Wiemeringhausen: Der richtige Mann am richtigen Ort

Wiemeringhausens Ortsvorsteher Talat Durguter. Foto: Mario Polzer
Wiemeringhausens Ortsvorsteher Talat Durguter. Foto: Mario Polzer

Ortsvorsteher Talat Durguter sieht die Entwicklung Wiemeringhausens positiv

Dass unsere Verabredung auf diesen Tag fällt, ist reiner Zufall. An dem Samstag im Juni, an dem wir uns treffen, ist das Zuckerfest, das Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan. Womit wir auch schon mitten im Thema sind: Mir gegenüber sitzt Talat Durguter, der Ortsvorsteher von Wiemeringhausen. Als er, türkischer Herkunft und muslimischen Glaubens, 2009 in dieses Amt gewählt wurde und als er 2015 Schützenkönig der St. Antonius-Bruderschaft wurde, war das eine Sensation im Sauerland. Nur eben nicht in Wiemeringhausen, dem südlichsten Ortsteil Olsbergs im oberen Ruhrtal. „Wir haben schon vor 30 Jahren interkulturelle Feste gefeiert, als noch niemand über Integration diskutiert hat. Das hat Tradition in Wiemeringhausen“, sagt Talat Durguter. „Vielleicht ist dieses Miteinander bei uns selbstverständlicher als anderswo.“

Vor neun Jahren war er der richtige Mann zur richtigen Zeit an einem Ort, dem eine Spaltung drohte. Viele der rund 740 Einwohner standen sich in zwei Lagern gegenüber. Uneins darüber, wie die Zukunft Wiemeringhausens zu gestalten sei. Durguters Vorgänger als Ortsvorsteher warf schon nach kurzer Zeit das Handtuch. Resignierend, das Dorf nicht einen zu können, aber auch nach persönlichen Angriffen, zum Teil anonym über das Internet lanciert. In dieser Situation fiel die Wahl auf den parteilosen Talat Durguter, der als ein Mann des Ausgleichs galt und noch immer gilt. Der politische Interessen ausblendet, wenn es um die Entwicklung Wiemeringhausens geht. „In den ersten Monaten meiner Amtszeit herrschte viel Misstrauen. Alles wurde hinterfragt.“ Zuerst machte er sich daran, die verschiedenen Lager und Gruppen in einem Dorfgemeinschaftsverein zusammenzuführen. Das ist ihm gelungen: Der Verein ist heute der Motor der erfolgreichen Dorfentwicklung.

Der Ortsvorsteher nennt Beispiele. Zuerst den Arbeitskreis Kultur. Zwei Musicals und ein Konzert hat dieser in den vergangenen Jahren auf die Beine gestellt. Für „Tabaluga“ und „Das Dschungelbuch“ war das ganze Dorf aktiv. Die Wiemeringhäuser bauten das Bühnenbild, nähten die Kostüme, übten die Lieder und die instrumentale Begleitung ein, passten das Skript an, spielten die Rollen, führten Regie. Zwei Mal volles Haus und ein begeistertes Publikum in der Schützenhalle waren die Belohnung für so viel ehrenamtliches Engagement. Im Herbst vergangenen Jahres holte der Arbeitskreis Kultur eine Bruce-Springsteen-Coverband auf die Bühne. Im November rockte „Bosstime“ die Halle. „Das war bisher der Höhepunkt“, sagt Talat Durguter. In Zukunft darf es wieder etwas kleiner werden. Im Gasthof Schöttes möchte der Arbeitskreis Kultur Kleinkunst auf die Bühne bringen.

Dass Wiemeringhausen einen Gasthof hat, ist für Talat Durguter sehr wichtig: „Hier findet viel dörfliches Leben statt. Versammlungen, Vorstandssitzungen, Vereinsleben. Aber auch, sich einfach mal auf ein Bier zu treffen.“  Die Chorgemeinschaft Assinghausen-Wiemeringhausen kann den Saal unentgeltlich für ihre Proben nutzen. Auch so trägt der Gasthof zur Dorfgemeinschaft bei.

Leerstehende Häuser gibt es in Wiemeringhausen derzeit kaum. Während andere Orte darunter leiden, dass gerade junge Menschen wegziehen, kamen in jüngster Zeit einige junge Familien in den Ort. Der Vorsitzende des Sportvereins ist ebenso nach seinem Studium zurückgekehrt wie sein Bruder, der Löschgruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr ist. „Die gute Infrastruktur macht unser Dorf für junge Familien attraktiv“, ist sich Talat Durguter sicher. In zentraler Lage im Ort gibt es den Montessori-Kindergarten. Die Bäckerei Caspari ist die einzige Bäckerei in Olsberg, in der noch handwerklich gebacken wird, statt nur Vorgebackenes aufzuwärmen, das von anderswo geliefert wird. Und die direkte Anbindung an die Bundesstraße 480 macht Olsberg und Winterberg – und damit mögliche Arbeitsorte – schnell erreichbar.

