Tun – Ein Allerweltswort, das im Hochdeutschen möglichst vermieden werden sollte.

Foto: Ralf Litera

von Werner Beckmann

Der Hännes hat als Hausaufgabe einen Aufsatz schreiben müssen mit der Überschrift „Ein Erlebnis am Morgen“. Und das ist dabei herausgekommen:

Mäxchen ist wach geworden. Er steht auf, tut den Schlafanzug aus und tut sich sofort seine Kleider an. Da fährt ihm die Mutter dazwischen: „Und du tust dich waschen, Männeken!“ Denn ihr Söhnchen ist wasserscheu, da muss er zum Waschen getrieben werden.
Zum Frühstück tut ihm seine Schwester Brot und Butter, und dann tut er sich einen ordentlichen Klumpen Leberwurst auf die Schnitte. Den Kaffee vergisst er auch nicht, er packt sich die Kanne und tut sich Kaffee mit viel Milch in seine Tasse. Dann fängt er an zu essen, und dabei ist er ziemlich laut. Da tut der Vater eine Predigt aus dem Buch Leviticus und das hilft.

Der Vater tut dann seiner Familie noch eine wichtige Nachricht: Er ist in seiner Firma befördert worden. Das veranlasst das Mäxchen, laut zu rufen: „So, Papa, dann tust du
uns aber einen aus.“ Die Oma seufzt: „Wenn der Junge doch nicht so laut bölken täte!“

Die Lehrerin war mit dem Inhalt des Aufsatzes zufrieden, aber etwas störte sie doch.
Was ihr an diesem hochdeutschen Aufsatz so unangenehm auffiel, war der häufige Gebrauch des Wortes „tun“. Stattdessen können dem Umstand entsprechende Zeitwörter (Verben) verwendet werden:
Der Max zieht den Schlafanzug aus, er zieht sich seine Kleidung an. Den Wasserscheuen herrscht die Mutter an: „Und du wäschst dich auf jeden Fall.“ Die Schwester gibt ihm Brot und Butter, er streicht sich die Leberwurst aufs Brot. Und er gießt sich Kaffee und viel Milch in seine Tasse. Wegen der schlechten Essmanieren des Sohnemanns hält der Vater ihm eine Predigt. Er teilt der Familie die Nachricht der Beförderung mit, und er soll aus diesem Anlass einen ausgeben. Die Oma meint, der Junge solle doch nicht so laut schreien.

Auf Plattdeutsch ist aber der häufige Gebrauch von daun (= tun) durchaus zulässig, ja sogar üblich. Der obige Aufsatz lautet dann so:

Mäxken is wackereg worn. Hei stäiht op, deit diän Nachtspölter iut un deit sey
säobius seyne Kläier aan. Do foihert me dei Mömme dotüsker: „Un du deis diëck wasken, Männeken!“ Denn iär Süenneken is waterschui, do matt me ne taum Wasken dreywen. Taume Frauhstücke deit me seyn Süster Bräot un Buëtter, un dann deit hei sey en örndlicken Klumpen Liäwerwuarst op de Schmacke. Diän Kaffee vergiëttet hei äok nit, hei päcket sey dei Kanne un deit sey Kaffe met viëll Miëllik in seyn Köppken.
Dann fänget’e aan te iätten, un dobei is hei wahne harre. Do deit dei Vatter ne Priäcke iut me Bauke Leviticus, un dät helpet.
Dei Var deit dann seyner Familge näo ne wichtege Naohricht: In seyner Firma hiät’e en höchtern Posten kriëgen. Un dorümme roipet dei Hännes harre: Säo, Papa, dann deis diu uës awwer äinen iut!“ Dei Gräotmömme meint: „Wann dei Junge doch nicht säo harre lürren dee!“

Dieses daun, „tun“, hat verschiedene Funktionen:
1. Viele Tätigkeiten werden einfach mit daun wiedergegeben: Buotter op et Braut daun – Butter aufs Brot streichen, Kaffee in’t Köppken daun – Kaffee in die Tasse gießen, en Hiëmmed aandaun – ein Hemd anziehen, ne Joppe iutdaun – eine Jacke ausziehen, ne Diär taudaun – eine Tür schließen, en Finster oappendaun – ein Fenster öffnen, ne Priäke daun – eine Predigt halten usw.
2. Hochdeutsch „geben“ wird gern im Plattdeutschen mit daun gleichgestellt: Diän Blagen Bräot daun – den Kindern Brot geben, diän Luien Beschäid daun – den Leuten Bescheid geben, diän Köggen Fauer daun – den Kühen Futter geben, diäm Vatter de Hand daun – dem Vater die Hand geben.
3. Die Umschreibung mit daun wird gebraucht, um die betreffende Tätigkeit besonders zu betonen: Un du deis diëck wasken! – Und du wäschst dich auf jeden Fall!, Männeken, du deis nit metgohn! – Bursche, du gehst keineswegs mit!, Diu singes ase ne Krägge bey me Gewitter, diu deis nit metsingen! – Du singst wie eine Krähe beim Gewitter, du darfst nicht mitsingen!, Dei Hännes hiät ganze schiëtterige Hänne, dei deit nit metspiëllen! – Der Hännes hat ganz schmutzige Hände, der spielt nicht mit!
4. Mit daun wird auch der Konjunktiv (die Möglichkeitsform) umschrieben: Wann dei Junge doch nit säo lürren dee! – Wenn der Junge doch nicht so schreien würde!, Wann dat Blage doch biätter oppassen dee! – Wenn das Kind doch besser aufpasste!, Wann meyn Bruime siëck doch näohmol noh mey ümmekucken dee! – Wenn sich mein Bräutigam doch noch einmal nach mir umsähe!

Man sieht wieder einmal: Wer sich plattdeutsch ausdrücken will, darf sich nicht nach den Regeln der hochdeutschen Sprachlehre richten. In diesem Falle haben es die Plattdeutschen leichter als die Hochdeutschen: Das Wörtchen daun, „tun“, darf in vielen Fällen gebraucht werden, wo es den Hochdeutschen nicht gestattet ist.
Iëck dau niu äok dei Fiäre iut der Hand un dau miëck resten. – Ich tu nun auch die Feder aus der Hand und tu mich ausruhen. – Ach nein, ich lege die Feder aus der Hand und werde mich ausruhen.

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