von Heike Schulte-Belke

Schützenkönigin im Sauerland zu werden, das muss schon ein besonderes Erlebnis sein. Wenn diese Erfahrungen dann noch von einer gebürtigen Ukrainerin gemacht werden, ist das wohl außergewöhnlich spannend.

Nadija Hochstein lebt seit über zwanzig Jahren im Sauerland und ist mittlerweile hier heimisch geworden. Auch die Erfahrungen, die sie als erste Schützenkönigin der Saison 2018 in Kückelheim machte, haben sie geprägt. „Als mein Mann mir damals erklärte, wie ein Schützenfest abläuft, war ich zuerst erschrocken. Ich dachte: Was sind das für seltsame Sitten? Man schießt auf echte Vögel, die zu Dutzenden vom Himmel fallen.“ Bis sich dann aufklärte, um was für einen Vogel es sich handelt.

In den ersten Jahren nahm sie nicht am Schützenfest teil, hätte sich nie vorstellen können, in der ersten Reihe zu marschieren. Aber nach und nach lernte sie Land und Leute und damit die Traditionen kennen – auch die Bedeutung des Schützenfestes für einen echten Sauerländer.

„Für meinen Mann Thomas war es immer schon ein Wunsch, einmal den Vogel zu schießen.“ Doch für Nadija musste die Idee erst wachsen, musste der Zeitpunkt erst kommen. „In diesem Jahr passte einfach alles: Es war eine freudige, entspannte Stimmung, die Sonne lachte uns an und auch mein Herz war offen“, erzählt die gelernte Diplom-Psychologin. „Da hat es einfach Klick gemacht.“ Und es sollte so sein: Schon kurz nach Beginn des Schießens fiel der Vogel als Ganzer von der Stange. So schnell, dass Nadija den Treffer und die damit verbundene Königswürde zuerst gar nicht realisierte.

Heute sagt sie, dass die vielen besonderen Eindrücke einfach einzigartig waren. „Die
Gemeinde, das ganze Dorf hat uns getragen und uns bei allem unterstützt. Obwohl wir zu dem Zeitpunkt schon in Schmallenberg wohnten, gehörten wir dazu, waren wir mittendrin.“ Und auch ihr wunderschönes Kleid hat dazu beigetragen, dass sie sich einfach rundherum wohlgefühlt hat in ihrer neuen Rolle – „eben wie eine echte Prinzessin“, schmunzelt
sie. „Es konnte nicht besser laufen, der Zeitpunkt war einfach perfekt. Es war ein tolles Fest mit toller Stimmung.“

Foto: Simon Föster

Beeindruckt ist Nadija Hochstein auch davon, wie sehr die Menschen hier an ihren Traditionen hängen. „Die Sauerländer haben tiefe Wurzeln und
kommen immer wieder zu ihrem Ursprung zurück“, bemerkt sie. Erst durch ihre eigenen Kinder hat sie die Wichtigkeit der Traditionen erkannt, und es erfüllt sie mit Stolz und Freude, Teil dieser Tradition geworden zu sein: „Das Schützenfest ist ein Teil des kulturellen Erbes.“

Und noch etwas hat die 47-Jährige begeistert: „Wie geordnet und routiniert alles abläuft, wie toll der Hofstaat anzusehen ist und wie engagiert die ganze Gemeinde ist – das Ergebnis lässt sich wirklich sehen.“
Als Großstadtmensch war es für Nadija eine große Umstellung, ins Sauerland zu kommen. Aus einer Stadt mit drei Millionen in ein Dorf mit knapp 90 Einwohnern zu ziehen, dazu noch konfrontiert mit einer völlig anderen Mentalität, stellt sicher eine große Herausforderung dar. Aber sie sagt auch: „Das Leben in einer Großstadt ist anonym, man kann sich beliebig ausklammern. Das Leben in einer kleinen Gemeinde hingegen verpflichtet uns.“ Und das alles möchte sie an ihre Kinder weitergeben. Denn: „Tradition trägt und stützt uns, sie gibt uns Sicherheit.“

„Ich bin zwar keine Sauerländerin, aber ich bin ein Teil vom Sauerland geworden“, sagt Nadija mit Überzeugung. Sie lebt gern im Sauerland, weiß Land und Leute sowie die ganz eigene Mentalität der Sauerländer zu schätzen. Doch ihre Heimat Kiew, wo ihre Wurzeln sind, hat sie dabei nie vergessen.

So viel Sauerländer Tradition, Gefühle, Eindrücke und angenommene Bräuche, wie sieht es denn da mit dem Woll-Sagen aus? „Noch ist das ‚Woll‘ nicht in meinem Wortschatz“, sagt Nadija. Aber wichtiger sei doch auch, dass man mit dem Herzen hier ist.