Zwischen Familie und Jazz

Foto: Heidi Bücker
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von Ursula Wiethoff-Hüning

Im idyllischen Berghausen

Tobias Schütte und Jorinde Jelen haben ihren Lebensmittelpunkt in Berghausen: er, der Sauerländer aus der Schwarzen Fabrik in Oberkirchen, sie, die Norddeutsche, aufgewachsen auf der Insel Rügen. Die beiden Musiker verbindet die Liebe zur Jazzmusik und zur Natur. Ihre Lebenswege kreuzten sich in Leipzig. Da war Tobias Schütte bereits studierter klassischer und auch Jazzposaunist, Komponist und Dirigent. Weimar, Essen und die Niederlande waren seine Studienorte, bevor er sich in Essen niederließ und dort das Essener Jazzorchester mitgründete, das er bis heute leitet.

Die Musik fehlte ihm

Selbstverständlich war dieser Ausbildungsweg ganz sicher nicht für ihn. Zwar musizierte Schütte von klein auf: Klavier und Posaune, Letzteres im Oberkirchener Musikverein, womit er Grundlagen für seinen späteren Weg schaffte. Nur ansatzweise kam er in dieser Zeit mit Jazzmusik im weitesten Sinne in Verbindung; die Jazzszene im Sauerland ist eher klein. Er lernte zunächst Kunstschmied, empfand es als befriedigend, nach getaner Arbeit etwas in Händen halten zu können, ein Ergebnis zu sehen, „so wie man es bei der Musik quasi nie tut. Wenn man übt, hat man nicht viel in der Hand. Hier gibt es wenig Bleibendes, selbst CD-Aufnahmen sind letztendlich Momentaufnahmen“, so Schütte. Doch fehlte ihm die Musik, er wollte einfach viel musizieren und schaffte auf Anhieb die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung für klassische Posaune in Weimar. Auch Jazzkomposition studierte er, immer wieder getrieben von den Fragen nach Kompositionsstil, Machart, Klangentstehung in der Musik. Er arbeitete hart in diesen Studienjahren, um da anzukommen, wo er heute steht. Doch nun zunächst zu Jorinde Jelen, Schüttes Frau, dem „Nordlicht“ im Sauerland, aufgewachsen in einem sehr musikalischen Elternhaus auf Rügen, der Vater evangelischer Pfarrer. Zuhause wurde viel und zu allen möglichen Anlässen gesungen, die Eltern unterstützten die musikalische Ausbildung sehr, Jelen lernte Gitarre und Saxofon in Stralsund in der Musikschule, kam durch ihren Schlagzeug spielenden älteren Bruder auch mit Popmusik und Jazz in Berührung, war fasziniert von Bandmusik. In Stralsund gründete sich bereits in Oberstufenzeiten Jelens erste Band. Nach dem Abitur bestand Jelen in Leipzig die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule für „Popularmusik Gesang“, ein für sie „natürlicher“ Weg. Erst während der Studienzeit begann die intensive Suche nach einem eigenen Stil, über Gospel, Bluesband, Jazzband …

Foto: Heidi Bücker
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Sie suchte eine künstlerische Identität

