Er ist ein weitgereister Diplomat und kennt die Hauptstädte und die Brennpunkte dieser Welt. Seinen Rat schätzen Staatsmänner in aller Welt. Prof. Wolfgang Ischinger, der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, zu der an diesem Wochenende die Mächtigen der Welt kommen, reist in seiner freien Zeit, sooft es eben geht, ins Sauerland. Auf dem Gutshof Altenhof in der Nähe von Bad Fredeburg erholt er sich mit seiner Frau, die auf dem Gutshof geboren wurde, und seiner Tochter von der Hektik und Aufgeregtheit der Weltpolitik. Nach einem Vortrag im Mai vergangenen Jahres haben wir den bekannten Diplomaten mit Wohnsitz in Berlin in seinem Feriendomizil getroffen.

WOLL: Herr Prof. Ischinger, auf der Weltbühne der Politik sind Sie mit globalen Themen konfrontiert. Wie fühlt sich aus dieser Perspektive die Beschaulichkeit hier im Sauerland an?
Wolfgang Ischinger:
Das ist für mich ein unglaublich erholsamer Kontrast zur Hektik des politischen Alltags, dem ich normalerweise ausgesetzt bin. Manchmal wünsche ich mir, die Kilometerentfernung zwischen Berlin und dem Hochsauerlandkreis wäre nicht so groß. Für ein kurzes Wochenende ist es doch eine anstrengende Fahrt. Dieses Wochenende haben wir ja vier Tage, das lohnt sich dann schon.

WOLL: Wann sind Sie als Schwabe zum ersten Mal auf das Sauerland aufmerksam geworden?
Wolfgang Ischinger:
Ich stamme aus Baden-Württemberg und habe Jura in Bonn studiert. Aufgewachsen bin ich zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb, da gibt es viel alpinen Skilauf. In der Studentenzeit war ich auch in einer Skirennmannschaft und habe gelegentlich an Rennen teilgenommen. Ein studentischer Freund von mir hat berichtet, dass es in Altastenberg die Westdeutschen Skimeisterschaften gibt, und da haben wir uns dann angemeldet. Auf diese Weise kam ich damals, Ende der 60er, ins Sauerland. Ich kann mich genau erinnern, wie ich das erste Mal durch Schmallenberg mit dem Auto gefahren bin. Das vergisst man nicht, diese Fachwerkhäuser und diesen hübschen Ort! Dann ging es hinauf nach Altastenberg. Die Westdeutschen Meisterschaften waren ein interessantes Erlebnis, aber auch ein gefährliches. Mit Todesverachtung stürzte man sich da einen Eishang runter und musste eine ganz scharfe Kurve in den Wald einschlagen. Ich dachte, da werden sich einige das Genick brechen, aber es ist zum Glück nichts Schlimmes passiert. Ich habe zwar keinen Pokal gewonnen, aber das war mein erstes Sauerländer Erlebnis.

Foto: Klaus-Peter Kappet

WOLL: Das hat Sie aber nicht abgeschreckt …

Wolfgang Ischinger: Nein, ganz im Gegenteil. Viele Jahre später habe ich dann in Bonn eine Sauerländerin kennengelernt, die jetzt meine Ehefrau ist, und seit der Zeit komme ich natürlich immer häufiger hierher.

WOLL: Vermutlich haben Sie durch ihre Sauerländer Frau die Region und die Besonderheiten des Sauerlandes ganz gut kennengelernt, oder?

Wolfgang Ischinger: Ja, ich bin mittlerweile ein Fan dieser Gegend. Abgesehen von meiner familiären Verbindung nach Bad Fredeburg, habe ich hier auf Gut Altenhof noch zwei gute Freunde. Bei der Vortragsveranstaltung in Winkhausen erschien ein alter Freund, der Freiherr von Plettenberg. Der lebt auf seinem Besitz in Bamenohl. Damals, als wir etwas jünger waren, hat er mich ins Sauerland eingeladen und so habe ich auch diesen Teil vom Sauerland näher kennengelernt. Ich bin ein großer Fan der großartigen Sauerländer Biere. Mir gefällt auch die klassische Architektur sehr gut: das Sauerländer Fachwerkhaus.

