Tom Astor – Gegen den Strom und mit der Zeit

Foto: Ralf Litera
Foto: Ralf Litera

Tom Astor und Gisbert Baltes sind langjährige Weggefährten. Der Journalist und TV-Autor begleitete die Musiklegende schon in den 70er Jahren zu seinem ersten großen Auftritt in die legendäre ZDF-„Drehscheibe“ nach Mainz. Die Sendung war Kult. Tom Astor legte einen fulminanten Liveauftritt mit der deutschen Version des „Song Sung Blue“-Hits von Neil Diamond hin: „Komm, komm, komm, Mädchen meiner Träume“ sang der junge Star aus Schmallenberg in die Fernsehkameras und eroberte damit in Deutschland prompt die Charts. Noch am gleichen Abend fuhren die zwei von Mainz weiter nach Mannheim, wo Tom mit seinem neuen Song noch spät am Abend einen Auftritt in einer Diskothek hatte, anschließend groß gefeiert wurde und… „versackte“. Baltes setzte sich daraufhin mitten in der Nacht hinters Steuer von Astors Daimler und chauffierte „seinen“ Künstler von
Mannheim in Richtung Schmallenberg, vergaß dabei aber mit zunehmender Müdigkeit, auf die Tankuhr zu schauen. In den frühen Morgenstunden fuhr er in Höhe des Biggesees das Auto rappeltrocken, während Tom auf dem Beifahrersitz selig vor sich hinschlummerte. Gisbert Baltes musste sich dann notgedrungen zu Fuß mit einem blauen Kanister einige Kilometer auf den Weg zur nächsten Tankstelle machen … „I’m walking“ aus der Aral-Werbung ließ grüßen. Und dann gibt es noch eine Gemeinsamkeit – nachzulesen im Buch „Tom Astor – 50 Jahre Live on Stage“: „Gisbert Baltes, Redakteur beim WDR und Sauerländer Landsmann, machte eine Reportage in Winterberg. Auf dem Rückweg schaute er wie üblich in der Grimmestraße vorbei. Bald saß man im kleinen Studio im Keller, wo ihm Tom seine neuen Aufnahmen vorspielte. Als Gisbert „Hallo, guten Morgen Deutschland“ hörte, sprang er elektrisiert auf … Das Ding wollte er unbedingt in seiner Sendung spielen …!“ Gesagt, getan. Die anderen Sender machten es dem WDR nach: 1985 ging der Song ab wie eine Rakete. Das war der Durchbruch. Mit der Karriere des Schmallenberger Sängers ging es von da an steil bergauf. Jahrzehnte sind seitdem ins Land gegangen. Tom Astor feierte 2013 als deutsche Country-Music-Legende sein 50-jähriges Bühnenjubiläum und in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Gisbert Baltes traf sich aus diesem Anlass mit ihm in Schmallenberg und die beiden plauderten über alte Zeiten, über Gegenwart und Zukunft. Dabei herausgekommen ist ein exklusives Top-Interview fürs WOLL-Magazin.

War das eigentlich schon als kleiner Junge dein Wunsch, einmal ein großer Sänger zu werden?
Nein – war es nicht. Aber ich war schon mit zehn, elf Jahren total musikbegeistert. Ich bin dann immer ins Wohnzimmer gegangen, da hatten meine Eltern noch Schellackplatten – die hab ich mir angehört: von meinem Vater „Alte Kameraden“ und so was. Dann aber habe ich mein Taschengeld gesammelt und mir selber Schallplatten davon gekauft. Ich war auch hungrig, denn ich wollte nicht irgendwas Bestimmtes hören, sondern alles, was es gab: Deutsches und Rock’n Roll. Die erste Platte, die ich kaufte, das war Elvis mit „Tutti Frutti“!

Und die ging ja ganz schön ab …
Und wie! Die hat mich begeistert. Wir hatten zuhause so eine Truhe mit Radio und Schallplattenspieler. Ich hab‘ dann die Platte aufgelegt und volle Kanne aufgedreht. Mein Vater fand das schrecklich, stürmte ins Wohnzimmer und schrie: „Was ist das denn?? Das ist amerikanischer Schund!!“ (Tom lacht). Dann hat er die Platte genommen und sie aus dem Fenster geschmissen. Also: Da konnten er und seine Generation überhaupt nichts mit anfangen. Aber für uns war das Musik von jungen Leuten für junge Leute: Wir fühlten uns frei nach diesen Kriegsjahren. Die Songs waren laut und wild. In gewisser Weise eine Befreiung.

