„In vielen Leuten steckt ein kleines Talent“

Foto: Simon Föster

50 Jahre Theaterverein Hawerland:
Werner Schauerte und Marina Kompernaß im Gespräch

„Sechs oder sieben Bühnen waren da, die aufgeführt haben. Und wir präsentierten uns damals natürlich auch. So prasselte die ganze Theaterkritik der vermeintlich größeren Bühnen auf uns ein…“, erzählt Werner Schauerte über die Landesverbandstage der Amateurtheater NRW, die der Theaterverein Hawerland 1990 in das kleine Dorf Wormbach holen konnte. 250 Laienspieler aus ganz Nordrhein-Westfalen waren vor Ort. Für ihn war dies seine größte Herausforderung und gleichzeitig ein überragender Erfolg: „Schmallenberg war ja mit rund 26.000 Einwohnern winzig im Vergleich zu Städten wie Essen, Bochum oder Köln. Aber es hat geklappt. Es war eine hervorragende Veranstaltung und wir bekamen sehr viel positive Kritik.“ Schauerte ist nun seit 1986 geschäftsführender und seit bald 25 Jahren 1. Vorsitzender. Er selber sieht sich als Schnittstelle zwischen Maske, Technik, Schauspielern und Regie und sorgt dafür, dass sich alle wohlfühlen, damit jeder optimale Ergebnisse abliefern kann. Als gelernter Techniker half er zunächst hauptsächlich im Bereich „Bühnentechnik“ und stellte sicher, dass der Bühnenbau funktionierte. Aber „als Vorsitzender muss man natürlich auch dafür sorgen, dass die Menschen zusammengebracht werden, die man braucht, um Theater spielen zu können“. Und das sind eine Menge …

Die Anfänge: Von Null auf Tausend …

Hervorgegangen war das Theater vor 50 Jahren aus der Idee in der Landjugend, wieder auf die Bühne zu gehen. Im Zuge dessen wurde „Hannibal“ aufgeführt: „Man hat die Hawerländer tatsächlich dazu bekommen, in die Halle zu gehen und sich Theater anzugucken.“ Und dies so erfolgreich, dass man 1975 beschloss, sich von der Landjugend zu lösen und einen eigenen Theaterverein zu gründen.

Durch Weiterbildungen wurde der Kontakt zum Landesverband intensiver und damit stieg auch der Anspruch. „Das Spiel wurde anspruchsvoller, von den Kostümen, dem Kostümwechsel, der Farbe. Flachsereien, wie etwa seinen Text nicht zu kennen oder sich seinen eigenen Text zu machen, hörten auf“, erinnert sich Schauerte. Und das führte dazu, dass im Durchschnitt fast 1000 Zuschauer im Jahr das Theater besuchten und sich ein festes Stammpublikum aus Bad Fredeburg, Schmallenberg und auch von weiter her etablierte, das bis heute zu den Aufführungen kommt.

Hatte der Verein sich zu Beginn noch stark über den Karneval finanziert, ließ dieser Anteil nun nach. Man konzentrierte sich auf das Schauspiel. „Und das ist auch Marinas Verdienst“, sagt Schauerte. Marina Kompernaß führt nun seit 30 Jahren die Regie. Ein Lieblingsstück hat sie nicht: „In jedes Stück bringe ich mein Herzblut, meine Begeisterung, mein Engagement mit ein. Jedes Theaterstück war eine Herausforderung und hat Spaß gemacht. Die Zusammenarbeit mit den Schauspielern, dieses Sich-Entwickeln, die Aufgabe, aus einem Rohling eine wirklich schöne, feine Veranstaltung zu machen.“

Erste Schritte ins Rampenlicht

Auch Werner Schauerte hat sich mit Unterstützung der Regisseurin auf die Bühne getraut. Inzwischen hat er in mehreren Stücken Nebenrollen übernommen, aber vor allem in den Loriot-Aufführungen auch tragende Rollen gespielt. Er erinnert sich noch genau, dass seine erste Rolle – die der Loriot-Figur Hoppenstedt – eine besondere Herausforderung war: „Es war eine Rolle, die für mich wahnsinnig schwierig war, weil ich all das tun musste, was man im normalen Leben überhaupt nicht tut. Festgefahrene Rituale und Denkstrukturen machen es einem nicht leicht, sich auf so etwas völlig Neues einzulassen. Das ist eben die große Herausforderung beim Schauspielern. Aber natürlich ebenso Mimik, Bewegung, Sprache und das Auswendiglernen; das alles zu koordinieren und auf die Bühne zu bringen. Das macht den Reiz aus, in eine Rolle zu schlüpfen, die einem abverlangt, etwas zu machen, was man sonst im Leben einfach nicht tut.“