WOLL: Und wie steht es mit den Menschen hier: Schätzen Sie die Sauerländer oder haben Sie vielleicht auch Probleme mit ihnen?

Wolfgang Ischinger: Nein, mir erscheinen die Sauerländer gar nicht so anders als die Schwaben, außer dass sie natürlich eine andere Sprache haben. Sie sind nicht die Weltmeister der Kommunikation, sondern schauen sich ihr Gegenüber erst mal ganz genau an. Sie beobachten mehr, als dass sie drauflosquatschen. Das kenne ich aus meiner Heimat auch und das gefällt mir ganz gut. Was mir außerdem sehr gut gefällt, ist, dass die Menschen hier in sich ruhen. Genau wie die Landschaft hier ruht. Das strahlt eine gewisse Harmonie aus, die gar nichts zu tun hat mit Langeweile, sondern mit großer Stabilität und einer gewissen Gelassenheit. Das ist für einen Menschen wie mich – ich bin zwar nicht als Städter aufgewachsen, lebe aber aufgrund meines Berufs seit vierzig Jahren immer in Großstädten und urbaner Umgebung – besonders schön. Deswegen komme ich, sooft ich eben kann, mit meiner Familie ins Sauerland.

WOLL: Und dann immer hierher nach Bad Fredeburg, auf das Gut Altenhof?

Wolfgang Ischinger: Ja, weil wir uns hier auf dem Altenhof auch unser eigenes kleines Quartier eingerichtet haben und unsere Tochter hier wunderbar das Landleben genießen und ihrem Hobby Reiten nachgehen kann. Und ich gehe mit meinem Schwager gerne regelmäßig auf die Jagd.

WOLL: Sie kennen das Sauerland also aus eigener Erfahrung und durch Erzählungen der Verwandtschaft. Was müssten wir hier im Sauerland aus Ihrer Sicht tun, um uns für die Herausforderungen der Zukunft noch besser zu wappnen?

Wolfgang Ischinger: Ich habe gar nicht den Eindruck, dass man hier im Sauerland oder in diesem Teil von NRW die Zukunft verschläft. Ganz im Gegenteil. Ich höre immer wieder von mittelständischen kleinen und größeren Firmen, die in ihrer Nische zu den Weltmarktführern gehören. Bei der Metallverarbeitung und in den verschiedensten Industriezweigen. Ich glaube also nicht, dass es hier viel aufzuholen gibt. Ich würde mir wünschen, dass das Sauerland seine Attraktionskraft dadurch bewahren kann, dass es sich nicht zu sehr verändert. Dieser Waldreichtum und die Hügellandschaft mit dem Hochsauerland im Hintergrund, haben einen besonderen Zauber. Und dass man hier durch die Dörfer fahren kann und in fast jedem Dorf noch eine nette Kneipe oder einen gemütlichen Gasthof findet, ist einmalig. Das findet man zum Beispiel bei mir zu Hause im Schwäbischen nicht so. Diese Gastfreundschaft und diese kleinen Gastwirtschaften! Manche sind inzwischen große Anwesen geworden, toll.

Foto: Klaus-Peter Kappest

WOLL: Welche Sauerländer sind Ihnen schon einmal auf der Weltbühne begegnet und welche Erinnerungen haben Sie an diese?

Wolfgang Ischinger: Der Name, der mir da als Erstes einfällt, ist natürlich Friedrich Merz, mit dem ich auch befreundet bin. Wir sind gemeinsam bei der Atlantik-Brücke engagiert, er ist Vorsitzender und ich gehöre zum Vorstand. Friedrich Merz nimmt außerdem regelmäßig an meiner Münchener Sicherheitskonferenz teil. Insofern verbindet uns eine ganze Menge, sicherlich auch eine sehr persönliche Freundschaft. Vorgestern Abend bei der Veranstaltung traf ich auch den Nachfolger von Friedrich Merz, Patrick Sensburg, den ich aber erst seit kurzer Zeit kenne. – Den früheren Bundespräsidenten Lübke habe ich persönlich nie kennengelernt. Er war Bundespräsident, als ich Student war. Aus dem Umfeld von Iserlohn habe ich einen befreundeten Kollegen, Frank Elbe. Er war wie ich einer der engsten Mitarbeiter von Genscher. Frank Elbe nahm damals, 1989, auch an den berühmten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen teil. Aber er ist, wie ich, längst im Ruhestand.

