Auf Du und Du mit Schlehengeistchen und Konsorten: Günter Schütte ist tagtäglich mti der Kamera auf Insekten-Jagd

Foto: Günter Schütte

von Jens Feldmann

Was man so im Allgemeinen mit Insekten in Verbindung bringt, ist ein Summen, Brummen oder Zirpen. Für manche Inbegriff der Sommermonate, für manche ein lästiges Übel, wenn einen Fliegen beim Lesen stören oder Wespen den Nachmittag bei Kaffee und Kuchen zu einer wahren Geduldsprobe werden lassen. Welch faszinierende Geschichten aber die Welt der Insekten – auch als Kerbtiere bezeichnet – mit fast einer Millionen Spezies bereithält, wird einem schon nach wenigen Minuten Gespräch mit dem Schmallenberger Günter Schütte klar. Der pensionierte Forstmann hatte einst sein Schlüsselerlebnis im heimischen Garten, als er endlich auf die kurios anmutende Kamelhalsfliege stieß, die ihn seit der ersten Begegnung in einem Insektenbestimmungsbuch fasziniert hatte. Schnell war die Kamera zur Hand und das erste Foto geschossen.

Geballtes Wissen und tolle Fotos

Foto: Günter Schütte

Inzwischen umfasst sein reichhaltiger Foto-Fundus geschätzte 300.000 Aufnahmen von fast 1.000 verschiedenen Tieren. „Das werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr wirklich geordnet bekommen!“, schmunzelt der Pensionär. Dabei verfährt er alles andere als unsystematisch, denn in wohl beinahe 20 Ordnern finden sich „Steckbriefe“ zu Sächsischer Wespe, zu Federgeistchen oder Skorpionsfliege, samt geschossenem Foto und Bild zum Abgleichen. Was sich dabei zutage fördern lässt, ist schlichtweg eindrucksvolles Wissen. So kann man das Geschlecht der meisten Fliegen anhand ihrer Augenanordnung bestimmen: Berühren sich die Augen, ist es ein Männchen, sind die Augen durch einen „Steg“ getrennt, ist es ein Weibchen. Ebenso erstaunlich, dass der als „Landkärtchen“ bezeichnete Edelfalter in der Frühjahrsgeneration eines Jahres völlig anders aussieht als in der Sommergeneration. Das sogenannte „Taubenschwänzchen“ wiederum ist eine Falterart, die jedes Jahr über die Alpen zu uns gelangt und für viele irrtümliche Kolibri-Sichtungen in Europa verantwortlich ist, denn tatsächlich ähnelt der Flug in verblüffender Weise an die nur auf dem amerikanischen Kontinent vorkommenden Vögel.

Mit geschärften Sinnen auf der Pirsch

Günter Schüttes Sinne sind mittlerweile bestens geschärft für seine Pirsch auf seltene Spezies oder wunderschöne Exemplare. Manchmal muss er nur aus der Haustür schauen, um eine Chi-Eule – eine Nachtfalter-Art – auf dem grauen Schiefer seines Hauses zu entdecken. Meist aber sind es die fünf bis sechs Kilometer, die er fast täglich mit den Hunden der Familie draußen verbringt, die er zum Fotografieren nutzt. „Neulich hörte ich ein ungewöhnlich lautes Summen, wie der panische Hilferuf einer Fliege“, so Schütte. Und tatsächlich konnte er am Wegesrand festhalten, wie eine stattliche Kreuzspinne sich über eine Fliege in ihrem Netz hermachte.

Nichts für Zartbesaitete!

Überhaupt erscheint die Welt der Insekten nicht gerade wie ein friedliches Idyll. Nichts für zartbesaitete Naturen! So dringen die Larven der Rotgefleckten Raupenfliege in den Körper eines Wirtstieres ein, ernähren sich zunächst vom Fettgewebe, ehe sie kurz vor der Verpuppung die lebenswichtigen Organe verspeisen und den Wirt damit töten. Es kann aber auch andersrum und weitaus perfider laufen … Der Fliegentöter-Pilz wächst so lange im Inneren einer Fliege, bis diese nach fünf bis sieben Tagen an einen erhöhten Platz fliegt und dort die Flügel spreizt, ehe der Pilz den Hinterleib zum Platzen bringt und seine Sporen verbreitet. Erstaunlicherweise sind die aufgedunsenen Fliegenkörper so attraktiv für gesunde Fliegen, dass diese durch die Pilzsporen gleich von neuem infiziert werden.

„Unheimlich viel Spaß“

Daneben bieten die Vorträge, die Günter Schütte hält, seine Kalender, vor allem aber seine Web-Seite www.schmallenberger-kleintiere.de ein wahres Füllhorn an wunderschönen Insekten: der wie mit Blattgold bestäubte Aurorafalter, der Goldglänzende Rosenkäfer, das Schlehengeistchen, die Rhododendron-Zikade, die Raupe der Ahornrinden-Eule oder die Kürbisspinne. „Früher hab ich das alles kaum gesehen“, sagt der Schmallenberger, der seine Fotos mit einer einfachen Digitalkamera macht und immer wieder aufs Neue begeistert ist vom Detailreichtum, der sich bei näherem Hinsehen entfaltet: „Es macht einfach unheimlich viel Spaß!“ Und was man angesichts der Fülle an Insektenarten kaum glauben mag: Günter Schütte ist ausschließlich auf Schmallenberger Gebiet unterwegs, der Authentizität wegen. Alle Schönheit und alles Drama der Welt der Insekten lässt sich also vor der eigenen Türschwelle erleben! Vielleicht schärfen ja auch Sie Ihre Sinne und schauen beim nächsten Summen, Zirpen oder Brummen mal genauer hin …