„Heimat wird von unten gestaltet“

Foto: Sonja Nürnberger

WOLL im Gespräch mit Nordrhein-Westfalens Heimatministerin Ina Scharrenbach

Ina Scharrenbach, die Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, steht in diesen Tagen im Zusammenhang rund um die Ereignisse am Hambacher Forst und der weiteren Entwicklung der Kohlepolitik im Blickfeld der Öffentlichkeit. Am Rande der Debatte zum Haushaltsplan 2019 im Landtag in Düsseldorf hatte WOLL die Gelegenheit für ein Interview mit der Heimatministerin.

WOLL: Was verbinden Sie persönlich mit dem Begriff Heimat?
Ina Scharrenbach: Meine Heimat ist die Stadt Kamen im östlichen Ruhrgebiet. Dort bin ich aufgewachsen und meine Familie und Freunde leben dort.

WOLL: Wie kann Nordrhein-Westfalen Heimat für die
hier lebenden Menschen sein?
Ina Scharrenbach: In Nordrhein-Westfalen ist Heimat sehr vielfältig. Es gibt viele Regionen mit unterschiedlichen Bräuchen und Traditionen. Sie alle haben etwas Einzigartiges, mit dem sie untrennbar verbunden sind. Mit unserer Heimatpolitik setzen wir ganz unten an, denn Heimat wächst von unten, wird von dort gestaltet – von den Heimatverbänden, den Schützenvereinen bis hin zur ehrenamtlichen Politik. So kann man die eigenen Besonderheiten der Region, der Heimat, pflegen und nach vorne gestalten. Das ist auch unser Ansatz und dafür haben wir das landeseigene Heimatförderprogramm ins Leben gerufen.

WOLL: Wie sieht dieses Heimatförderprogramm konkret aus?
Ina Scharrenbach: Das Programm besteht aus fünf Elementen, die aus zahlreichen Gesprächen mit Ehrenamtlichen in den letzten Monaten hervorgegangen sind. 150 Millionen Euro stehen bis 2022 zur Verfügung. Der „Heimat-Scheck“ fördert beispielsweise kleinere Projekte. Es ist geplant, 1.000 Projekte mit jeweils 2.000 Euro im Jahr zu fördern. Seit Beginn des Projektes am 15. August sind schon rund 250 „Heimat-Schecks“ vergeben worden. Das „Heimat-Zeugnis“ ist für größere Projekte mit einem Antragsvolumen ab 100.000 Euro gedacht. Die Landesregierung will damit diejenigen unterstützen, die sich um identitätsstiftende Orte und Bauwerke, ‚Zeugen‘ ihrer Heimat, kümmern und die die dazugehörige Geschichte oder Tradition in zeitgemäßer und interessanter Form aufarbeiten beziehungsweise präsentieren. Ein anderes der fünf Elemente ist der „Heimat-Preis“. Hierbei kann der Stadtrat einen Preis für Initiativen vergeben, die vor Ort Heimat gestalten. Das Preisgeld stellt das Land. Außerdem gibt es die „Heimat-Fonds“ und die „Heimat-Werkstatt“.

WOLL: Was sind die Hauptaufgabenbereiche einer Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung?
Ina Scharrenbach: Bei Kommunalem geht es um die kommunale Handlungsfähigkeit, also um die Finanzausstattung der Städte und Gemeinden. Denn wenn sie Heimat gestalten wollen, muss diese Handlungsfähigkeit gegeben sein. Das ist eine längerfristige Aufgabe, da die Kommunen in Nordrhein-Westfalen finanziell sehr unterschiedlich aufgestellt sind. Bei Bau sind es drei Abteilungen: Wir stellen die oberste Bauaufsicht, gestalten die öffentliche Wohnraumförderung und haben die Städtebauförderung. Letztere ist auch für das Sauerland von großer Bedeutung. Beim Thema Gleichstellung steht der Bereich Schutz und Hilfe für von Gewalt betroff ene Frauen, aber auch Männer, sowie die berufl iche Potentialentwicklung im Fokus. Dabei geht es im Moment vor allem darum, die typischen Rollenmodelle aufzubrechen und das Ausbildungswahlverhalten von jungen Frauen und Männern zu ändern. Heimat ist die Klammer für alle diese Bereiche und steht deswegen auch an erster Stelle. Im letzten Jahr wurde kurz nach meinem Amtsantritt die „Heimattour“ ins Leben gerufen, damals mit dem Auto, dieses Jahr zu Fuß (WOLL berichtete darüber im Extramagazin zur Schmallenberger Woche) und nächstes Jahr mit dem Fahrrad. Wir haben sehr viele Menschen getroffen, die es gut fanden, dass nun auch politisch versucht wird, zu begleiten und zu unterstützen, was vor Ort geleistet wird, sei es das historisch-kulturelle Erbe aufrecht zu erhalten, Traditionen zu pflegen oder neue Ideen zu vermitteln. Außerdem haben wir damit den Diskurs wieder angestoßen, was Heimat für jeden Einzelnen bedeutet.