Es war eine Zeit der Auseinandersetzung, auch mit sich selbst: Was möchte ich als Künstlerin ausdrücken? Der Durchbruch gelang 2006 mit der Gründung der Jorinde Jelen Band zusammen mit dem Saxofonisten Volker Dahms: Die sechs Musiker (Gesang, Saxofon, Gitarre, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug) coverten zunächst Lieder skandinavischer Jazzsängerinnen, fingen dann aber an, zunehmend selber zu komponieren und zu texten, Volksliedbearbeitungen und Lyrikvertonungen (Goethe, Rilke) entstanden, das Gefühl für Sprache, auch alte Sprache, entwickelte sich. „Jazziges verbindet sich in ihrer Musik mit Elementen der Popmusik, Zartes mit starken Impulsen“, so wird die Musik auf dem Cover zur ersten CD „Mitten ins Blau“ beschrieben. Oder auch: „Die Musik trägt direkt ans Meer, an einen mondstillen Strand und mitten in den Sturm.“ Bald darauf gab es auch ein erstes Kinderprogramm, das die Band viel auf Festivals spielte. Ein weiteres lustiges und schönes Programm ergab sich mit dem Kika-Moderator Juri Tetzlaff: „Jolly, Juri und die Jungs und das große Fernweh.“ Jelen schrieb die Lieder, der Gitarrist Bastian
Ruppert arrangierte diese für die Band, ein wichtiger Prozess. Das nächste jazzige Programm für Kinder folgte und in diesem Jahr wurde die erste eigene Kinder-CD produziert: „Jollis wilde Welt der Worte“, bei der Jelen mit dem Gitarristen die Kompositionen gemacht hat und zwar in Berghausen am Küchentisch! Dass Tobias Schütte und Jorinde Jelen nun seit knapp drei Jahren in Berghausen leben, hat mehrere Gründe: Schütte war beruflich bereits im Sauerland gebunden, hat hier auch über die Studienzeit hinweg Blasorchester geleitet und findet als freischaffender Musiker bessere Bedingungen vor als in den großen Städten: „Der Wirkungsgrad ist hier höher.“ Er hat sein eigenes Tonstudio in Hirschberg und setzt an der Christine-Koch-Schule in Schmallenberg das Bläserklassenprojekt sehr erfolgreich um – 80 von gut 350 Kindern spielen ein Blasinstrument oder Schlagzeug, eine „sinnhaltige Aufgabe“ für Schütte. Jelen wiederum war und ist räumlich freier, musiziert und probt mit ihrer Band projektmäßig in Leipzig und anderen Orten. Und dann war da noch das wunderschöne kleine Häuschen in Berghausen, in das die beiden sich verguckten, ein Kleinod im Alltag.

Foto: Heidi Bücker
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Jazz im Sauerland

Mittlerweile lebt das Ehepaar hier mit seinen beiden Kindern Nepomuk (vier Jahre) und Alwine (zehn Monate). Ob Jelen sich mit dem Sauerland identifiziert? Wohlfühlen ja, auch aufgrund der so netten Nachbarschaft in Berghausen, aber identifizieren dauere schon, gibt Jelen unumwunden zu. Inselkind bleibe Inselkind; die Familie fahre oft hoch auf Rügen, auch wenn Berghausen die neue Heimat für sie sei, in der ihre Kinder nun wunderbare Bedingungen zum Aufwachsen hätten. Beruflich seien beide auch bereit, sich auf den Weg zu größeren Musikprojekten zu machen, bei Bedarf anzureisen, um in den Szenen Anschluss zu halten. Und doch nimmt die Struktur im Sauerland auch für Jelen konkretere Formen an: Aufnahmen im Studio, Kinderkonzerte mit der eigenen Band in Soest, Werl, Schmallenberg, Fredeburg und Meschede. Ganz besonders erwähnenswert ist das neue, mit Schütte und Familie Kellersmann aus Schmallenberg ins Leben gerufene Projekt „Jazz am Kamin“, eine kleine Jazzreihe, die seit kurzem Kunsthaus Alte Mühle in Schmallenberg stattfindet. Schütte und Jelen – sie leben im Alltag vom Verständnis für die Arbeit des anderen, weil sie diese von sich selber kennen: wenn sie in Leipzig oder er in Essen ist, wenn die Arbeit wegen diverser Proben am Wochenende stattfindet, wenn sich der kreative Prozess zu Hause abspielt und einer stundenlang abtaucht. Es sei wichtig, sich gegenseitig den Rücken freizuhalten, sich aber auch musikalisch zu unterstützen, zu kritisieren, zu beraten und zu helfen, betont Jelen. Beide Musiker empfinden hierbei Freiheit und große Abwechslung in der Gestaltung des beruflichen Alltags – ein Wechsel aus Komponieren, Texten, Dirigieren, Proben, Konzerten, Theaterproduktion, Schule – durchaus als Privileg. Sie wissen die Entschleunigung und die Ruhe im Sauerland zu schätzen, und haben die Idee, Musiker hierherzuholen, gemeinsam Jazz zu machen und zu produzieren, dem Jazz im Sauerland noch mehr Bedeutung zu verleihen.

 

 

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