Auch Kompernaß erinnert sich lebhaft: „Das waren lustige Bilder. Du hast dich letztendlich super in die Rolle hineinversetzt und das war sehr schön.“ Überhaupt ist sie der Meinung, dass in viel mehr Menschen das Talent zum Schauspielern steckt, als man denkt: „Wenn man die Liebe oder überhaupt einfach die Bereitschaft mitbringt, Theater spielen zu wollen, dann kann man ganz viel erreichen. Durch unsere Anleitung, unseren Einsatz und unsere Motivationsfähigkeit versuchen wir, alles aus ihnen herauszuholen.“ Man müsse Interessierten nur den nötigen Anstoß geben, dass sie ihren Mut für den Schritt auf die Bühne zusammennehmen. Eigentlich gilt im Theater ‚Learning by doing’, aber dafür fehlt im Amateurtheater die Zeit, wie Kompernaß festhält: „Wir müssen in möglichst kurzer Zeit etwas formen und dann kann es auch vorkommen, dass ich zu den Darstellern auf die Bühne gehe und ihnen etwas vormachen muss, damit sie sich trauen, aus sich herauszugehen und ihr Spiel so zu übertreiben, dass es im Zuschauerraum ankommt.“ Aber die harte Arbeit lohnt sich: „Das Schöne ist, dass die Schauspieler nach den vielen Übungsabenden ihre Rolle so gut beherrschen, dass man von anfänglichen Schwierigkeiten oder Hemmungen nichts mehr spürt.“ Und das wird dann auch belohnt, weiß Schauerte aus eigener Erfahrung: „Es macht glücklich, wenn Du von der Bühne runterkommst und dann in den Gesichtern der Zuschauer die Zustimmung und die Anerkennung ablesen kannst.“ Dadurch, dass das Niveau mit der Zeit gestiegen ist, hat das Publikum natürlich auch eine gewisse Erwartungshaltung. „Wir gehen mit allen Schauspielern nach der Aufführung an die Theke, damit die Zuschauer mit ihnen in Kontakt kommen und auch ihre Kritik loswerden können, ganz gleich, ob positiv oder negativ!“

Lebensnähe als Qualitätsmerkmal

In der Regel wird seit 30 Jahren immer im gleichen Genre gespielt: Lustspiele, Komödien und Schwänke. Ein einziges Mal wurde etwas Neues ausprobiert. Ein Salonstück, das zwar als gut gemacht empfunden wurde, wie sich Marina Kompernaß erinnert, aber „die Leute konnten sich nicht so gut mit diesem Stück identifizieren. Sie sahen sich selber nicht darin.“ Deswegen hält sie es mit dem Spruch „Schuster bleib bei deinen Leisten“ und setzt auf lebensnahe Geschichten, die dem Publikum Freude bereiten.

Besonders gut angenommen werden die Stücke, die alle Altersgruppen ansprechen. „Ein prägendes Erlebnis war für mich die Inszenierung eines Märchens mit elf Jugendlichen. Das war eine sehr große Produktion, die viel Arbeitsaufwand bedeutet hat, weil wir viele Musik- und zwei Balletteinlagen dabei hatten“, erinnert sich Kompernaß. Ein anderes Highlight war „Meister Jacob“. Ein historisches Stück, bei dem drei Generationen auf der Bühne standen. „Es wurden zwanzig wirklich alte Volkslieder gesungen und dieser Gesang der Spieler auf der Bühne hat die Zuschauer, vor allem die älteren, sehr berührt. Es war ein wirklich herzergreifendes Stück!“

Die Zukunftsfrage

An junge Nachwuchsschauspieler zu kommen, gestaltet sich jedoch nicht so einfach. „Es ist tatsächlich etwas schwierig, weil viele junge Leute beruflich in die Städte gehen“, stellt Kompernaß fest und spricht damit ein Problem an, das wohl nicht nur die Theaterszene auf dem Land betrifft. „Und eines muss man ganz klar sagen: Theaterspielen ist ein wirklich sehr, sehr zeitintensives Hobby und erfordert viel Engagement!“
Um Leute zu finden, muss der Theaterverein auch in anderen Dörfern und Städten suchen und dort junge Menschen finden, die Spaß am Theaterspielen haben. Und das Theater ist nicht nur ein großartiges Hobby, sondern bietet noch ganz andere Vorteile, wie Schauerte feststellt: „Theaterspielen kann durchaus persönlichkeitsbildend sein. Man kann es als Weiterbildung, als Qualifizierung für das Berufsleben sehen. Das müssen wir vielleicht herausarbeiten, dann hat das Amateurtheaterspiel Zukunft.“

Eine wirklich interessante Perspektive, die sich hoffentlich als zukunftsweisend
erweisen wird!