Kultur auf dem Land: Begegnungsstätten schaffen

Foto: Klaus-Peter Kappest

Leiterin des Kulturbüros der Stadt Schmallenberg wechselt nach Paderborn

von Tiny Brouwers und Hermann-J. Hoffe

Seit dem 1. April 2013 ist Dr. Andrea Brockmann als Leiterin des Kulturbüros verantwortlich für die kulturelle Arbeit der Stadt Schmallenberg und hat seitdem eine Menge bewegt und so der Kulturarbeit in der Stadt ein neues Gesicht gegeben. Eng ist ihr Name mit der bereits zweimal durchgeführten Veranstaltung „Die Textile“ verbunden sowie mit weiteren kulturellen Höhepunkten. Im Herbst 2013 haben wir erstmalig mit der Kulturbeauftragten der Stadt ein Interview geführt. Nach über fünf Jahren erfolgreicher Arbeit verlässt Frau Dr. Brockmann Anfang des kommenden Jahres die Stadt Schmallenberg und übernimmt eine neue, verantwortungsvolle Position in der Bischofsstadt Paderborn. Vor diesem Hintergrund haben wir die Leiterin des Kulturbüros Schmallenberg ein zweites Mal getroffen, diesmal im Museum Holthausen.

WOLL: Vor fünf Jahren haben Sie auf die Frage, wie lange Sie als Leiterin der Kulturabteilung der Stadt Schmallenberg aktiv sein werden, geantwortet: „Ich bin ganz ehrlich, wenn ich sage, noch lange für die und mit den Menschen in Schmallenberg arbeiten zu wollen.“ Warum ist nach etwas mehr als fünf Jahren nun Schluss?
Dr. Brockmann: Weil mich die neue Herausforderung reizt und man freie Stellen mit der Konzentration auf das Ausstellungswesen nicht voraussehen kann. Das war eine Gelegenheit, die sich ergeben hat, ohne dass ich danach gesucht habe. Die Besetzungskommission in Paderborn hat sich letztendlich für mich entschieden, was mich gefreut und gleichzeitig auch überrascht hat. Ich werde die Leitung der städtischen Museen und Galerien (Residenzmuseum und Kunstmuseum im Marstall in Schloss Neuhaus, Natur kundemuseum, Stadtmuseum Am Abdinghof, Städtische Galerie in der Reithalle in Paderborn) mit einer Abteilung von insgesamt 48 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übernehmen. Neben der Leitung wird mein Aufgabenbereich vor allem die Kunst betreffen.

WOLL: Wenn man so eine Chance bekommt, kann man nein oder ja sagen: Nein, weil ich verliebt bin in Schmallenberg, oder ja, weil ich von dort weg will.
Dr. Brockmann: Es ist auf keinen Fall eine Entscheidung gegen Schmallenberg. Ich bin oder war nicht unzufrieden und es ist auch nichts vorgefallen. Es war eine ganz wunderbare, intensive Zeit hier und ich denke, wir haben in der Kulturarbeit viel erreicht. Wir haben an Anerkennung über die Stadt und die Region hinaus gewonnen. Es ist reizvoll, das Thema Kultur auf dem Land weiter zu verfolgen, aber die Aufgabe in Paderborn ist nicht mit der in Schmallenberg vergleichbar, weil dort die Konzentration auf meinem Hauptarbeitsfeld liegt, dem „Ausstellungsmachen“. Sportlich könnte man sagen, dass ich hier in der Westfalenliga gespielt habe und in Paderborn in der zweiten Bundesliga spielen werde.

WOLL: Welche Aufgaben und Projekte waren in der Zeit hier in Schmallenberg für Sie besonders herausragend?