WOLL: Gibt es für Sie einen Lieblingsort hier im Sauerland?

Wolfgang Ischinger: Altenhof ist natürlich mein Lieblingsort. Aber ich habe mich auch in diese ganz alte Kirche in dem kleinen Ort Wormbach verliebt. Dort wurde 2004 unsere Tochter getauft. Die Kirche von Wormbach und der anschließende Friedhof haben eine enge Verbindung zur Familie meiner Frau.

WOLL: Ein Schmallenberger Unternehmen hat früher in seinen Werbeaussagen das Sauerland und Schmallenberg mal humorvoll als das Herz Europas bezeichnet. Wie beurteilen Sie aktuell die Situation dieser Region in Deutschland und in Europa?

Wolfgang Ischinger: Ich fange mit dem Großen an und komme dann zum Kleinen. Ich glaube, dass auf Deutschland wegen unseres enormen wirtschaftlichen Erfolgs der letzten Jahre und auch wegen der aktuellen politischen Lage in und um Europa immer größere Erwartungen zukommen. Erwartungen, die auch aus dem Ausland an uns gerichtet werden. Der frühere Bundespräsident Gauck hat das schon vor drei Jahren in seiner Rede, die er auf meine Einladung hin bei der Münchener Sicherheitskonferenz hielt, formuliert. Die Verantwortung Deutschlands für die Entwicklung der internationalen Lage, politisch und im schlimmsten Fall auch militärisch, ist gewachsen. Ohne das mit übertriebenem Stolz zu sagen: Ich glaube, die Bundesrepublik Deutschland kann heute für sich in Anspruch nehmen, bei vielen Unsicherheiten in unserem Umfeld Stabilität zu bringen. Denken Sie an Großbritannien, den Brexit, an die Wahlkämpfe mit zum Teil extremen Positionen in vielen unserer Nachbarländer. Vor kurzem haben viele den Atem angehalten, wie wohl die französischen Wahlen ausgehen würden. Deutschland ist der Stabilitätsanker mittendrin, erfreulicherweise. Ich denke, wir sind für diese gesteigerte Verantwortung vergleichsweise gut gewappnet. Denn die Bundesrepublik Deutschland wird auch nach dem kommenden Bundestagswahlkampf – davon gehe ich aus – eine stabile Regierung haben. Unabhängig davon, wer dann Bundeskanzler ist. Wir werden weiterhin unserer Aufgabe, Stabilität in und um Europa zu erhalten und wirtschaftliches Wachstum zu generieren, gerecht werden. Und so eine Kernregion wie das Sauerland muss sich da überhaupt nicht verstecken. Soweit ich das überblicke, leistet diese Region einen Beitrag zur deutschen Exportwirtschaft und zur Kraft der deutschen Wirtschaft, der sich sehen lassen kann. Und trotzdem ist diese Landschaft nicht nur ein Industrieansiedlungsplatz, sondern man hat das Gefühl, wenn man hier durchfährt: Wald, Wald, Wald und Wiesen und viel Natur. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man dann doch, dass hier an allen Ecken und Enden kleinere und größere Betriebe operieren und dass es vielen von ihnen durchaus gut geht.

WOLL: Ein Blick in die Zukunft – welche weltpolitischen Herausforderungen sehen Sie in den nächsten Jahren auf uns zukommen? Eine haben Sie ja schon genannt: Stabilität erhalten.

