Die glückliche Schornsteinfegerin

Foto: Andrea Gödde-Kutrieb

von Andrea Gödde-Kutrieb

Samstagabend, beste Krimizeit! Noch bevor die Kommissarin im TV den Fall gelöst hat, hören wir ein kratzendes Geräusch aus unserem Kamin im Wohnzimmer. Wir lauschen aufmerksam. War das jetzt echt oder ist, wegen des spannenden Films, unsere Fantasie mit uns durchgegangen? Jetzt ist es still. Womöglich also doch nur Einbildung.

Am nächsten Tag hören wir es wieder, dieses gruselige Geräusch. Diesmal öfter und lauter. Jetzt sind wir sicher: Da lebt etwas im Rohr unseres kleinen Holzofens. Was es ist, wissen wir noch nicht – hoffentlich nichts größeres mit Fell und Zähnen. Was es auch ist, es wird jetzt gerettet! Der Ofen wird zur Seite gerückt und das Rohr auseinandergeschraubt. Dann kommt sie zum Vorschein – die vermeintliche Bestie. Eine Taube, schwarz wie ein Rabe, blickt uns entgegen. An beiden Beinen ist sie beringt. Es handelt sich also um eine Brieftaube. Behutsam spülen wir ihr erst mal mit einem seichten Wasserstrahl den Ruß aus dem Gefieder und geben ihr zu trinken. So gesäubert und frisch „betankt“ soll sie jetzt
wieder den Heimflug antreten. Tut sie aber nicht. Vielleicht hat sie sich doch verletzt oder ist einfach zu erschöpft. Rat und Hilfe holen wir uns telefonisch bei Franz-Josef Beulke, dem ersten Vorsitzenden des Brieftaubenvereins „Heimatliebe“ aus Serkenrode. Mit ihm treffen wir uns am Esloher Busbahnhof zur „Taubenübergabe“. Dank Herrn Beulke muss der Vogel nicht nach Hause fliegen, sondern wird chauffiert. Wohin? – dazu genügt dem Fachmann ein Blick auf den Ring, den das Tier am Fuss trägt. „Die kommt aus Elspe, den Kollegen kenne ich. Den ruf ich gleich mal an“, sagt er. Wir sind beeindruckt.
Wenig später erhält Reinhold Mester den Anruf seines Serkenroder Kollegen und das Tier wird wohlbehalten wieder nach Hause geholt.
Dass eine Taube im Kamin landet, ist selten, weiß Taubenvater Mester, der gemeinsam mit seinem Bruder Josef seit 1976 Taubenzucht betreibt. Ohne Wasser und Futter könne eine Taube fünf bis sechs Tage überleben. Er vermutet, dass das noch sehr junge Tier bei der Flucht vor einem Greifvogel in unseren Kamin gestürzt ist. Sie sei sehr schwach gewesen nach diesem Abenteuer. „Wir haben sie erst mal ein paar Tage aufgepäppelt.“ Jetzt ist sie wieder ganz die Alte, bis auf den leichten Grauschimmer im Gefieder. Einen neuen Beinamen hat unsere Taube auch bekommen. „Bei uns heißt sie jetzt die Schornsteinfegerin“, scherzt er. Im Übrigen hätten wir direkt bei ihm anrufen können, erklärt der Taubenzüchter und zeigt mir die Telefonnummer auf dem Ring. „In der Regel hat jede Brieftaube solch eine Kennzeichnung am Fuß.“

Schornsteinfegermeister Andreas Klur aus Salwey kennt so etwas. Dass Tiere im Kamin landen, komme hin und wieder vor, sagt er. Meistens seien es Elstern oder Kleinvögel. Aber er habe auch schon einen toten Igel im Kamin gefunden. Das größte Tier, das er (lebend) aus einem Kamin gerettet habe, sei ein Turmfalke gewesen, erinnert er sich. „Da muss man aber dicke Handschuhe anziehen oder besser mit einem Vogelexperten zusammenarbeiten.“
Wie man sich und die Tiere davor schützen kann, möchte ich von ihm wissen. „Einen Schutz gibt es nicht“, sagt Andreas Klur. Ein Maschendraht oder Netz auf dem Kamin würde sich zusetzen und den Rauchabzug behindern. Ein Dach auf dem Schornstein schütze zwar vor Regen, aber damit biete man zum Beispiel Wespen ein trockenes und ideales Quartier für ein Nest im Kamin. Nicht nur unangenehm, sondern sogar gefährlich kann es werden, wenn durch ein totes Tier der Abzug verstopft und Rauchgase nicht abgeleitet werden können, so der Schornsteinfegermeister. Daher zum Schluss mein persönlicher, unfachmännischer Rat: Hören Sie öfter mal in Ihren Kamin rein!