Text und Fotos: Anne von Heydebrand        

Der 19. Januar 1919 war ein historischer Tag für unsere Gesellschaft. An jenem Sonntag waren zum ersten Mal Frauen aufgerufen, an die Wahlurnen zu treten und 82 Prozent machten von ihrem neuen Recht Gebrauch. Bis dahin war es jedoch ein langer Weg, denn Frauen hatten in der Politik damals nichts zu suchen. Die Männer hatten die Hosen an. Auch im Sauerland! Und wie sieht es heute, 100 Jahre später aus?

Frauen mussten gegen alte Vorurteile ankämpfen

Aber von Vorn: Im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Rollenbilder klar gekennzeichnet. Der Mann hatte die Hosen an und die Rolle der Frau lag „In der stillen Arbeit im Hause und in der Familie.“, wie es Kaiser Wilhelm II. deutlich machte. Sie galten als schwach, leicht erregbar und für politische Versammlungen ungeeignet. Aus diesem Grund war es ihnen bis 1908 sogar verboten, sich politisch zu engagieren. Auch im Sauerland hatten es die Frauen in der von Männern geprägten Gesellschaft schwer. Obwohl sie im 1. Weltkrieg die Arbeit ihrer an der Front stehenden Männer ausüben mussten und für die Kriegsfürsorge unentbehrlich waren, gestand man ihnen keine öffentlichen Entscheidungs- und Verantwortungsbereiche zu. Dabei zeigten die Frauen schon längst, dass sie anpacken konnten und waren in Kriegszeiten sogar aus der Schwerindustrie nicht wegzudenken. In der Neheimer Industrie waren 1917 rund 30 Prozent der Beschäftigten Frauen und bei der größten Firma der Stadt waren es sogar 43 Prozent. Dennoch wurden sie oft gönnerhaft behandelt und nach Kriegsende in ihre alten Rollen zurückgedrängt.

Viele Frauen wollten jedoch mehr und so gab es bereits vor Kriegsbeginn eine starke Frauenbewegung, die sich für das Frauenstimmrecht einsetzte und sogar Demonstrationen und Kundgebungen organisierte. Und sie hatten Erfolg: Nach dem Sturz der Monarchie verkündete der Rat der Volksbeauftragen am 12. November 1918, dass Frauen wählen und sogar kandidieren durften. Den Parteien wurde ebenfalls klar, dass Frauen bei der Wahl zur Nationalversammlung das Zünglein an der Waage spielen konnten und buhlten um ihre Stimmen. Im Sauerland betrieb vor allem die Zentrumspartei, als Vorläufer der CDU, einen offensiven Wahlkampf. Auch für das parteipolitische Leben waren Frauen zunehmend unentbehrlich und sie waren bei Parteiversammlungen in der Überzahl. Dennoch spielten sie im Sauerland nur als Wählerinnen eine Rolle und waren in den Parteigremien und auf kommunalpolitischer Ebene schwach vertreten.

Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919, als mit Marie Juchacz zum ersten Mal eine Frau vor einem deutschen Parlament sprach, zogen allerdings auf Anhieb 8,7 Prozent in den Reichstag ein. Ein Wert der erst 1983 überschritten werden sollte.

Trotz Gleichberechtigung sind Frauen in der Politik noch immer unterrepräsentiert

Doch was hat sich seit dem verändert? Sind Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt? Oder anders gefragt: Wer hat heute die Hosen an? – Klar, laut Grundgesetz sind Männer und Frauen gleichberechtigt und seit 2005 ist mit Angela Merkel eine Frau an der Spitze der Regierung, aber noch immer sind Frauen in der Politik unterrepräsentiert. Im Bundestag liegt ihr Anteil bei 30,9 Prozent und im Arnsberger Stadtrat sind es sogar nur 20,8 Prozent!

Ein Thema über das auch Politiker diskutieren und anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Frauenwahlrechts, lud der SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Wiese zu einer Podiumsdiskussion ein. Mit dabei war die SPD-Politikerin Barbara Hendricks, die seit 1994 im Bundestag sitzt und klare Worte für das schlechte Abschneiden der Frauen fand. „Auch 2019 begegnen einem immer noch Leute, die einem versuchen weißzumachen, dass die Frauen sich dies selbst zuzuschreiben haben. Dass es eben einfach nicht genug Frauen gebe, die sich für Politik interessieren, die bereit seien, Verantwortung zu übernehmen, die genügend Kraft und Durchsetzungsvermögen haben. Das sind meiner Meinung nach nichts anderes als billige Ausreden. Tatsache ist, dass Frauen auch heute noch vielfach gegen starke Männerbünde ankämpfen müssen, wenn es darum geht, als Direktkandidatinnen in aussichtsreichen Wahlkreisen zu kandidieren.“, sagt Hendricks.

Auch Susanne Willmes von der Frauenberatungsstelle Meschede macht sich für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern stark. Sie geht jedoch noch einen Schritt weiter. „Es geht nicht nur um Gleichberechtigung, sondern um Machtverhältnisse. Wir Frauen wollen 50 Prozent der Macht!“, sagt sie mit deutlichen Worten und fordert, dass Frauen sich untereinander solidarisch und kämpferisch zeigen müssten. „Auch unsere Töchter müssen kämpferisch erzogen werden.“, erklärt Willmes. Margit Hieronymus, stellvertretende Vorsitzende im SPD Unterbezirk Hochsauerland gibt ihr Recht, allerdings müssten sich auch die Männer mit den Frauen solidarisieren. „Auch auf kommunaler Ebene, denn nur so können alle Interessen vertreten werden.“, meint Hieronymus.

Alle Anwesenden sind sich einig, dass bereits viel für die Gleichberechtigung der Frau erreicht worden ist. Aber noch immer sind viele Frauen Opfer von sexueller Gewalt und sie verdienen bei gleichwertiger Arbeit durchschnittlich 21 Prozent weniger Geld als Männer. Auch von Altersarmut sind Frauen nach wie vor häufiger betroffen. Es muss also noch viel getan werden. Für Margit Hieronymus sei es daher wichtig, dass die Frauenquote in politischen Gremien endlich erfüllt werde und Susanne Willmes glaubt, dass Frauen ökonomische Macht ergreifen müssten. Für Barbara Hendricks spielen aber auch die alleinerziehenden Mütter eine wichtige Rolle. Für sie müsse eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf geschaffen und somit vor Armut geschützt werden. So könne man auch etwas gegen die Kinderarmut unternehmen, ist sich die Politikerin sicher.

Für Barbara Hendricks fällt die Bilanz nach 100 Jahren Frauenwahlrecht also gemischt aus und sie sagt: „Gleiche Rechte – ja. Gleiche Chancen – noch lange nicht.“

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