Dein Papa war was?
Er war Getränkegroßhändler in Schmallenberg. Bei dem gab’s alles. Die Limonade hat er sogar selbst hergestellt.

Wie war denn deine Kindheit?
Ich war wohl gerade zwei Jahre alt, als meine Mutter mich auf dem Arm hatte und die Amerikaner einen Bombenangriff auf Schmallenberg flogen. Sie ist dann mit mir in den Keller und hat sich schützend über mich geworfen. Ansonsten hatte ich eine Kindheit
mit allem, was dazugehörte: Fußball, Cowboy und Indianer. Sogar Brieftauben und immer wieder Musik. Ich hatte zwei ältere Schwestern: Die Jüngste war zehn Jahre älter als ich. Mein Bruder war vier Jahre jünger. Ich ging in die Volksschule, hatte Freunde. Nach der  Volksschule hab‘ ich dann ein Jahr Handelsschule absolviert und danach eine Lehre als Hotelkaufmann gemacht, in Altena im Märkischen Hof. Das war das erste Haus am Platze. Ich habe dort sogar Ludwig Erhard, den Vater des Deutschen Wirtschaftswunders, bedient. Ich machte da alles, von der Rezeption über Küche bis zum Kellnern – und habe die Lehre erfolgreich abgeschlossen. Den Märkischen Hof gibt’s heute nicht mehr.

Du wolltest also Hotelkaufmann werden?

Inzwischen gab es drei Berufswünsche: Hotelkaufmann, Pilot oder irgendwas mit Musik. Das war ja die Zeit, als im Radio die sogenannten „Bunten Abende“ übertragen wurden. Die habe ich mir immer angehört und dabei genau auf die Solisten geachtet. Ich fand das toll, wie souverän die ihre Titel interpretierten. Letztlich ausschlaggebend war dann wohl eine Sendung vom WDR aus der Stadthalle bei uns in Schmallenberg. Mit Peter Frankenfeld – live! Das war für Schmallenberg der Hammer! Da kam die große weite Welt ins Sauerland. Frankenfeld war damals eine Institution, und der hatte die Stars alle im Gepäck, unter anderen Fred Bertelmann („Der lachende Vagabund“). Wie der auf der Bühne stand mit seiner Ausstrahlung und live vor den Leuten sang – da habe ich hinterher gedacht: So was solltest du eigentlich auch machen …
Dann hat meine Oma mir‘ ne Gitarre gekauft. Daraufhin hab‘ ich dann alle möglichen Leute angemacht, die ein wenig Gitarre spielen konnten. Da gehörte mein Schwager zu, da gehörte aber auch Werner Leismann dazu, der mir einige Griffe zeigte …

Wo du gerade Werner Leismann
erwähnst: An die Geschwister Leismann, Renate und Werner, beide aus Schmallenberg und inzwischen verstorben, gibt es keine öffentliche Erinnerung. Ist das nicht schade? Schließlich haben die zwei in der Volksmusik und im Schlager deutsche Musikgeschichte geschrieben …
Ja, im Grunde gebe ich dir Recht. Nur: Ich mag da keinen Einfluss nehmen. Die Leute, die das Sagen haben, haben vermutlich keine Verbindung dazu. In Amerika wäre so etwas unmöglich. Da gibt’s in jeder Stadt, wo ein Country-Star oder ein anderer Musikstar herkommt, riesige Bronzestatuen, Museen und was weiß ich alles. Die Amis kommen mit dem Bus und schauen sich das an. Aber das ist bei uns wohl schwieriger als woanders …

Hattest du dir nach deiner Lehre als Hotelkaufmann diese Musikkarriere so ausgemalt?
(Tom lacht) Ich hatte mir überhaupt keine Karriere ausgemalt. Ich wollte einfach versuchen, meinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen. Also Auftritte mit Tanzmusik und so. Ich saß dann mit Freunden aus Köln in einer Kneipe in Schmallenberg nett beim Bierchen zusammen, und da hing eine Gitarre an der Wand. Nach dem dritten Bier hab‘ ich mir die genommen und einen geträllert, und da haben sie Bauklötze gestaunt und auf mich eingeredet: „Hey, du musst unbedingt mal nach Köln kommen, zum Talentwettbewerb!“ Das habe ich energisch abgelehnt. „Das mache ich nicht!“ Aber die haben immer weiter auf mich eingeredet mit „Komm, spiel noch einen!“ und so – und dann, nach weiteren Bierchen, haben wir eine Wette gemacht: Sechs Flaschen Sekt! Wenn ich komme, bekomme ich die, und wenn ich nicht komme, muss ich die bezahlen. Ich hab‘ dann den Auftritt in Köln gemacht, alleine auf der Bühne mit meiner Gitarre, habe von Dean Martin den schönen Song „Tik-a-Tee, Tik-a-Tay“, wie im Original halb in Englisch und halb in Italienisch, gesungen. Und siehe da: Das Publikum stimmte ab und ich wurde Erster! Und bekam die sechs Pullen Sekt …

