Der Fußball erdrückt viele Sportarten: Die Leichtathletik kämpft um Talente

Foto: S.Droste
Foto: S.Droste

„Wunderbar, kraftvoll, ästhetisch und voller Dynamik“, so umschreibt Oliver Ollesch seine Sportart. Der 18-jährige Schüler ist Sprinter, sein Verein der TSV RW Wenholthausen. „Hop, Step, Jump“, so fasst Marie Berghoff die drei Kernelemente ihrer wichtigsten Disziplin zusammen. Die 18-jährige Schülerin ist Dreispringerin, auch im Hochsprung ist sie voll dabei. Ihr Verein ist der TuS Oeventrop, seit Jahrzehnten eine erfolgreiche Leichtathletik-Schmiede. Oliver und Marie sind hoffnungsvolle Aushängeschilder und Vorbilder der Leichtathletik-Szene im HSK, die es wahrlich nicht leicht hat. „Der Fußball erdrückt viele Sportarten. Die Leichtathletik und andere Sportarten haben es daher sehr schwer“, sagt Reiner Geinitz, Cheftrainer des Leichtathletik-Centrums Veltins Hochsauerland (LAC), in dem sich 20 Stammvereine zusammengeschlossen haben.

Der 66-jährige Geinitz, Diplom-Sportlehrer aus Leipzig und seit 25 Jahren Cheftrainer des LAC, weiß, wovon er spricht. „Im Altersbereich 12 und 13 haben wir eine gute Basis, ab 15, 16 wird sie dünner. Die Leichtathletik ist eine Einzeldisziplin, die hat es wesentlich schwerer als der Mannschaftssport Fußball. Zudem gibt es außerhalb des Sports vielfältige Angebote.“ Früher sei das anders gewesen: „Bis 2007/2008 war mehr los, da trieben viel mehr Jugendliche Leichtathletik. Danach ging die Zahl zurück. Zum jährlichen LAC-Trainingslager in den Osterferien sind wir immer mit 30 bis 40 Personen gefahren, darunter sehr viele 16- bis 19-Jährige. Jetzt müssen wir in den Altersklassen weit runtergehen, um eine Gruppe mit bis zu 40 Sportlern für das Trainingslager zu erreichen.“

Wie kann das Interesse an der faszinierenden und ästhetischen Sportart Leichtathletik, die zu Recht als „Mutter des Sports“ gilt, wieder geweckt, gestärkt und stabilisiert werden? „Wir müssen in die Schulen gehen und um die Kinder werben“, so Geinitz.
„Zudem brauchen wir Vorbilder, in Deutschland und auch im Sauerland.“ Im Bundesgebiet erfährt die Leichtathletik bereits wieder einen Aufschwung.

Hartes Trainingspensum

Vor Ort sind vor allem Oliver Ollesch und Marie Berghoff Vorbilder. „Beide sind hochmotiviert“, meint Geinitz. Fünf- bis sechsmal wird in der Woche trainiert, das Pensum beträgt immer über zwei Stunden. „Ich trainiere gerne“, betont Oliver, Schüler des Olsberger Berufskollegs (Elektronischer Assistent). Seine Freiluft-Bestzeit über 100 Meter beträgt 10,97 Sekunden; sein Ziel ist es, den Sauerlandrekord von 10,76 zu knacken. „Ich will mich Schritt für Schritt weiterentwickeln.“ Seine eigentliche Stärke sind aber die 200 Meter, mit einer Bestzeit von 21,94 Sekunden, erzielt in der Halle. „Er muss seine Grundschnelligkeit noch verbessern. Das wird er schaffen, weil er alles für seine Sportart macht. Er trainiert hart, informiert sich und richtet auch seine Ernährung nach dem Sport aus“, sagt Geinitz über seinen Schüler. Vielleicht liegt Olivers Zukunft aber auf der 400-Meter-Strecke. „Oliver kann sich bis zur Erschöpfung quälen, er kann sich auskotzen.“ Seine höheren Ziele für diese Saison umschreibt Oliver, dessen Vorbilder – na klar! – Usain Bolt und Julian Reus sind, so: „Ich möchte bei der U20-DM starten und mich auch für die U20-Europameisterschaft qualifizieren.“ Einen wichtigen Schritt schaffte er Ende Februar in Halle an der Saale bei der U20-DM in der Halle: Er lief über 200 Meter auf Platz vier und wurde für die deutsche 4×200-Meter-Staffel für den Hallen-Dreiländerkampf zwischen Frankreich, Italien und Deutschland Anfang März in Nantes nominiert.

Faszinierender Dreiklang: Hop, Step, Jump

„Voll angreifen“ will auch Marie Berghoff, die im Sommer ihr Abitur am Berufskolleg Olsberg baut, danach ein duales BWL-Studium beginnen und beim Hüstener Lichtunternehmen Trilux arbeiten wird. Ihr Schwerpunkt liegt im Dreisprung, mit einer bisherigen Bestweite von 12,07 Metern. Auch im Hochsprung ist die Oeventroperin, deren Mutter unter dem Mädchennamen Claudia Hachmann eine klasse 800-Meter-Läuferin war, mit bisher 1,73 Metern gut dabei. Über den Sprunglauf ist Marie zum faszinierenden sportlichen Dreiklang „Hop, Step, Jump“ im Dreisprung gekommen. „Mein wichtigstes Ziel ist es, verletzungsfrei zu bleiben.“ In der letzten Saison hatte sie mit einigen Verletzungen zu kämpfen, nachdem sie zuvor auch national auf sich aufmerksam gemacht hatte und einige Male knapp am Podium vorbeigesprungen war. Daher lautet ein weiteres Ziel: „Bei der Deutschen U20-Meisterschaft Ende Juli in Rostock möchte ich Bronze gewinnen.“

Natürlich sind Marie und Oliver nicht die einzigen Talente im Sauerland. Sven Hültenschmidt (TV Herdringen), mit 14 Jahren im Weit- und Hochsprung sowie im Schlagball-Wurf auf einem sehr guten Weg, der 16-jährige Dreispringer und Sprinter Lukas Klemens (TuS Rumbeck), Sprinter Steffen Brüggemann (16, TV Calle) und Melanie Struwe (TSV RW Wenholthausen), die mit 17 Jahren im Hochsprung 1,71 Meter erreicht hat, sind weitere große Talente. „Wichtig ist, dass sie bei der Stange bleiben und zielgerichtet ihren Weg gehen“, erklärt Geinitz, der voll des Lobes über die Kooperation mit den 20 Vereinen innerhalb des seit 1997 bestehenden LAC Veltins Hochsauerland ist: „Die Zusammenarbeit
mit den Heimtrainern der Vereine läuft gut.“ Geinitz wird altersbedingt Mitte des Jahres sein Engagement im Sauerland beenden. „Die Arbeit hat mir immer Spaß gemacht. Auch wenn es die Leichtathletik nicht leicht hat: Sie ist und bleibt die Kernsportart. Davon profitieren alle anderen.“

von Paul Senske