Ein polnisch-deutsches Umzugs-Schauspiel

Schwiegervater, Herr Nowak und ich Erstmals erschienen im Magazin "kaput"

Von Pascal Wink

Launig betrete ich dieses gefühlte 100 Wohneinheiten umfassende Stadtrand-Hochhaus aus den späten Siebzigern. Wie jedes Mal denke ich, dass hier gleich der nächste Tatort gedreht wird. Die Kulisse passt jedenfalls immer. Schwiegervater will umziehen. Schwiegervater kommt aus Polen. Noja besser gesagt aus Schlesien. Mal Pole, mal Deutscher – so wie es gerade passt. Ich verlasse diesen hochhaustypischen Fahrstuhl Richtung Wohnung, noch nicht wis- send, dass ich von nun an beteiligter Statist in einem skurrilen polnisch- deutschen Umzugs-Road-Movie sein werde, in dem besagter Fahrstuhl quasi die Hauptrolle spielt…

Lautes Gezeter durchdringt schallend den schier endlosen Treppen- haus-Bereich. Hektisches Polnisch, gepaart mit deutschen Wortfetzen. Ich lerne Herrn Nowak kennen. Ein Nachbar, ebenfalls aus Polen. Kein Schlesier. Er ist der dritte im Bunde unseres kleinen Umzugsunternehmens. Die beiden unterbrechen zwecks einer kargen Begrüßung kurz ihren Disput. Machen dann allerdings nahtlos weiter.

Es geht um die Länge der Wohnzim- merschrankteile.  Allerdings wird nur gemutmaßt, nicht gemessen. Das würde es vereinfachen, ja, aber darum geht es hier nicht. Hier geht es um mehr, nämlich ums Recht. Herr Nowak gewinnt („no chab ich gesagt!“) und sichert sich damit den Titel als Umzugs-Führer. Eine sichtlich schmerzhafte Niederlage für Schwiegervater. Apropos Wortwitz Umzugs-Führer: Die beiden Herrschaften lassen   sich   kichernd zu spontanen Führer-Parodien hinreißen, bis ihre beiden Blicke sich in   meinem wohl überfordert wirkenden Gesicht treffen. Stille! „No komm, bevor ist dunkel“– und es geht hurtig weiter.

Herr Nowak hätte diesen Schrank- Etappensieg übrigens eigentlich gar nicht nötig gehabt. Denn mit seinem blauen VW Transporter Baujahr1989 („no chat schon ein paar Jährchen auf Bückelchen“) stellt er nicht nur den Umzugswagen, er hat auch seine Kontakte beim Hausmeister spielen lassen und den Schlüssel zur Aufzugs-Erweiterung besorgt. „Brauchst du immer Beziehungen in Leben. Ist A und U. Und ich chab Beziehungen zu Chausmeister.“ Lässig zwinkert er mir dabei zu und lässt den Aufzugs-Schlüssel stolz vor meinen Augen baumeln. Es gleicht der Öffnung einer Schatzkammer. Diesmal andächtige Stille. Los geht´s. „Chopp hopp!“

Herr Nowak ist nun natürlich der unantastbare Leitwolf unseres Umzugs-Rudels. Schwiegervater ver- sucht seinerseits zwar durch immer neuerliche Ums-Recht-Situationen wieder Fuß im Leitungsbereich zu fassen – allerdings ohne nennens- werte Erfolgserlebnisse. Nun betreten wir das Allerheiligste. Wir sitzen zu dritt im Cockpit des fast schon nostalgisch anmutenden VW-Bullis, der neben einigen Rost- stellen auch einen weiteren tragi- schen Vergangenheitsmakel mit sich trägt. „Ist mir chier auf Park- platz geklaut worden. Chab ich gesehen von Fenster von Kiche. Als ich kam runter, war Wagen weg.“

Ich kann es kaum glauben, aber die Geschichte wird noch abstruser. „Chaben die Bulli genommen für Banküberfall. Kam sogar in Fernsehen: bei XYZ in ZDF!“ Kurz am Wahrheitsgehalt zweifelnd, weiß Herr Nowak seinerseits alles durch Zeitungsausschnitte zu belegen. „Chat Versicherung aber nur Restwert gezahlt. Chätten die wenigstens was von Beute drin lassen können.“ Großartig

Wir sind in der neuen Wohnung. Neues Terrain für Schwiegervater sich an die Spitze der   Umzugs-Führung setzen zu wollen. Aber Herr Nowak macht einfach keine Fehler.      „Chab ich schon so viele Umzüge gemacht. Ging immer alles  einbahnfrei! “ Schwiegervater arrangiert sich so langsam mit seiner Vize-Rolle, lauert jedoch weiterhin auf den passenden Moment zum Sprung. In unbeobachteten Momenten äfft er nun Herrn Nowaks Füh- rungsstil nach. Ich selbst bleibe neutraler als die Schweiz.

