American Football begeistert das Sauerland

Sie halten in der Verteidigung der Brilon Lumberjacks die Reihen dicht: Sebastian Spieß aus Bestwig (links) und Julius Hilbich aus Olsberg.

Bei den Brilon Lumberjacks spielen Mescheder, Bestwiger und Olsberger mit

Seit zwei Jahren ist das Hochsauerland um eine Sportart reicher: Am 13. Februar 2016 fand das erste Training der Brilon Lumberjacks statt. Sebastian Spieß und Julius Hilbich erinnern sich genau an dieses Datum, denn sie waren dabei. Der 33 Jahre alte Gesundheits- und Krankenpfleger aus Bestwig-Ostwig und der 23 Jahre alte Industriemechaniker aus Olsberg gehörten zu den Ersten, die in Brilon American Football spielten. Mehr als um den sportlichen Erfolg ging es damals um die Frage, ob die Vereinsgründer überhaupt eine Mannschaft zusammenbekommen. Denn anders als zum Beispiel im Fußball besteht der volle Kader eines American-Football-Teams aus 53 Spielern.

„Ich habe mich immer schon für diesen Sport interessiert. Habe früher viele Filme gesehen, in denen American Football eine Rolle spielte“, erzählt Sebastian Spieß. Klassischerweise führte ihn der Weg im Alter von sechs Jahren erst einmal zum Fußball. Doch sein Blick war immer wieder in Richtung Paderborn und Hamm gerichtet, wo es schon länger Football-Teams gibt, die Dolphins und die Aces. „Beide Städte waren aber zu weit weg, um regelmäßig dort zu trainieren“, sagt Sebastian Spieß. Als Anfang 2016 die gerade geründeten Brilon Lumberjacks Interessierte für das erste Training suchten, war er sofort dabei.

So ging es auch Julius Hilbich. Er nutzt das Training als Ausgleich für den oft stressigen Schichtdienst. Auf dem Spielfeld steht er hinter Sebastian Spieß. Beide spielen in der Defense, der Verteidigung. Ihr Job ist es, die angreifende gegnerische Mannschaft am Raumgewinn zu hindern, ihr im besten Fall den elliptisch geformten Ball abzunehmen und damit das Angriffsrecht für das eigene Team zu erstreiten. Als sogenannter Linebacker steht er in der zweiten Reihe der Defense. „Ich nehme alles, was Du durchlässt“, sagt er zu Sebastian Spieß, dessen Position Defense End heißt. Um dafür fit zu sein, macht er auch Kraftsport. „Das ergänzt sich sehr gut, wenn ich wegen meines Schichtdienstes mal nicht zum Training der Lumberjacks kommen kann.“

Julian Freise ist der Quarterback der Lumberjacks – die bekannteste Position auf dem Feld, „weil das der Typ aus den High School-Musicals ist“, sagt er.

Die bekannteste Position beim American Football ist der Quarterback. „Weil das der Typ aus den High School-Musicals ist“, sagt Julian Freise mit einem Lachen. Der 29-Jährige aus Bestwig ist der Quarterback der Brilon Lumberjacks. In dieser Saison zum ersten Mal von Anfang an. Eigentlich kommt auch er aus der Verteidigung. „Beim American Football sind wir ein Team. Der Quarterback ist ein Spieler wie alle anderen. Für die Zuschauer ist es aber die bekannteste Position.“ Als zentraler Spieler der Offense, des angreifenden Mannschaftsteils, ist er bei jedem Spielzug auf dem Feld. Er sagt den nächsten Spielzug an, verteilt die Bälle an seine Mitspieler, muss immer die Übersicht behalten.

Die Antwort auf die Frage nach seinem Vorbild überrascht: nicht Tom Brady, der Star-Quarterback der New England Patriots, der fünfmal den Super Bowl gewann, sondern Derek Carr von den Oakland Raiders. „Mir gefällt seine Führungs- und Spielstärke. Er ist agil, behält dabei die Übersicht, spielt ruhig und präzise.“ So möchte Julian Freise in dieser Saison auch in der NRW-Landesliga spielen. Die Gegner der Brilon Lumberjacks sind dabei die Iserlohn Titans, die Lippstadt Eagles und zwei Teams vom Niederrhein, die Bocholt Rhinos und die Kleve Conquerors.