… und gehst nach 55 Bühnenjahren als deutsche-
Countrymusic-Legende in die Musikgeschichte ein. Wie fühlt sich das an?
Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Privat wie beruflich. Aber es war am Anfang meiner Country-Karriere total schwer. Es gab ja keine Lobby für diese Art von Musik. Da war dieses bekannte Schubladendenken in Deutschland. Country Music ist ja längst internationale Popmusik. Aber wenn man mal überlegt, wer sich da bedient hat! Das fing in den 50er Jahren schon an: Peter Alexander hatte einen Riesenerfolg mit seinem Schlager „Ich zähle täglich meine Sorgen“ – in Wirklichkeit war das Original ein amerikanischer Country-Song: „Heartaches by the number“, geschrieben von Harlan Howard 1959. Es gibt noch andere Beispiele: Dolly Parton, 1974, „I will always love you“ – Whitney Houston coverte den Song und machte daraus einen Welthit. Ich denke, dass es in jeder Musikrichtung Gutes und Schlechtes gibt, Herausragendes und Nicht-so-Herausragendes, und deswegen mag ich es nicht, wenn man sagt: Der macht das, und der macht das, und der macht „nur“ das. Man soll einfach das tun, was man empfindet, und das, was einem Spaß macht. Das merken die Leute! Voraussetzung: Man meint es ehrlich.

Hast du dabei auch schon mal an dein Alter gedacht?

Ehrlich gesagt: Ich habe nie über das Älterwerden nachgedacht. Auf einmal war ich 75, aber wie gesagt: Ich spiele immer noch. Dass das noch geht, da bin ich schon sehr dankbar. Allein in diesem Jahr zum 33. Mal in ununterbrochener Folge beim Truck-Grand-Prix auf dem Nürburgring – mit meiner Band. Das hat noch keiner vor mir geschafft. Aber das macht mir ja auch sehr viel Spaß, mit so einer jungen Truppe und mit so jungem Publikum. Wenn dann 50.000 oder 60.000 deine Lieder mitsingen, fühlt man sich richtig wohl. Zum Beispiel bei „Flieg, junger Adler“ oder „Hallo, guten Morgen Deutschland“.

Hast du mal mit dem Gedanken gespielt,
Schmallenberg, die Provinz, zu verlassen?
Ja – das ist aber lange her. Ich war damals viel in Nashville/ Tennessee zu Plattenaufnahmen und hatte mir dort auch ein Haus angeschaut. Aber da habe ich mir hinterher gedacht: Das ist doch ein Ding der Unmöglichkeit. 100.000 Musiker aus der ganzen Welt wollen jedes Jahr in Nashville Karriere machen. Wie soll das gehen? Also hab‘ ich mir gesagt: Bleib mal schön zu Hause und plan deinen Job von Schmallenberg aus. Und das hat dann ja auch gut geklappt.

Wie hältst du dich fit?

Ich laufe sehr gerne durch unsere schönen Wälder. Und ich mache seit einem Jahr QiGong. Und zwar mit Hilfe meiner lieben Frau Margareta. Sie ist eine wunderbare QiGong- und TaiJiQuan-Lehrerin und sie hat mir viele tolle Übungen gezeigt, die für meine Gesundheit gut sind. Jeden Morgen mache ich 20 Minuten meine Übungen.

Was hörst du privat für Musik, wenn du welche hörst?

Ich komme privat fast nicht zum Musikhören. Aber wenn, dann kommt das auf meine Stimmung an. Ich höre sehr gerne meine Langspielplattensammlung aus früheren Zeiten mit den großen Big Bands aus dem Jazzbereich, Count Basie oder Duke Ellington. Dann habe ich eine Riesensammlung mit Tschaikowski-Klavierkonzerten und natürlich – aus beruflichen Gründen – immer die neuesten Country-Produktionen aus Amerika.

Was war dein emotionalster Augenblick auf der Bühne?