Foto: Klaus-Peter Kappest

Dr. Brockmann: An erster Stelle steht sicherlich das Festival „Die Textile“ und mit ihr die Idee und die Entwicklung dieses Festivals, das im Jahr 2018 das zweite Mal stattfand. Es ist in den Herzen angekommen und es ist ermutigend, dass es so eine Dimension bekommen hat. Ich denke zum Beispiel an die Picasso-Ausstellung in Holthausen und die tollen Beteiligungsprojekte. Es hat so eine Weite bekommen, auch wenn es ein Kraftakt war, das Festival mit einem so kleinen Team durchzuführen. Hervorzuheben ist auch die Zusammenarbeit mit dem Kultursekretariat NRW. Da denke ich zum Beispiel an die Performance mit Nezaket Ekici. Die Begegnung mit der Künstlerin ist noch so lebendig und war sehr eindrücklich für mich. Diese Bilder, die sie erzeugt hat – ich sehe sie jetzt noch durch die Stadt laufen – die waren toll. (Anmerkung: Am 10. März 2019 wird ein Filmbericht über Nezaket Ekici und der Performance auf ARTE gezeigt.) Als Drittes will ich das Projekt „Traverse“ nennen. Bei diesem Kunstsymposium haben wir darüber nachgedacht, wie behinderte und nicht behinderte Künstler gemeinsam auftreten können. Das war eine ganz tolle Woche, die ich dort erlebt habe.

WOLL: Haben Sie das Gefühl, dass sich in der Zeit Ihres Wirkens das Verständnis für die Kulturarbeit und somit auch ihr Stellenwert verändert hat?
Dr. Brockmann: Auf jeden Fall. Es ist schon eine Entwicklung spürbar. Das wird mir auch persönlich berichtet. Ganz aktuell: Schmallenberg war auf der westfälischen Kulturkonferenz am 4. Oktober in Gütersloh vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe eingeladen, um sich als Modellkommune für Kultur im ländlichen Raum vor 350 Kulturakteuren zu präsentieren. Die Entwicklung Schmallenbergs wird also auch von außen wahrgenommen.

WOLL: Welche noch nicht abgeschlossenen Projekte und welche Aufgaben geben Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?
Dr. Brockmann: Ganz wichtig ist mir die Fortführung des Festivals „Die Textile“. Wir wollen ja einen Drei-Jahres-Rhythmus einhalten, also wäre 2021 das nächste Festival. Dann ist natürlich die Regionale 2025 ein Thema, auch vor dem Hintergrund, dass es Kulturprojekte im Rahmen dieser Regionale geben soll. Ich würde mir wünschen, dass Schmallenberg entsprechende Projekte einreicht. Theater war hier auch immer ein Thema, zum Beispiel das Ziel, einen Theaterraum zu schaffen. Ein Kreativquartier ist eine Idee, die auch in der Jugendkunstschule gerade entwickelt wird. Die Jugendkunstschule ist umgezogen in die Meisenburg. Da gibt es viele Räume und auch Ideen: vom Atelier bis zu Werkstätten und Coworking Spaces. Dass man tatsächlich Kreative ansiedelt, das ist eine große Vision. Es wäre schön, wenn das im Rahmen dieser Regionale klappen könnte. Es gibt zur Zeit außerdem eine Anfrage, ob das nordrhein-westfälische Schultheaterfestival
2021 hier in Schmallenberg stattfinden kann. Das wäre etwas ganz Herausragendes. Dafür muss aber an einer passenden Infrastruktur gearbeitet werden.

WOLL: Hat sich in der Zeit, in der Sie hier in Schmallenberg gelebt und gearbeitet haben, Ihr Bild vom Sauerländer allgemein und den Sauerländern in Schmallenberg verändert?
Dr. Brockmann: Ich habe ganz viel Offenheit erlebt, die ich am Anfang gar nicht erwartet hatte. Ich bin sehr erfreut über die Begeisterung, die mir hier für mein kulturelles Schaffen entgegengebracht wird. Das Mitmachen der Schmallenberger sowie der Besucherinnen und Besucher der Ausstellungen und Veranstaltungen, die große Unterstützung beim Festival „Die Textile“ – alles ehrenamtlich – und dieses Mitanpacken und die Lust, dabei zu sein, das hat mich sehr beeindruckt. Ein Beispiel: Die eben schon erwähnte Picasso-Ausstellung in Holthausen mit den hohen organisatorischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen wäre ohne die vielen ehrenamtlichen Mitmacher überhaupt nicht möglich gewesen.

