Eine Revolution der Denkweise im Fußball: Der Neheimer Dr. Michael Senske und Dr. Patrick Balzerowski entwickeln völlig neues Spielanalyseverfahren

Foto: Patrick Feldmann
Foto: Patrick Feldmann

Wenn sein VfL Bochum trifft und Dr. Michael Senske auf der Osttribüne des Ruhrstadions steht, dann ist Fußball auch für den Chemiker nur eins: pure Emotion. Dabei hat der 30-jährige Neheimer zusammen mit dem ebenfalls 30-jährigen Chemiker Dr. Patrick Balzerowski die DNA des Spiels entschlüsselt und ein Verfahren entwickelt, das die Denkweise in Profi- und Amateurclubs auf den Kopf stellen kann.

Wissenschaftliche Methodik macht Mannschaften erfolgreicher

Alles begann vor fast drei Jahren. Die damaligen Chemiestudenten, beide mit einem ausgeprägten Faible für Fußball, erfuhren über die Medien von Matthew Benham. Der englische Physiker hatte ein Analyseverfahren entwickelt, mit dem er es geschafft hat, zwei doch eher unbedeutende Clubs innerhalb kürzester Zeit deutlich zu verbessern. Der dänische Club FC Midtjylland ist durch Benhams Verfahren sogar Meister geworden. Sofort war den beiden Chemikern Senske und Balzerowski klar, dass auch sie mit ihren naturwissenschaftlichen Fähigkeiten in der Lage sein könnten, Fußballspiele so zu analysieren, wie es vor ihnen noch keiner gemacht hat. „Wir haben zu Beginn erst mal damit begonnen, eine eigene kleine Datenbank aufzubauen. Die bestand allerdings nur aus den Faktoren Aufstellung, Auswechselungen und Tore, denn diese Daten sind frei zugänglich“, erklärt Michael Senske. „Anhand dieser überschaubaren Daten waren wir schnell in der Lage, ein Analysesystem zu entwickeln, anhand dessen sich belegen lässt, wie wichtig ein Spieler für die jeweilige Mannschaft ist. Diesen Wert nennen wir Player Impact.“ „Wir erkennen, welche Spieler im Mannschaftsgefüge wichtig sind.“
Die beiden Forscher meldeten sich mit ihrer Idee und ihren ersten Erkenntnissen beim VfL Bochum und wurden direkt eingeladen. „Wir konnten anhand unseres Verfahrens fünf Spieler herausstellen, die für die damalige VfL-Mannschaft besonders wichtig waren. Darunter war auch Onur Bulut, den kaum einer kannte, weil er so unauffällig spielte.
Aber wir konnten zeigen, dass er enorm wichtig für die Mannschaft war – er hatte also einen sehr hohen Player Impact“, sagt Patrick Balzerowski. Und die beiden bekamen Recht: Vier der fünf Spieler, die ihnen aufgefallen waren, haben kurz darauf gewechselt. Bulut zum Beispiel ging zum Erstligisten SC Freiburg.

„Außerdem konnten wir belegen, dass der spätere Weltmeister Christoph Kramer (von 2011 bis 2013 in Bochum) einen besonders hohen Player-Impact-Wert hatte, und wir konnten im Falle von Mario Götze zeigen, dass seine Mannschaft plötzlich ohne ihn leistungsfähiger war als mit ihm. Da wusste nicht mal er selbst von seiner Stoffwechselerkrankung“, so Senske.

Alles im Fußball beruht auf subjektiven Entscheidungen

Aber wissen nicht gerade im Profibereich die Clubs selber, welcher Spieler für sie wichtig ist? „Erstaunlicherweise wird in Deutschland im Profifußball sehr wenig mit erhobenen Daten gemacht. Natürlich werden sämtliche Tracking-Daten erhoben, aber sie werden kaum bis gar nicht analysiert“, erklärt Balzerowski. „Ein Trainer trifft subjektive Entscheidungen. Top-Trainer wie Jupp Heynckes haben da natürlich einen enormen Erfahrungsschatz, ein hochgeschultes Auge und einen guten Instinkt, weil sie Fußball über Jahrzehnte gelernt haben. Trotzdem bleiben die Entscheidungen subjektiv. Jetzt kommen wir ins Spiel: Wir können subjektive Entscheidungen mit unserem Algorithmus überprüfen und ihnen ein objektives Fundament bieten oder sie eben objektiv widerlegen“, ergänzt Senske.

Start-up-Förderung bekommen

Im Jahr 2016 arbeiteten beide tagsüber an der Uni und saßen danach oft bis tief in die Nacht an ihrem Analysesystem. Während der Promotion kamen sie dabei manchmal an ihre Grenzen. „An einigen Tagen dachte ich, wir packen das nicht so, wie wir es wollten. Die Doktorarbeit musste natürlich Priorität haben, aber andererseits bekam BASE Analytics, so der Name des Verfahrens, immer mehr Aufmerksamkeit. Da haben wir uns gegenseitig gepusht“, erklärt Patrick Balzerowksi.

In der Zwischenzeit promovierten beide mit der Bestnote Summa cum laude und haben sich praktisch nebenbei beim Hochschul-Ausgründungs-Programm um Fördergelder beworben und diese auch bekommen. Unterstützt wurden sie dabei von Marc Otten vom Bochumer Institut für Technologie und Dr. Peter-Christian Zinn von der Bochumer Wirtschaftsentwicklung. „Mit den finanziellen Mitteln durch die Start-up-Förderung haben wir jetzt die Möglichkeit, das Programm so weiterzuentwickeln, dass es marktreif wird. Da sind wir auf einem guten Wege“, so
Balzerowski.

Bundesligisten haben sich schon gemeldet

Marktreif bedeutet, dass sowohl Amateurclubs als auch Top-Profi-Vereine das Programm nutzen können, um ihre Mannschaften zu optimieren. Und damit haben die jungen Wissenschaftler einen Nerv getroffen. Inzwischen geht es nicht mehr ausschließlich um den Player-Impact, sondern um noch viel umfassendere Analysen. „Es haben sich schon mehrere Vereine aus der ersten und der zweiten Bundesliga bei uns gemeldet, die großes Interesse haben, unser Analysesystem zu nutzen.“ Mehr wollen die Forscher nicht verraten. „Was die nächsten Monate geschäftlich bringen, ist noch völlig offen, da sind verschiedene Modelle denkbar. Zunächst arbeiten wir aber mit Hochdruck an den letzten Details unseres Programms“, sagt Dr. Michael Senske.

Es ist schon heute abzusehen, dass die beiden Chemiker mit ihrer Idee den Fußball in Deutschland und vielleicht auch darüber hinaus verändern werden. In Zeiten, in denen Top-Spieler 200 Millionen Euro und mehr kosten, werden viele Vereine andere Wege finden müssen, um erfolgreich zu sein. Senske und Balzerowski haben das entsprechende Navigationssystem ihren den Weg in die Zukunft entwickelt. Eins ist Senske als Fan jedoch wichtig: „An der Emotion des Spiels ändern wir natürlich nichts!“ Und so wird er auch in Zukunft zwischen den anderen Fans auf der Osttribüne des Ruhrstadions stehen und seinen VfL anfeuern – ganz ohne Algorithmus.

von Patrick Feldmann