Wird der Frühling immer stiller?

Fotos: Rainer Hennecke und Simon Föster
Fotos: Rainer Hennecke und Simon Föster

Auch im Sauerland drohen viele Vogelarten zu verschwinden

von Andrea Gödde-Kutrieb

Geht es Ihnen auch so? Es freut uns, wenn wir im Spätwinter am Himmel die ersten Formationen der rückkehrenden Zugvögel sehen und hören können. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Frühling nun nicht mehr lange auf sich warten lässt. Bald ist es wieder soweit und Kuckuck, Drossel, Ammer, Star und Co sind endlich wieder in voller Zahl in unseren Breiten zu beobachten. Hoffentlich! Denn die Wissenschaft warnt: Große Bestände der Vögel und viele Arten sind stark bedroht!

Faszinierendes Stimmengewirr

Werner Schubert ist seit 1993 Wissenschaftlicher Leiter der Biologischen Station Hochsauerland, die seit dem letzten Jahr nicht mehr in Bödefeld, sondern in Brilon zu finden ist. Ihn beschäftigt das Thema nicht nur beruflich. Auch in seiner Freizeit hat er sich der Ornithologie, der Vogelkunde, verschrieben. Wenn er durch den Wald oder die Wiesen streift, hat er ein offenes Ohr für die Vögel. „Man braucht ein bisschen Übung und Geduld, aber mit der Zeit gelingt es, die verschiedenen Vogelstimmen auseinanderzuhalten“, sagt er. Oft sieht man sie nicht, aber man kann hören, dass sie da sind. Und der Geübte kann sogar verschiedenste Rufe voneinander unterscheiden. Da gibt es die Balzrufe der Männchen, die einerseits an potenzielle Vogeldamen gerichtet sind und signalisieren: „Nimm mich, ich bin der perfekte Bräutigam!“ Zum anderen gelten diese Rufe aber auch den männlichen Artgenossen und bedeuten: „Hau ab, dieses Revier ist vergeben!“ Komplexer sind die Laute, die von beiden Geschlechtern abgegeben werden: Bettelrufe, Standortrufe, Warnrufe oder Flugrufe. Noch piepst und balzt es, aber wird der Frühling immer stummer? „Es gibt immer mal Schwankungen in den Populationen, ein Alarmzeichen ist es allerdings, wenn Arten wie der Kiebitz, der Wendehals oder die Bekassine völlig verschwinden“, warnt Werner Schubert. Und das sei leider auch bei uns im Sauerland zu beobachten.

Bedenkliche und Mut machende Entwicklungen

Die mutmaßlichen Gründe für diese rapide Bestandsabnahme sind vielfältig und je nach Auslegung stark umstritten. Laut Untersuchungen des Bundesamtes für Naturschutz, des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten und der Länderarbeitsgemeinschaften der Vogelwarten zeigt sich, dass besonders die Vögel der Agrarlandschaft stark betroffen sind. Das legt den Schluss nahe, dass die intensive Bewirtschaftung unserer landwirtschaftlich
genutzten Flächen eine Rolle spielen könnte. Der Rückgang artenreicher Wiesen und Brachflächen, die Dezimierung von Weiden und der Trend zum intensiven Anbau von Monokulturen entziehen den Vögeln die Lebensgrundlage. Zum einen finden die Tiere außerhalb von Naturschutzgebieten kaum geeignete Brut- und Nahrungsgebiete mehr. Zum anderen wird der Einsatz von Spritzmitteln als ein entscheidender Aspekt für den bedenklichen Rückgang der Insektenbestände genannt. Ein direkter Zusammenhang ist auch hier erkennbar, denn fast alle betroffenen Vogelarten füttern die Jungen zum Großteil mit Insekten. Große verglaste Gebäude, Windkraftanlagen, Straßenverkehr und freilaufende Katzen, Marder, Füchse und andere tierische Jäger kosten ebenfalls Millionen Vögel das Leben. Auch der Klimawandel könnte eine Rolle spielen. Sorgen machen den Naturschützern vor allen Dingen unsere sogenannten ‚Allerweltsvögel‘ – also diejenigen, die früher zahlenmäßig gut vertreten und allgegenwärtig waren. Der Star ist besonders betroffen. Er ist zum Vogel des Jahres 2018 bestimmt worden. Der starke Rückgang der Population hat ihn auf die Rote Liste der gefährdeten Arten gebracht.

Auch dem Wanderfalken, Uhu und Schwarzstorch ging es ähnlich, allerdings ist es durch gezielte Naturschutzmaßnahmen gelungen, der Entwicklung ein Stück weit entgegenzuwirken. Werner Schubert kennt positive Beispiele aus der Region: „Der Wanderfalke ist seit 1989 wieder an den Bruchhauser Steinen beheimatet. Der Schwarzstorch brütet seit den 1980er Jahren wieder in unseren Wäldern und auch der Uhu konnte durch Wiedereinbürgerung als Brutvogel wieder heimisch werden.“ Bezüglich einer jeden Maßnahme muss in übergeordneten Dimensionen gedacht werden. „Bei potenziellen Schutzmaßnahmen müssen wir in ganzen Landschaftsräumen denken“, so Schubert. Will heißen: Es nutzt nichts, geeignete Nisthilfen zur Verfügung zu stellen, wenn auf der anderen Seite die Nahrungsangebote oder Lebensräume wegfallen

Im Garten der Natur nahe sein

Demzufolge ist das, was der Einzelne tun kann, sicher nur ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein. Wer aber einen Garten hat und etwas tun möchte, sollte diesen „so naturnah wie möglich gestalten“, rät Werner Schubert. „Spritzmittel haben im Hausgarten nichts zu suchen!“ Und wie ist es mit dem Füttern der Vögel? „Eigentlich sollten Vögel in der Lage sein, sich selbst aus der Natur zu ernähren. Aber wenn man ein Futterhaus im Garten aufstellt, idealerweise in Fensternähe, ist es sehr interessant, die verschiedenen Vögel zu beobachten. Das ist gerade auch für Kinder eine schöne Sache!“, hebt Schubert hervor. Der Ornithologe weist aber auch darauf hin, dass es dabei das eine oder andere zu beachten gilt: „Man sollte Ambrosia-freies Futter kaufen, denn die Pollen dieser Pflanze können Allergien beim Menschen auslösen. Die im Handel erhältlichen Meisenringe sollte man ab März nicht mehr aushängen, denn die Meisen füttern eventuell ihre Jungvögel damit und diese können das darin enthaltene Fett nicht vertragen.“

Eine letzte, sicher nicht ganz einfache Frage an Werner Schubert: Was ist für Sie der für das Sauerland charakteristische Vogel? „Besonders bemerkenswert ist der Raubwürger, da dieser im HSK den Verbreitungsschwerpunkt in Deutschland hat. Den kennt aber kaum einer. Arten, die auch charakteristisch, aber bekannter sind, sind zum Beispiel der Rotmilan, der in der halboffenen Kulturlandschaft vorkommt, oder der Schwarzstorch, der im Wald vorzufinden ist. Und im Offenland kann man hierzulande gut den Neuntöter beobachten.“

Also: Nichts wie raus in die Natur und den – noch nicht stillen – Frühling genießen!

 

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