WOLL: In ländlichen Regionen, wie dem Sauerland, genießt das Thema Heimat eine besondere Bedeutung. Was dürfen die ländlichen Regionen vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen in Zukunft erwarten?
Ina Scharrenbach: Die Landesregierung unterscheidet nicht zwischen Land und Stadt. Beide Räume haben ihre Herausforderungen. Für uns ist wichtig: Es gibt nur Menschen erster Klasse in unserem Land. Neben dem Heimatförderprogramm sind wir auch für die Dorferneuerung zuständig. Hier werden Orte mit bis zu 10.000 Einwohnern angesprochen, es sollen konkrete Dinge gefördert werden, die die Menschen dort bewegen. Wir wollen konkrete Projekte fördern, von denen die Menschen vor Ort profitieren. Wir nehmen durchaus wahr, dass das Engagement der Menschen in ländlichen Regionen sehr viel intensiver ist als das von denen in den Großstädten. Auch den kleinen Dörfern mit bis zu 2.000 Einwohnern wollen wir die Möglichkeit zur Entwicklung geben. Das war bisher nicht gegeben.

WOLL: Was lässt Ihr Herz höherschlagen, wenn Sie im Sauerland sind?
Ina Scharrenbach: Das Herz höher schlagen lässt mich im Sauerland vor allem die Natur, aber auch die Menschen und die Bodenständigkeit. Und natürlich gehört auch das Essen und Trinken dazu. Es sind ganz viele Faktoren, die die Region einzigartig machen.

WOLL: Die Menschen in den ländlichen Regionen haben häufig das Gefühl, dass ihre Orte, Städte und Gemeinden bei der strukturellen Entwicklung vergessen werden. Ist das so?
Ina Scharrenbach: Ganz und gar nicht. Tatsächlich fließt der überwiegende Teil der Städtebaufördermittel in den ländlichen Raum, aber dadurch, dass es viele Gemeinden sind, wird dies häufig nicht so wahrgenommen. Und das Sauerland ist die drittstärkste Wirtschaftsregion in der Bundesrepublik, das darf man nicht vergessen und darauf kann man auch stolz sein.

WOLL: Müsste es neben der Gleichstellung der Geschlechter nicht auch so etwas wie eine Gleichstellung der Regionen geben?
Ina Scharrenbach: Ein großes Thema ist hier natürlich die Breitbandversorgung. Eigentlich müsste Breitband genauso definiert werden wie Strom, Gas und Wasser. Dann hätten wir eine Verpflichtung zur Legung gehabt. Dies hat die Politik in der Vergangenheit jedoch versäumt. Deshalb ist es heute deutlich aufwändiger die ländlichen Regionen zu
versorgen, da die großen Anbieter erst einmal die kompakten Städte angeschlossen haben – dort erreichen sie mit relativ wenig Investitionsaufwand viele Menschen. Im ländlichen Raum besteht die Problematik, dass große Strecken überwunden werden müssen. Wir haben als Landesregierung dafür Sorge getragen, dass die Fördermittel, die zur Verfügung stehen, auch tatsächlich eingesetzt werden können. Mit dem Abruf von Bundesmitteln hinkten wir anderen Ländern lange deutlich hinterher. Wir legen großen Wert darauf, dass nun auch die ländlichen Regionen entsprechend versorgt werden, denn Breitband ist Daseinsvorsorge.

WOLL: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Sonja Nürnberger und Hermann-J. Hoffe.

Ausführliche Informationen zum Heimatförderprogramm gibt es unter www.mhkbg.nrw/heimat/Heimatfoerderprogramm