Im Land der tausend Bräuche

Foto: Klaus-Peter Kappest/ Ralf Litera
Foto: Klaus-Peter Kappest/ Ralf Litera

Wie im Sauerland das österliche Brauchtum gepflegt wird

„Mehr Osterbräuche als das Sauerland hat wohl keine Region zu bieten!“, sagt einer, der es wissen muss, denn Michael Martin hat sich in seinem Buch „Voll die Bräuche, woll!“ (erhältlich u.a. unter www.woll-verlag.de) gewohnt sauerländisch humorvoll mit den Sitten, Unsitten und Traditionen unserer Region auseinandergesetzt. Doch sei es auch so, schreibt Martin, dass man in Attendorn kaum etwas von der Krachnacht in Hallenberg wisse und andersrum in Hallenberg keiner den Attendorner Semmelsegen kenne. Und im Märkischen Sauerland wiederum sei z. B. das Kläpstern weitgehend unbekannt. Entsprechend lohnt ein kleiner Rundblick, um die schönen, manch einem vielleicht kurios anmutenden Ostertraditionen des Sauerlands kennenzulernen.

Bei allen lokalen und regionalen Unterschieden gibt es einen gemeinsamen Nenner: Das Osterfeuer, mit dem der Winter vertrieben und die Frühjahrssaat vor bösen Geistern geschützt werden soll – so zumindest der Glaube früherer Generationen. Blickt man heutzutage in den Abendstunden des Ostersonntags von einer Erhöhung aus über die Täler des Sauerlands in die einsetzende Dunkelheit hinein, so eröffnet sich einem ein imposantes Bild. Wie zig Leuchtfeuer erglühen eins nach dem anderen die Osterfeuer der einzelnen Orte und schicken ihr Licht übers Land. Die Sauerländer Dörfer wetteifern um das schönste, höchste oder langlebigste Feuer oder den widerständigsten „Judas“, jene Strohpuppe, die am Stamm in der Mitte des Feuers befestigt wird. Mitunter wird im Übereifer das Feuer der lokalen Rivalen auch mal vorzeitig entzündet, wobei die Nachbardörfer zumeist schnell mit neuem Holz beim Neuaufbau helfen.

Rivalisierende Brüder, brennende Krüze und Gottes Segen

Von den Höhen über der Stadt Attendorn bietet sich einem im einsetzenden Dunkel ein ganz besonderes Bild, denn die Stadt wird von gleich vier Feuern gerahmt. Die vier sogenannten „Pooten“ – Ennester Pote, Waterpoote, Niederste und Kölner Poorte –, die an die ehemaligen Stadttore erinnern, werden durch die von einem „Poskevater“ angeführten „Poskebrüder“ repräsentiert. „Poske“ verweist hier auf das hebräische „Pessach“ und damit auf das Pessach-Mahl, das letzte Abendmahl Christi im Kreise seiner Jünger. Brüderlich geht es allerdings nur unter den Mitgliedern einer Poote zu, die vier Pooten selbst wetteifern beim Bau ihrer Feuer miteinander. Und was dem aufmerksamen Leser nicht entgangen sein dürfte: Jede Poote verfolgt ihre ganz eigene Schreibweise des Namens – die stadtinterne „sportliche“ Rivalität beginnt schon hier!

Vor Ostern wird es dann ernst. Eine jede Poote macht sich im Stadtwald auf die Suche nach der ihrer Meinung nach längsten und dicksten Fichte. Das gefällte Exemplar wird zum Vermessen auf den Marktplatz gebracht. Die Poskebrüder mit dem längsten Fichtenstamm gewinnen die Anerkennung und den Jubel der Menge. Anschließend werden die Fichten mit Stroh umwickelt und zu Kreuzen – den „Poskekrüzen“ – umgestaltet, die am Abend des Ostersonntags das jeweilige Osterfeuer krönen. Auf ein Signal vom imposanten Turm des „Sauerländer Doms“ im Herzen Attendorns hin werden um 21 Uhr die Feuer durch die Fackelschwinger entzündet, die zuvor für ein eindrucksvolles Lichterspiel gesorgt haben. Und dann hofft ein jeder Poskebruder, dass das eigene Feuer gut abbrennt, denn ein qualmendes Osterfeuer fällt schnell als Schmach der „Dümmelpoote“ auf die
jeweilige Poote zurück.

Weniger spektakulär, dafür aber feierlich geht es beim erstmals 1658 urkundlich erwähnten Attendorner Semmelsegen zu. Am Karsamstag finden sich um 14 Uhr Tausende Menschen an der Nordseite der Pfarrkirche ein und recken original Attendorner Ostersemmeln in die Höhe, um sie segnen zu lassen. Im Vorfeld des Osterfestes haben die Bäcker der Stadt mehr als alle Hände voll zu tun, um die begehrten Backwaren herzustellen. Die in ihrer Form an die Flosse eines Fisches und damit an ein Symbol für das Christentum erinnernden Semmeln lassen sich bestens mit guter Butter und Westfälischem Schinken genießen. Zudem sind sie mit Kümmel durchsetzt – wie man hört, ein wertvoller Beitrag zum Verdauen des reichhaltigen Osterschmauses!

