Die Stärksten kommen durch

Foto: Heidi Bücker
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Forstdirektor Hans von der Goltz nach 33 Jahren im Ruhestand

„Drei Versuche, mich hier von der forstlichen Basis und aus dem herrlichen Schmallenberg wegzulocken, habe ich während meiner Dienstzeit in Schmallenberg widerstanden. Sie mussten mich also 33 Jahre hier ertragen. Eine lange Zeit, in der man eine ganze Menge anstellen kann“, so Hans von der Goltz in seiner Dankesrede anlässlich der feierlichen Verabschiedung in den Ruhestand. Mit einer gehörigen Portion Humor ausgestattet sowie mit stets anpackender Zuversicht hat der Förster, der in Baden-Württemberg geboren ist und im Sauerland seine berufliche und persönliche Heimat gefunden hat, an vorderster Stelle als Forstdirektor an seinem Einsatzort in Schmallenberg gewirkt. Seit Anfang November ist Hans von der Goltz nach 33 Jahren als Forstdirektor des Forstamtes Oberes Sauerland in den Ruhestand getreten. Bei einem Treffen an einem ganz besonderen Ort hat uns Hans von der Goltz nach seiner Verabschiedung aus dem Amt über seine Begeisterung für den naturnahen Wald und eine naturnahe Waldbewirtschaftung berichtet.

Zusammenarbeit über Grenzen hinweg

„Ein Glücksfall für mein Bleiben hier im Sauerland war, dass sich das Forstamt bereits 1990 von seiner nach innen gerichteten Arbeitsweise löste und auf Institutionen zuging, die direkt oder indirekt auch etwas mit Wald zu tun hatten. Der Förderverein Forst & Holz wurde gegründet und der Clustergedanke mit dem Rothaarsteig und einem Sägerbüro konkret gelebt. Ohne das Symbol für dieses Miteinander, das prägende und weithin sichtbare Holz- und Touristikzentrum in Schmallenberg, wäre das junge Forstamt Schmallenberg sicherlich bei der Umorganisation 1995 aufgelöst worden.“ Man spürt bei den Erzählungen von Hans von der Goltz den Stolz und die Dankbarkeit, dass es mit Hilfe der Stadt und vieler weiterer Unterstützer gelungen ist, das Forstamt in Schmallenberg zu erhalten.

Ökosystem Wald

Im „Märchenwald“ bei Latrop, dem Lieblingswald von Hans von der Goltz, wird einem schnell klar, was seine Faszination Wald ausmacht. 182 Jahre alte Fichten, genau gemessen an den sichtbaren Baumringen, umringt von jüngeren Fichten, Buchen und Ebereschen im Alter von einem bis 65 Jahren, das ist der Wald, den der Forstdirektor so schätzt und liebt:
„Hier wurde alles der Natur überlassen. Der Wald hat sich aus sich heraus selbst verjüngt und gepflegt, sodass diese 2,8 Hektar aufgrund ihrer Strukturvielfalt wahrlich als ein stabiler Wald bezeichnet werden können. In verantwortlicher Weise ernten wir nach und nach die dicken Bäume und schaffen so Licht, damit junge kraftvoll nachwachsen können. Und das alles hat keine Pflege und kein Geld gekostet und bringt doch regelmäßigen Ertrag.
Das ständige Bemühen um naturnähere Waldbewirtschaftung war und ist das vordringliche Bestreben von Hans von der Goltz: „Naturnäher im Interesse größerer Stabilität des Waldes, planbare höhere Erträge auch unseres Brotbaums, der Fichte, aber gleichzeitig auch ein verantwortungsvoller Umgang mit dem uns anvertrauten gesamten Ökosystem
Wald. Durch den Klimawandel hat Waldbau endgültig eine gesellschaftsrelevante Dimension bekommen. Er ist aktive Vorsorge für die Zukunft der grünen Lunge der Gesellschaft.“
Dabei kommen im Waldbau unterschiedlichste Interessen und manchmal Ideologien zum Tragen. Von der Stilllegung bis zur Fichtenmonoplantage steht alles zur Diskussion. Hans von der Goltz meint: „Ich glaube, es ist uns als Forstamt, trotz des Status’ einer Landesbehörde, recht gut gelungen, die drei Säulen ordnungsgemäßer Forstwirtschaft, nämlich Ökonomie, Ökologie und Soziales, ausgewogen miteinander zu verknüpfen, wie es in letzter Zeit auch bei der Diskussion über die Landschaftsplanung im Hochsauerlandkreis angeklungen ist.“