WOLL: Was könnte die Stadt Schmallenberg in Zukunft im Bereich der Kultur noch anpacken? Wo ist Handlungsbedarf?
Dr. Brockmann: Grundsätzlich ist das Thema „Kultur auf dem Land“ sehr wichtig, aber auch, Begegnungsstätten für Kulturarbeit zu schaffen. Im Land NRW wird im Moment viel von „dritten Orten“ gesprochen, die Möglichkeiten bieten, sich mit kulturellem Hintergrund oder in einem kulturellen Gebäude zu treffen und sich auszutauschen. Das kann eine Bibliothek sein oder die Jugendkunstschule, ein Ort mit passender Aufenthaltsqualität und einem netten Ambiente. Das Lenneatelier ist ein tolles Gebäude, das besucht werden kann.
Bei gutem Wetter kann man sich im Park aufhalten. Aber was macht man, wenn das Wetter mal nicht passt? Ich denke an einen Kulturraum, wo man Veranstaltungen unterschiedlichster Art durchführen kann. Vielleicht muss man in diesem Zusammenhang auch den Theatergedanken noch größer fassen. Dann stellt sich noch die Frage, wie man Jugendliche anspricht und für Kultur begeistert, damit sie sich an kulturellen Aktivitäten beteiligen. Vielleicht muss so etwas wie ein kulturelles Zentrum geschaffen werden, ein Kreativquartier an der Lenne.

WOLL: Was nehmen Sie nach über fünf Jahren intensiver Tätigkeit für die Kultur aus Schmallenberg mit?
Dr. Brockmann: Ich habe in den letzten fünf Jahren sehr viel gelernt. Sie waren sehr intensiv, was zum Beispiel die Projektarbeit angeht, auch was das Thema Netzwerk angeht. Kommunikation mit dem Land, das heißt für mich mit dem Kulturministerium, jetzt die Zusammenarbeit mit dem Kultursekretariat. Der große Gestaltungsspielraum, der mir von Bürgermeister Bernhard Halbe eingeräumt worden ist, ist mir auch wichtig zu betonen. Ich konnte frei und konzeptionell arbeiten, was sicher auch mit dem politischen Willen zu tun hat. Kunst und Kultur gehören zum Profil unserer Stadt. Obwohl es eine Verwaltungsstelle ist, gab es große Möglichkeiten für mich, Konzepte zu entwickeln und Schmallenberg kulturell voranzubringen und bekannter zu machen.

WOLL: Wenn Sie mit Ihrer Erfahrung der letzten Jahre zurückblicken und an den neuen Mann oder die neue Frau auf diesem Platz denken, was empfehlen Sie dann der Stadt?
Dr. Brockmann: Toll wäre jemand, der konzeptionell denkt und kunstorientiert ist, um weiter an der Kultur zu arbeiten, mit Blick auf den ländlichen Raum. Schmallenberg ist keine Großstadt und daher sollte es jemand sein, der gerne hier lebt und der mit den Menschen zusammenarbeitet, der nicht nur verwaltet, sondern sich einbringt und Spaß hat, etwas zu bewegen. Der oder die neue Stelleninhaber/in sollte kommunikativ sein und dieses Netzwerk und diese Verbindungen, die ich versucht habe aufzubauen, nutzen. Der Blick sollte weiterhin von hier zum Landschaftsverband und von dort nach Schmallenberg gerichtet sein, und auch aus Düsseldorf sollte hierhin geschaut werden.

WOLL: Werden wir Sie auch in Zukunft hin und wieder in Schmallenberg antreffen können?
Dr. Brockmann: Auf jeden Fall. Mein Mann und ich werden erst einmal unsere Bleibe hier behalten. Der Weg nach Paderborn ist nicht so weit, mit dem Auto nur eine gute Stunde. Natürlich möchte ich einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger nicht auf den Füßen stehen. Da müssen wir sehen, wer ausgewählt wird und welches Verhältnis wir zueinander haben. Aber auf jeden Fall werde ich hier weiterhin im Vereinsleben aktiv sein und man wird mich bei der einen oder anderen Ausstellung, Lesung oder anderen Veranstaltung antreffen.

WOLL: Letzte Frage: Das Sauerland ist für mich …?
Dr. Brockmann: … eine kulturinteressierte und kulturoffene Region!

WOLL: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen noch eine gute und erfolgreiche Zeit in Schmallenberg und alles Gute für die neuen Aufgaben in Paderborn.

 

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