Wolfgang Ischinger: Ich glaube, die wichtigste Aufgabe für die deutsche Politik und die nächste Generation der Abgeordneten unseres Parlaments wird es sein, den Bürgern erfolgreicher, als es bisher der Fall gewesen ist, deutlich zu machen, dass es nur einen Weg in eine gute Zukunft gibt – und das ist der Weg über Europa und nicht der ohne Europa. Der Weg zurück in den Nationalstaat, den manche ja propagieren, ist historisch betrachtet ein Holzweg. All die großen Fragen, die unsere Zukunft mitentscheiden werden, um den Terrorismus, grenzüberschreitende Kriminalität, die Energie-, die Klima- und die Umweltpolitik, all diese Fragen sind national alleine nicht mal im Ansatz lösbar. Wenn wir nicht eine handlungsfähige, respektierte europäische Führung in Brüssel haben, dann wird Europa seine Interessen nicht hinreichend vertreten können. Das Ziel muss also sein, bei den Bürgern die Unterstützung für das europäische Projekt wiederzubeleben. Denn das europäische Projekt ist bei vielen in Verruf geraten, weil sich die Europäische Union, beispielsweise in der Flüchtlingskrise, nicht imstande gezeigt hat, eine tragfähige Politik zu entwerfen, an der alle 28 EU-Mitglieder auch bereit waren teilzunehmen. Ich glaube, der Schlüssel, um der europäischen Union wieder neuen Schwung zu verschaffen, liegt genau bei meinem Thema: bei dem Thema der Sicherheit. Den Menschen ist die äußere und innere Sicherheit fragwürdig geworden. Das hat zum Teil mit Putin zu tun, mit der Krim, mit dem Vorgehen in der Ukraine, auch mit Syrien. Das hat aber eben auch mit dem Eindruck zu tun, dass wir mit terroristischen Gewalttaten überschwemmt werden, siehe Manchester vor einigen Tagen. In Deutschland hat man lange gedacht: Terrorismus, das passiert woanders, in Großbritannien, in Spanien, auf einer tunesischen Insel, aber doch nicht bei uns! Jetzt wissen wir, dass auch wir davon nicht verschont bleiben. Den Sorgen der Bürger mit Antworten zu begegnen, die glaubwürdig und tragfähig sind, wird nicht möglich sein, wenn die Antworten nicht auf einer gemeinsamen europäischen Grundlage geschaffen werden. Das Ziel muss also sein, die Europäische Union in den Augen der Bürger zu einem Sicherheitsprovider zu machen, dann wird die EU auch wieder mit der Unterstützung und Zustimmung der Bürger rechnen können.

Foto: Klaus-Peter Kappest

WOLL: Da schließt sich die letzte Frage an: Welchen Rat geben Sie der jüngeren Generation?

Wolfgang Ischinger: Die Möglichkeiten, die geschaffen worden sind, aktiv zu nutzen. Für Studenten beispielsweise gibt es das Erasmus-Programm und es gibt die Überlegung, solche Programme auch für junge Leute aus anderen Berufen, wie Handwerksberufen, auszudehnen. Ich finde die Idee, die vor kurzem vorgetragen wurde – dass man, um Europa für junge Leute wieder attraktiver zu machen, jedem Europäer, wenn er 18 wird, für ein halbes Jahr eine Freifahrkarte für den Transeuropa Express zur Verfügung stellen sollte – nicht abwegig. Unsere Regierungen geben manchmal für weit dümmere Sachen Geld aus. Die bestehenden Möglichkeiten stärker zu nutzen, würde ich also raten, und Europa näher kennenzulernen. Keineswegs nur Frankreich, Spanien und Österreich, sondern die deutsche Jugend sollte auch mal nach Polen reisen, beispielsweise nach Krakau, in eine der schönsten europäischen Städte. Oder durch Ungarn, unabhängig davon, was für eine Regierung dort im Augenblick herrscht. Oder durch Südost-Europa. Ich habe aus beruflichen Gründen viel Zeit in Städten wie Belgrad, Sarajevo oder Pristina im Kosovo verbracht. Das sind großartige Zentren und Landschaften, wo das westliche christliche Abendland mit der orthodoxen Christenheit und der muslimischen Welt zusammentrifft. Es geht darum, Land und Leute näher kennenzulernen. Aber ich habe den Eindruck, unsere jungen Leute fliegen lieber auf die Seychellen, als mal den Balkan zu erkunden. Europa hat unglaublich viel zu bieten: vom Nordkap bis nach Gibraltar. Programme, die es für junge Leute interessant machen, in andere Länder zu reisen, vielleicht auch mal dort zu arbeiten, sollten weiter geschaffen und gefördert werden.

WOLL: Vielen Dank, Herr Prof. Dr. Ischinger, für dieses Gespräch in der Idylle des Sauerlandes.

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