Foto: Heidi Bücker
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Orkan Kyrill

2007 war der Jahrhundertsturm Kyrill, der im Sauerland heftig gewütet hat. Hans von der Goltz erinnert sich: „Er hat viele Menschen an Grenzen gebracht – wirtschaftliche, physische und psychische. So auch mich. Es war eine menschliche Herausforderung, existenzbedrohten Waldbauern Perspektiven zu geben, den Wandertourismus vor einer Nullnummer zu bewahren und für meine Mitarbeiter da zu sein, die monatelang bis weit über ihre Belastungsgrenze hinaus gearbeitet haben.“ Und dann wird der Forstdirektor nachdenklich. „Manche Waldbesitzer haben mir Fehler vorgeworfen. Aus subjektiver Sicht durchaus nachvollziehbar. Ich habe damals entschieden, das Desaster in geordneten, planmäßigen Bahnen zu bewältigen. Das stellte natürlich die Solidarität mancher Waldbesitzer, die nicht zu den Ersten gehörten, auf eine harte Probe. Viele forstliche Zusammenschlüsse haben unser Ziel durch Gründung von Solidargemeinschaften
unterstützt.“

Der Orkan Kyrill hatte nachhaltige Auswirkungen auf den Menschen und Förster Hans von der Goltz. „Durch Kyrill habe ich Zusammenarbeit gelernt und erfahren, was es heißt, ein leistungsfähiges, motiviertes Team zu haben. Durch Kyrill habe ich erfahren, wie hilflos vermeintlich starke Menschen und wie stark manche unauffällige Menschen sein können.
Durch Kyrill bin ich auch ein Stück demütiger geworden. Unsere Möglichkeiten, Schöpfung langfristig, das heißt nachhaltig zu gestalten, sind sehr begrenzt. Und wenn wir es im Interesse des Menschen tun, dann müssen wir Natur verstehen und ihre Eigenheiten berücksichtigen, wenn wir sie verantwortungsvoll nachhaltig nutzen wollen.“

Waldsterben, Klimawandel und Wildschaden

Die naturnahe Waldwirtschaft ist für Hans von der Goltz eine Herzensangelegenheit und nicht nur eine berufliche Pflicht. Wegbegleiter bezeichnen ihn als einen leidenschaftlichen Kämpfer für den Wald und für die Rechte seiner Eigentümer. Vertragsnaturschutz vor Amtsnaturschutz, Marktverantwortung statt neuer Naturschutzgebiete und qualitative Verbesserung der bestehenden Naturschutzgebiete bringen uns weiter, davon ist er baumfest überzeugt. „Mit dem Klimawandel stehen wir ähnlich wie in den 70er Jahren beim Waldsterben vor einer neuen Herausforderung, an deren Ursachen und Bewältigung der Mensch zumindest teilweise beteiligt ist. Buchenkomplexkrankheiten, Eschentriebsterben, Eichensterben, Fichtenborkenkäfer, Douglasienschütte und allgemeiner Vitalitätswandel traditioneller Baumarten machen mir Sorgen. Unsere Aufgabe ist es, großflächigen Waldverlusten durch Aufbau stabilerer Mischwälder möglichst vorzubeugen.“
Dabei kommt auch dem konsequenten Zusammenwirken von Waldbesitzern, Förstern, Jägern und der Politik große Bedeutung zu. Die Herstellung einer Balance von Wald und
Wild hat nichts mehr mit Jägerhobby, mit Freizeitgestaltung zu tun. Sie ist ein ernstzunehmender Arbeitsauftrag ordnungsgemäßer Waldbewirtschaftung“, so der nach 33 Jahren aus dem Amt verabschiedete Forstdirektor. Und was wünscht man sich nach so langer Zeit im Amt? „Die Natur mehr wirken zu lassen, weil sie es oft besser macht als der Mensch, eine fruchtbare Kooperation aller, die mit Wald und Holz zu tun haben, und mutig die Dinge anzupacken, die angepackt werden müssen.“ Daher bleibt der Wahlspruch, der immer sichtbar an seinem Arbeitsplatz hing: „Diejenigen, die immer sagen: ‚Das geht nicht!‘, sollen denen Platz machen, die es gerade versuchen.“

Text: Hermann-J. Hoffe