Der Kindergarten war mehr als 40 Jahre lang eng mit den Namen Anne Cramer verbunden. Die frühere Leiterin hat sich schon in den 1980er-Jahren für die Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund engagiert. Hat ehrenamtlich Hausaufgabenbetreuung organisiert, als noch kein Kindergarten und keine Grundschule nachmittags geöffnet waren, und Kindergartenfeste als multikulturelle Feiern gestaltet. Dank ihrer Bemühungen ist der Kindergarten seit dem Jahr 2000 als Montessori-Kinderhaus anerkannt. Ebenfalls im Jahr 2000 gründete sie mit engagierten Eltern und Erzieherinnen den Montessori-Verein als Förderverein. Im Laufe der Jahre gab es Malkurse und Musikgruppen, Tanz- und Bewegungsangebote, Vorlese-Omas und -Opas, Workshops für Eltern zum Montessori-Lernmaterial, Info-Abende zu neuen Medien wie Computer und Smartphone. Anne Cramer rief auch das Angebot „Living English“ ins Leben, das bis heute von den Kindergartenkindern gern angenommen wird. Ein Englischkurs, der die Kinder gut auf den Unterricht in der Grundschule vorbereitet und ihnen viel Spaß macht.

Vor zwei Jahren ging Anne Cramer in den Ruhestand. Ihre Nachfolgerin Simone Reinecke konnte voll durchstarten: Die Stadt Olsberg als Träger des Kindergartens richtete für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren neue Räume her. Das Außengelände wurde neu gestaltet und mit neuen Spielgeräten aufgewertet. Und die Jugendlichen können die Räume der Kolpingfamilie im Obergeschoss als Jugendräume nutzen. „Als Dorfgemeinschaft freuen wir uns, dass auf Anne Cramer wieder eine so aktive Leiterin folgte“, sagt Talat Durguter. Die Kinder und Erzieherinnen gestalten unter anderem den Martinszug und den Kolping-Seniorennachmittag mit.

Fast hätte es in Wiemeringhausen auch eine Montessori-Grundschule gegeben. 2014 musste die örtliche Grundschule schließen, weil es nicht mehr genug Schüler für eine erste Klasse gab. Über 200 Jahre lang war Wiemeringhausen Schulstandort. Das zentral im Ort und malerisch an einem kleinen Stausee gelegene Gebäude stand nun leer. Schnell fand sich ein Projektteam, um die Gründung einer Montessori-Schule vorzubereiten – wieder über alle Parteigrenzen hinweg. Die Stadt Olsberg hätte ihm das Gebäude für einen symbolischen Euro überlassen. Zwei Jahre später mussten die Initiatoren einsehen, dass ihr Vorhaben politisch nicht gewollt war. Die Bezirksregierung verzögerte immer wieder die Genehmigung der Schule, versagte sie schließlich ganz. Der Lehrerin wurde von einem Tag auf den anderen ein unbefristeter Arbeitsvertrag an einer anderen Schule angeboten. „Das hat viel Kraft gekostet“, sagt Talat Durguter, der die Politik ohnehin lieber hinter die Interessen des Ortes zurückstellt.

Im vergangenen Jahr dann die gute Nachricht: Ein Investor aus dem Ort kaufte das Gebäude. Bauunternehmer Dirk Roloff schafft dort seniorengerechten, barrierefreien Wohnraum. Sieben Wohnungen entstehen, zwischen 60 und 80 Quadratmeter groß. Mit Balkon und Aufzug. Die Bauarbeiten sollen im kommenden Jahr abgeschlossen werden. Die Nachfrage ist schon jetzt groß. „Die Aula mit den Toiletten und die Sporthalle werden der Dorfgemeinschaft und den Vereinen weiter zur Verfügung stehen“, freut sich der Ortsvorsteher, der schon eine neue Idee im Kopf hat: einen Erlebnisweg „Luft – Wasser – Natur“, der vom Stausee an der ehemaligen Schule entlang der Ruhr, vorbei am Kindergarten, an der Kirche und am Kurpark bis zum Spielplatz führen soll. Für Wiemeringhausen ein weiterer Weg in die Zukunft.

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