausläufer quer durch unsere Heimat ziehen. So entstand u. a. auch die Veleda-Höhle in Velmede.

Franz Stratmann, der sich in der Höhle bestens auskennt, führt uns durch den Westeingang der Höhle ins weite, tiefe Dunkel. Ohne Lampen wären wir hilflos, aber wir verfügen ja heutzutage über ausreichend technische Möglichkeiten, um alles gut sehen zu können. Dennoch sind wir auch hier, um etwas über „Früher“ zu hören. Darüber kann Stratmann vieles berichten. Er führt unsere Besuchergruppe über die sichersten, trotzdem holprigen Wege der Naturhöhle und zeigt uns die „Räumlichkeiten“: Obere und untere Halle, das Schusterstübchen, den Braukessel, enger Gang und tiefer Abgrund.

Gespannt lauschen wir den alten Geschichten. Höhlenbären habe es hier vor rund 20.000 Jahren gegeben, erfahren wir. Damit befinden wir uns inzwischen in der Eiszeit. Die ältesten Hinweise auf menschliche Bewohner sind rund 4000 Jahre alt; es wurden Zahnreste und Knochen von nachweisbar 32 Menschen gefunden.

Die Höhle wurde als traditionelle Kultstätte genutzt. So kam es, dass im ersten Jahrhundert n. Chr. die über die Landesgrenzen hinweg berühmte Seherin Veleda dort Zuflucht suchte, um sich vor den Römern in Sicherheit zu bringen. Ihr Aufenthalt dort war Auslöser dafür, dass die Höhle nicht nur ihren Namen verliehen bekam, sondern dass auch viele Sagen und Bräuche rund um Veleda entstanden sind.

Über Jahrhunderte hinweg pilgerten Jungfrauen des Ortes hinauf zur Höhle, um Veledas Unterstützung bei der Partnersuche zu erbitten. Auf den Ruf „Veleda, schenk mir einem Mann“ kam stets die Echo-Antwort „Han“. Ob damit die Kurzform von Hans gemeint war, ist nicht bewiesen, aber grundsätzlich muss sich das Bitten wohl rentiert haben, sonst hätte sich der Brauch wohl nicht bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gehalten. Was sollte frau auch machen als heiratswillige Sauerländerin? Tinder und ElitePartner waren ja noch nicht erfunden.

Und wo der sauerländische Landwirt heute eine Wetter-App befragt, erkundigten sich seine Vorgänger früher jährlich zu Ostern bei Veleda nach dem zu erwartenden Wetter des kommenden Sommers, indem sie einen dicken Stein vom oberen Höhlenteil in einen Tümpel des unteren Teils warfen. Anhand der Geräusche des hoffentlich tiefen Wassers wollten sie Aufschluss über die Fruchtbarkeit der Felder erlangen.

Zur Zeit des zweiten Weltkrieges bot die Veleda-Höhle manchen Ortsbewohnern eine Fluchtgelegenheit vor den Bomben, die entlang der strategisch wichtigen Bahnlinie abgeworfen wurden. Einige Bürger transportierten sogar kleine Ställe vor die Höhle, um sie in ruhigeren Momenten dauerhaft als Unterschlupf zu nutzen.

Nach dem Krieg wurde die Höhle wegen ihrer Gefährlichkeit verriegelt. Die einzigen „Bewohner“ waren für lange Zeit Fledermäuse, die die für sie angenehme Temperatur von ganzjährig 2-4°C sowie den fast ungestörten Lebensraum schätzen.

Erst seit Mai 2015 ist die Höhle wieder für Besucher begehbar, nachdem sich einige Velmeder in unzähligen Arbeitsstunden und mit viel Engagement dafür eingesetzt hatten und somit die sanfte Nutzung eines der ältesten Kultur- und Geschichtsdenkmäler des Sauerlandes ermöglichten. Heute führen 15 Kundige jährlich rund 70 Gruppen durch die Höhle. Von Mai bis September kann man sich immer am letzten Wochenende des Monats ein eigenes Bild von Veledas Reich machen.  Sie sind herzlich eingeladen. Und auch wenn Sie weder Jungfrau noch Landwirt sind, freut man sich über Ihr Kommen.

Veleda wurde um 30 n. Chr. als Tochter eines Brukterer-Fürsten im heutigen Lippstadt geboren. Im Alter von 15 Jahren wurde sie zum geistlichen und politischen Oberhaupt des freien Germaniens östlich der Rheingrenze und eine Anführerin im Kampf gegen die römische Besatzungsmacht am Rhein. Mit ihren Nachbarn, den Batavern, ging sie ein Bündnis gegen Rom ein und sagte Roms Niederlage im großen Freiheitskampf korrekt voraus.

Die hochgebildete Veleda beendete die Kampfhandlungen mit einem geschickt ausgehandelten Friedensvertrag und kehrte zurück in ihren mit einem hohen Turm ausgestatteten Fürstenhof, aus dem sie ihre politische Tätigkeit fortsetzte, aber auch weiter ihre Weissagungen übermittelte.

Historisch nicht bewiesen, aber durchaus denkbar, ist ihre Flucht nach Velmede vor den Häschern Roms, die die Seherin für die Zwecke des Kaisers Vespasian ins heutige Italien entführen wollten. Gesichert ist jedoch, dass sie 77 nach einem erneuten Aufstand der Brukterer gefangen genommen und nach Rom gebracht wurde und fortan für Vespasian und später auch für dessen Sohn Titus als Ratgeberin tätig war.

In den 80er Jahren n. Chr. starb Veleda im südlich von Rom liegenden Ardea, wo noch heute eine Gedenktafel an sie erinnert.

Die germanische Seherin übt nach wie vor eine große Faszination aus. Ungeachtet der ungenauen wissenschaftlichen Erkenntnisse über ihr Leben und Wirken ist sie auch heute noch in Romanen, als Markenname und in der Esoterik allgegenwärtig. Wikipedia berichtet über Veleda in elf Sprachen, und das sagt wohl alles.

Text: Britta Melgert
Fotos: Jürgen Eckert

Ein Besuch in der Veleda-Höhle in Velmede führt weit zurück in die Geschichte unserer Heimat
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