An den einen oder anderen Erfolg in der Landesliga glaubt auch Sören Frieburg, 23 Jahre alter Dachdecker aus Bigge. „Vor allem aber hoffe ich, dass wir sehr viel Spaß haben werden.“ Sein Bruder Lars ist von Anfang an ein Lumberjack. Im vergangenen Jahr hat er Sören zum Probetraining mitgenommen. Seine Freunde aus dem Musikverein Olsberg, wo Sören Posaune spielt, finden es „ganz cool“, seitdem einen Defense End in ihren Reihen zu haben. Die Begeisterung der Zuschauer hat ihn positiv überrascht: „Ich hätte nicht gedacht, dass unser Sport hier so gut angenommen wird“, sagt Sören Frieburg. „Dass zu jedem unserer Heimspiele 500 Zuschauer kommen, ist genial!“

Für Peter Volpert ist der Zusammenhalt der Mannschaft die größte Motivation, dabei zu sein. Der 31 Jahre alte Technische Berater im Außendienst aus Meschede-Remblinghausen war 2017 längere Zeit verletzt, als die Lumberjacks in der Aufbauliga NRW-Ost spielten. Von den acht Spielen der Saison konnte er nur fünf bestreiten. „Das Team steht hinter Dir, auch wenn es Dir nicht gut geht“, sagt er. „Meine Mannschaftskameraden haben mich im Krankenhaus besucht, haben sich per WhatsApp erkundigt, wie es mir geht. Ich hatte immer das Gefühl, dazuzugehören.“

„Football is family“ heißt es unter den Spielern oft. Dass das wirklich so ist und dass es weltweit gilt, durfte Julius Hilbich Ende März bei einem Trainingscamp in Portugal erfahren. Dort traf er Barkevious Mingo und Jabaal Sheard. Die beiden Profis aus den USA spielen bei den New England Patriots. Dieser Verein ist so etwas wie der FC Bayern München der höchsten amerikanischen Profiliga NFL. Beide spielen dort als Linebacker, also auf der gleichen Position wie Julius Hilbich bei den Brilon Lumberjacks. Nach dem Ende der Saison in den USA nahmen sich die beiden Profis die Zeit, in Portugal mit Nachwuchsspielern aus ganz Europa zu trainieren – eine ganz besondere Erfahrung für den 23-jährigen Olsberger.

Auch wenn die Brilon Lumberjacks vor zweieinhalb Jahren aus einer Wette um einen Kasten Bier heraus gegründet wurden – sie sind keine Thekentruppe, sondern treten mit ernsthaften Ambitionen in der Landesliga an. Mit einem Trainingslager, Testspielen und einem Vorbereitungsturnier im Frühjahr haben sich die Footballer auf die Saison vorbereitet. Neue Interessierte sind jederzeit willkommen. „American Football ist ein Sport für alle“, sagt Headcoach Axel Hoepfner. „Egal ob jung oder alt, sportlich oder noch unsportlich, dick oder dünn, bei uns findet jeder Spieler seinen Platz.“ Große, kräftige Typen werden zum Beispiel in der Defense gebraucht, die Offense freut sich über sprintstarke und flinke Läufer. „Auf den ersten Blick ist American Football vielleicht schwer zu verstehen“, ergänzt Quarterback Julian Freise. „Deshalb kann ich jedem nur raten, zu uns zu kommen und es einfach auszuprobieren.“

Die aktuellen Trainingszeiten und die Spieltermine dieser Saison gibt es auf der Facebookseite der Brilon Lumberjacks: facebook.com/brilonlumberjacks.

 

Seit gut zwei Jahren bereichert American Football das Sportangebot im Sauerland. In dieser Spielszene aus der Saison 2017 hatten die Brilon Lumberjacks die Herne Black Barons zu Gast.
Mi t der Nummer 72 steht Peter Volpert aus Meschede-Remblinghausen auf dem Platz, hier beim Heimsieg 2017 gegen die Iserlohn Titans.

Text und Fotos von Mario Polzer