Ein großes Gefühl von sicher und gut und hier – Ein Regionsschreiber zieht Bilanz

Foto: Klaus-Peter Kappest
Foto: Klaus-Peter Kappest

Erinnern Sie sich noch an den Bericht über den so genannten Regionsschreiber Christian Caravante in der Herbst-Ausgabe 2017 der WOLL? Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Konzepts „Regionale Kulturpolitik“ in NRW entsandte man jene Regionsschreiber – gewissermaßen Forschungsreisende, Beobachter, Kommentatoren – in die zehn Kulturregionen des Landes, damit sie dort über vier Monate hinweg beobachten und beschreiben konnten, wie das „Herz von NRW“ schlägt. Gemeint waren der Lebensalltag, die Idee von „Heimat“, die kulturelle Identität, die Vielfalt des Seins im Lande.

Seine Zeit unter Sauerländern

Auf der Internetseite stadt-landtext.de kann man fasziniert den Blog-Einträgen der zehn Regionsschreiber folgen. So lässt sich auch Christian Caravante auf Finger und Tastatur schauen, zum Beispiel beim vorläufigen Resümee seiner Zeit unter Sauerländern, denn „der Sauerländer macht weiter. Weil er immer noch weiß, was er hat“. Das habe nichts mit einem stoischen Weitermachen im ewig gleichen Trott zu tun, so Caravante, vielmehr sei es die fest verwurzelte innere Gewissheit, hier ein gutes Leben führen zu können. So schnelllebig und mitunter problematisch unsere moderne Zeit auch erscheinen mag und hier, auf dem Land, vielleicht noch unmittelbarer erfahren wird, so sehr erscheint ihm das Leben der Sauerländer gegen das Anbranden der Moderne gefeit. – Finden Sie sich darin wieder? Es ist das Fazit nicht allein seines viermonatigen Aufenthalts, sondern auch von mehr als 1000 Kilometern zurückgelegter Wegstrecke durch die zwölf Gemeinden des Hochsauerlandkreises und unzähligen Begegnungen zwischen Arnsberg und Hallenberg, Schmallenberg und Marsberg, für die der Regionsschreiber Caravante vielleicht auch mal von Hinz zu Kunz gefahren ist. Von eigentlich jedem, dem er begegnet ist, fühlte sich Caravante willkommen geheißen. „Das gern herangezogene Klischee vom maulfaulen Sturkopf ist mir in persona kein einziges Mal begegnet. Ganz im Gegenteil!“, lächelt der Dortmunder Familienvater. „Neben der tollen Unterstützung durch das Kulturbüro des HSK ist mir am nachhaltigsten eine Heimatpflegerin in Erinnerung geblieben, die am Rande eines kleinen, vielleicht gerade einmal 300 Einwohner zählenden Dörfchens lebt, einen Beruf ausübt, sich um die Familie kümmert und nebenbei noch in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit aufgeht. Offen, ungezwungen, frei heraus, engagiert und heimatverbunden – das war ein dreistündiges, extrem kurzweiliges Gespräch!“ Schnell wurde ihm klar, dass zwischen Stadt und Land zumeist wechselseitig die jeweiligen Klischees bedient werden. Wenn man aber ins Reden kommt, dann werden bald die Gemeinsamkeiten offenbar. Reden und zuhören, schreiben und lesen: nicht nur das A und O eines Regionsschreibers! „Es ging mir vor allen Dingen darum, andere Schreibweisen zu eröffnen. Nicht nur für mich selbst und mein Arbeiten, sondern auch im Sinne einer neuen Perspektive, wie man sozusagen Sauerland schreiben und entsprechend auch lesen kann“, hält der begeisterte Motorradfahrer fest. Vieles findet sich zwischen den Zeilen und man muss genau hinsehen.

Heimat ist immer in einem

Und wie schlägt es nun, das Herz der Sauerländer? „Ich bin immer wieder gefragt worden: ‚Wie sind die denn da jetzt?‘“, erzählt er und räumt mit einem Lächeln ein, dass die Antwort viel zu komplex sei, um sie nach „nur“ vier Monaten erschöpfend beantworten zu können. Vieles hat mit der dieser Tage gern gestellten Frage nach Heimat zu tun. Caravante hat sich viele Gedanken dazu gemacht und gemerkt: Zu vieles wird dabei an Äußerlichkeiten festgemacht. Am Ende steht die irgendwie beruhigende Einsicht, dass Heimat eigentlich immer in einem ist, dass sie immer dort ist, wo man lebt und liebt. Also auch etwas, was sich gewissermaßen ‚zwischen den Zeilen‘ verbirgt, wie ein unsichtbarer Webfaden alles miteinander verbindet. Im Sauerland, wo einst die viel zitierten tausend Berge und Täler als eher Trennendes erfahren wurden, scheinen mehr und mehr die Gemeinsamkeiten in den Fokus gerückt, wird die Sauerländer Topographie als das alle Orte und Winkel der Region Verbindende erlebt. Das unausweichlich auf die Feststellung „Es ist schön, hier zu leben“ folgende „Aber“ wird merklich kleiner geschrieben, nebensächlicher ausgesprochen. Man besinnt sich weit mehr auf das Schöne und nimmt das Fehlen der einen oder anderen Annehmlichkeit in Kauf.
Und so geht dem Regionsschreiber Christian Caravante am Ende seiner vier Monate als Forschungsreisender im Sauerland auch diese schöne Erkenntnis nicht mehr aus dem Kopf: „Das Leben hier wird weitergehen wie zuvor. Gut zu wissen!“ Dem schließt man sich doch gerne an!

Text: Jens Feldmann