„Ein kluger Mann sagte einmal: Wenn die Wahrheit dich töten will, lüge.“ – Die Geschichte vom Hitlerjungen Salomon

Sally Perel und Fabian Timpe. Foto: sn
Sally Perel und Fabian Timpe. Foto: sn

„Plötzlich fragt er mich nach meinem Vornamen. Sally? Das wäre Selbstmord. Das war ein jüdischer Vorname. Da habe ich den ersten Namen gesagt, der mir in den Sinn kam: Josef. Nicht in meiner kühnsten Fantasie ahnte ich, dass mich diese aufgezwungene Lüge in wenigen Monaten zu einem begeisterten Hitlerjungen machen würde.“

Salomon „Sally“ Perel stammt aus einer streng jüdischen Rabbinerfamilie und ist inzwischen 93 Jahre alt. Damals war er 16, schon einige Jahre auf der Flucht und die Worte seiner Mutter klangen ihm in den Ohren: „Du sollst leben.“ Und das tat Sally. Von diesem Zeitpunkt an als Jupp Perjell in einem Hitlerjugend-Internat in der Nähe von Braunschweig. Der Beginn einer Geschichte eines Juden, der die Verbrechen des 2. Weltkrieges überlebte, die anders ist, als die anderer Juden. „Ich habe den Massenmord meiner Glaubensbrüder nicht unter ihnen erlebt. Ich überlebte ihn unter den Nazis. Versteckt unter der Haut des Feindes“, erzählt Sally. Vier Jahre verbrachte er dort. Vier Jahre, die ihm vorkamen wie vier Ewigkeiten, in ständiger Angst entdeckt und getötet zu werden. Wie er es geschafft habe, dass man ihm nicht anmerkte, dass er nur eine Rolle spielte, fragten ihn seine Kameraden aus dem Internat später. Sie konnten es nicht merken. Denn Sally spielte keine Rolle. Er WAR ein Hitlerjunge.

Erst vierzig Jahre später schaffte Sally es, seine Geschichte in der Autobiografie „Ich bin Hitlerjunge Salomon“ aufzuschreiben. 1990 wurde sie schließlich auch verfilmt. „Als Steven Spielberg Schindlers Liste drehte, sagte er: ‚Die Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer.’ Denn wir sind die lebendige Geschichte und Geschichte ist eben die beste Lehrmeisterin“, stellt Sally fest.

„Geschichtsbewusstsein ist etwas, das in den letzten Jahren immer wichtiger, immer bedeutsamer geworden ist. Es geht dabei um die Frage des Gedenkens und Erinnerns. Wir haben hier in einigen Kursen schon Erfahrungen mit verschiedenen Zeitzeugen gesammelt“, erzählt Fabian Timpe, Lehrer am St. Ursula-Gymnasium in Neheim, das aus diesem Grund Sally Perel eingeladen hat. Zweimal im Jahr kommt dieser nach Deutschland und hält Vorträge. In Neheim ist Sally nun schon zum zweiten Mal und erzählt von seinen Erlebnissen: „Damit eure Generation nicht wie meine in ein solches Verderben getrieben wird. Ihr habt das Recht zu wissen, aus erster Quelle, was damals geschah. Es gibt auch Menschen, die behaupten, dass es keine Nazi-Verbrechen, kein Ausschwitz gab. Sie nennen es die Auschwitz-Lüge. Wenn diese Leute das sagen, weil sie die Wahrheit nicht wissen, dann sind sie in meinen Augen nur Dummköpfe. Aber wenn sie diese Wahrheit wissen und es trotzdem Lüge nennen, dann sind sie Verbrecher. Ausschwitz kann man nicht einfach wie Staub vom Mantel abschütteln.“

Aber hatte Sally sich nicht selber schuldig gemacht, hatte er nicht selber Verrat begangen? „Wieso hast du Hakenkreuze getragen? Diese Hakenkreuze haben deine Familie umgebracht“, sind Aussagen, mit denen ihn Schüler schon konfrontierten. Sally sieht es weder damals noch heute als Verrat: „Das Leben hat mich gegen meinen Willen in diese Situation gebracht, in die Reihen der Hitlerjugend eingegliedert. Um zu überleben musste ich genauso handeln. Denn der Drang zu Leben ist in jedem Menschen tief verwurzelt und jeder Mensch hat das Recht aufs Leben.“

Aber Sätze auszusprechen wie ‚Ich war sogar etwas traurig, als ich vom Tod Hitlers erfuhr’, sind Sätze, die auch ihm erst deutlich machten, wie sehr auch er die Lehren seines Feindes verinnerlicht hatte. Während im selben Moment andere Juden in den Konzentrationslagern vergast wurden,1,5 Millionen jüdische Kinder verbrannt ,„schrie ich begeistert ‚Es lebe der Sieg’“. Dass auch Sally, obwohl er Jude war, nicht immun war gegen die Doktrinen der Nationalsozialisten, dass er sich noch immer in einem Prozess befindet, vom Hitlerjungen Jupp zurück zum Juden Sally, den er wohl niemals abschließen wird, so tief verankert ist die Ideologie der Nationalsozialisten, bringt ihn dazu, seine Geschichte immer und immer wieder zu erzählen. „Ich möchte auf diese Weise alle mit den Tränen dieser verbrannten Kinder impfen gegen diese erneute braune Gefahr.“

Damit sich die Geschichte nicht wiederholt, kommt er regelmäßig aus Israel zurück nach Deutschland. „Ab jetzt seid auch ihr Zeitzeugen“, sagt Sally eindringlich zu den anwesenden Schülern, die den ganzen Vortrag über gebannt zugehört haben. „Ihr habt es noch gehört aus erster Quelle. Bitte überliefert diese Wahrheit weiter. Diese Wahrheit muss wach behalten werden, bis in die letzte Generation. Damit möchte ich euch beauftragen.“

Text: Sonja Nürnberger