Schlaflos in Hallenberg

Ein Segen ganz anderer Art prägt die Nacht auf den Ostersonntag in Hallenberg bei Medebach. Wenn um Mitternacht plötzlich die Straßenbeleuchtung erlischt, herrscht alles andere als österliche Stille, denn nun setzt sich ein Zug in Bewegung, dessen Auftritt es in sich hat. Fackelträgern folgen drei große erleuchtete Kreuze, dann Lampionbäume und in ihrem Gefolge das Gros der „Krachmacher“. Zu Fuß oder auf Wagen werden Klappern und Rasseln geschwungen, Trommeln geschlagen und ein vielkehliger Gesang wird angestimmt. Die „Hallenberger Krachnacht“ folgt einer über Jahrhunderte hinweg unveränderten Route durch den Ort und der Lärm der Stimmen und Krachgeräte hallt ohrenbetäubend durch Gassen und Straßen. Genau so war es einst in vielen Orten des kurkölnischen Sauerlands Brauch, in der Osternacht das Osterfest einzuläuten. Bei Tagesanbruch erfüllten Gesang und Krach die Straßen, wenn die Jungen und Männer eines Ortes die Bewohner an den Beginn der österlichen Feiertage und den anstehenden Auferstehungsgottesdienst erinnerten. Gehalten hat sich dieser akustisch eindrucksvolle Brauch allein in Hallenberg. Nach knapp anderthalb Stunden endet der österliche „Spuk“, die gewohnte nächtliche Beleuchtung flammt wieder auf und alles erscheint wieder so friedlich wie zuvor. In einem Jahr allerdings …

Foto: Klaus-Peter Kappest/ Ralf Litera
Foto: Klaus-Peter Kappest/ Ralf Litera

Rasselbanden in stiller Zeit

Von Lautstärke sind auch die Erinnerungen manch eines Sauerländers – und längst auch mancher Sauerländerin – an einen insbesondere in der Kinder- und Jugendzeit bedeutsamen Osterbrauch geprägt, dessen Bezeichnungen so vielfältig sind wie die Orte der Sauerländer Heimat. Klappern, Kleppern, Klesbern, Kläpstern, Kliäpstern, Knärstern, Rätteln, Rasseln oder welche Bezeichnung einem noch begegnen mag – gemeint ist immer ein und dasselbe: Wenn am Gründonnerstag „die Glocken zum Läuten nach Rom fliegen“, wie es gern umschrieben wird, es also nicht mehr vom Kirchturm her läutet, übernehmen die „Kläpsterer“ mit ihren Kleppern, Ratschen und Rasseln die Erinnerung der Gläubigen an die österlichen Gottesdienste. Morgens, mittags und abends zieht man durch die Straßen und wird dafür am Karsamstag mittags beim Gang von Haustür zu Haustür mit Süßem oder Geldstücken entlohnt. Mit dem Ostersonntag und der „Rückkehr“ des Geläuts zur Osternacht findet auch dieser Brauch ein Ende und ein jeder kann sich mit leuchtenden Augen seinem Anteil am „Erkläpsterten“ widmen.

Wenn zu Ostern der Bauer …

So bekannt einem die meisten der Osterbräuche sein mögen, zum Osterfest selbst und rund um es herum gibt es im Sauerland auch manch einen Brauch, der nicht mehr gepflegt wird und kaum noch bekannt ist. So wird z. B. aus Grafschaft vom Brauch des „Pälmens“ berichtet, bei dem am Palmsonntag, dem Sonntag vor dem Osterfest also, an jeder Ecke des Ackers eines Landwirts die Schale eines halben Eis in den lockeren Boden gedrückt, mit geweihtem Wasser gefüllt und mit zwei Palm-, sprich Weidenzweigen in Kreuzform bekränzt wurde, um für die Fruchtbarkeit des Bodens zu bitten und ihn gegen Wetterschäden zu schützen. Vom Pälmen wird auch aus dem Olper und Finnentroper Raum berichtet. Und wahrscheinlich fällt einem beim Lesen dieser Zeilen noch dieser oder jener Brauch ein und das ist gut so, denn das Erinnern ist schon ein wichtiger Teil des Bewahrens! Wenn man also am kommenden Ostersonntag von einem Höhenzug auf die hingetupften Feuerscheine in der Nacht schaut, dann kann man beim Dunkel zwischen ihnen an die Vielfalt des Sauerländer Brauchtums – nicht nur zu Ostern – denken und sich über den kulturellen Reichtum unserer Region freuen!

Text: Jens Feldmann