Vereint sind die beiden eigentlich nur, wenn es irgendwie gegen die Russen geht. Humorvolle Scherze gegen deutsche Tugen- den, Alltäglichkeiten und Lebensarten runden das heitere Bild der ein- zelnen Touren nun ab. Mit meinen paar mühsam erlernten Brocken Polnisch schlage auch ich mich jetzt auf die Ost-Seite des Bullis und frotzle herrlich mit. Na zdrowie! Dann kippt die Stimmung leider abermals. Uns überholt ein Taxi. Herr Nowak wird etwas ernster.

„War ich friher auch mal Taxifahrer. Bei eine Fahrt, man chat auf mich geschossen. Finf Kugeln. Zwei sind noch in Brustkorb. War kurz vor Feierabend an Morgen. Chab ich gedacht, bin ich tot.“ Schwiegerva- ter bestätigt die Geschichte – sogar mit etwas Anteilnahme. Und natür- lich hat Herr Nowak auch hier Zeitungsauschnitte. „Das war was. Die wollten Kolle. Waren Soldaten!“ Schwiegervater: „Bestimmt Amerikaner!?“ Herr Nowak: „Naaaa, Deit- sche natürlich! Warum sollte Amerikaner auf Pole schießen? Komm ich doch nicht aus Irak!“ Beide lachen. Ich schüttle innerlich nahezu pausenlos den Kopf. Wahnsinn.

Es folgen mehrere Touren gleicher Hackordnung und Couleur. Dann passiert Herrn Nowak das Unglaubliche. Er macht einen Anfängerfehler mit schwerwiegenden Folgen. Beim Lösen eines Klappcouchteils wartet er nicht, wie verabredet, auf Schwiegervater, sondern wird übermütig. Dieser hatte bereits auf der letzten Rücktour von einem leichten Defekt des Teils gesprochen. „War aber anderer Nachbar in schuld. Bei Cheizung ablesen!“

„Chab ich Schlissel von Chausmeister!“

Die Klappcouchautomatik stockte und die Couch („eine wuchtig Teil“) stand offen. Nun war Schwiegervaters Stunde gekommen. Herr Nowak verlor nicht nur sämtliche er- langten Kompetenzen. Jeglicher Führungsanspruch war schlagartig dahin. Das polnische Universalwört- chen „Kurwa“ bestimmt die nächsten Minuten den Dialog der beiden.

„No, hab ich dir wie oft gesagt?“ Herr Nowak wird kleinlaut. Das Schlimmste für ihn: Schwiegervater bekommt es auch noch wieder hin und genießt diesen Klappcouch-Triumph in vollen Zügen. Herrn Nowak bleibt nur noch die Rolle des Zulieferers. Selbst die Verweise auf „Beziehungen und Schlissel von Chausmeister“ prallen nun erfolglos ab. Kurzzeitig rutsche sogar ich auf Platz zwei der Führungsriege auf, den ich mir durch eine ausgetüftelten Transport-Idee bei den Schrank-Sockelleisten sichern konnte.

„Genauso chätte ich auch gemacht“, versucht sich Herr Nowak anzubiedern. Doch Schwiegervater durchschaut Nowaks billigenVersuch. „Ach du! Kannst du nicht einmal Klappcouch zu machen.“

Letzte Tour. Die Stimmung ist trotz neuer Hackordnung wieder nahe am Siedepunkt. Herr Nowak erzählt von polnischen Wurst-Spezialitäten. „Kaufe ich lieber alles in Polen! Chier, die können das nicht. Auch nicht polnische Metzger chier. Geht nur in Polen, no weißt du!?“ Ich schweige. Schwiegervater gibt bedingt recht. „No, jaaa. Manche kön- nen auch hier!“ Herr Nowak verneint entschieden. „Naaaa, aber wenn liegt an deutsche Schweine. Nicht an polnische Metzger!“

Die beiden lachen. Ich auch.

Der Beitrag ist erstmalig erschienen in der Zeitschrift kaput

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