Es gibt zwei Augenblicke, die ich in meinem Leben nie vergessen werde. Zunächst am 9. November 1989: Ich hatte im Hansa-Studio in Berlin zu tun, um mein Album „Junger Adler“ zu mischen, und konnte aus dem Studiofenster direkt auf die Berliner Mauer blicken. Ich wurde Augenzeuge, als die Bagger anrückten und Teile der Mauer einrissen, und dann erlebte ich hautnah, wie die Menschen von Ost-Berlin rüber nach West-Berlin strömten. Das war schon sehr emotional. Und dann zwei Tage später – am 11. November 1989: Ich hatte einen Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle beim Country-Festival. Die Halle war gerappelt voll, darunter – was ich nicht wusste – unzählige Menschen aus der DDR, die die Tickets nach dem Mauerfall kostenlos bekommen hatten. Und dann wurde ich angesagt und sang „Hallo, guten Morgen Deutschland, ich wünsch‘ Dir einen guten Tag!“ Die Halle tobte und ich bekomme jetzt noch Gänsehaut und feuchte Augen, wenn ich an diesen Moment zurückdenke: an mein Lied zur Wiedervereinigung. War das eine Freude!

Wie groß war denn deine Freude, als deine Tochter Agnetha die Idee hatte, die Tom-Astor-Musikschule in Schmallenberg in deinem Studio aufzumachen?
Ja, groß: Ich habe zwei Minuten nachgedacht und bin dann aber schnell zu der Überzeugung gekommen: Och ja, finde ich eine gute Idee. „Mach es“, habe ich ihr gesagt.

Und wie läuft’s?

Hervorragend. Agnetha hat da innerhalb kurzer Zeit etwas Tolles aufgebaut. Die Nachfrage ist groß. Inzwischen hat sie auch ihren Bruder überredet, der kommt regelmäßig von Köln und unterrichtet in der Musikschule …

Leif, der Bruder, lebt in Köln und studiert an der Musikhochschule.
Wie intensiv ist die gegenseitige Unterstützung von Vater und Sohn?
Na gut, er spielt bei mir in der Band. Das ist für mich so ein Ruhepunkt. Wenn er da ist, weiß ich, heute Abend brauchst du dir keine Gedanken zu machen, dass irgendetwas schiefläuft. Der hat das voll im Griff, und er hat ja auch mein jüngstes Album „Gegen den Strom“ produziert …

… das gerade sehr erfolgreich gestartet ist. Die
Schlagzeile bei den Country-News lautete im März 2018: „Tom Astor entert die Top 30!“
Ja. Der Einstieg war nicht schlecht: Platz 27!
Herzlichen Glückwunsch, Tom …
Danke. Läuft gut.

Erschienen ist das Album auch als Langspielplatte auf
Vinyl. Bei der Gelegenheit frage ich dich: Wie groß ist die Nachfrage nach der guten alten LP?
Riesengroß. Manche Presswerke kommen nicht mehr mit. Vinyl ist absolut in. Die Nachfrage ist gewaltig. Ich bin froh, dass wir das gemacht haben.

Bei deinem Album „Gegen den Strom“ mit 14 neuen
Titeln hat kein Geringerer als Wolle Petry die Chor-Passagen miteingesungen. Wie war das?
Super. Der ist ein so toller Sänger – einmalig! Auf seinem 65. Geburtstag hatten Kollegen verschiedene Songs von ihm eingesungen – unter anderem Otto, Reinhard Mey, Karat und viele mehr. Ich auch. Wir haben ihn damit zum Geburtstag überrascht und ihm das Album „Wolfgang Petry und Freunde – Die Zeit mit Dir“ geschenkt. Ich bin darauf mit „Sommer in der Stadt“ zu hören. Deswegen habe ich diesen Song auch als Bonustrack auf meinem neuen Album veröffentlicht.

„Gegen den Strom“ hast du das Album genannt.
Aus gutem Grund?
Ja, aus gutem Grund. In all den Jahren habe ich nie Wert darauf gelegt, mit modischen Strömungen, mit irgendwelchen Trends, ja, mit dem Mainstream allgemein mitzuschwimmen. Deswegen habe ich meinen jahrzehntelang gelebten Ansatz zum Motto gemacht: Gegen den Strom. So singe ich im Song „Brave Rebellen“: Brave Rebellen – sind wir noch heute Für Populisten keine Beute …

Was wünschst du dir angesichts einer immer
schwieriger werdenden Welt für die Zukunft?
Auch da gibt einer meiner Songs auf dem neuen Album die Antwort. „Damit es so bleibt“ heißt er und im Refrain singe ich:
Damit es so bleibt
Wie es ist, wie es war
Müssen wir viel verändern
Sonst läuft man Gefahr
Dass irgendwann
Nichts mehr so bleibt
Denn wenn wir nichts bewegen
Überholt uns die Zeit

Tom, ich danke dir fürs Gespräch.
Ich dir auch.