Winterberg. (ske) Es muss ihr eigentlich wie ein Märchen vorkommen, doch es ist wunderbare Realität und das Ergebnis harter und konzentrierter Arbeit: Nach den drei Weltcup-Rennen in Lake Placid und Park City (USA) sowie in Whistler (Kanada) feiert Anna Köhler vom BSC Winterberg am 9. Dezember ihre Heimpremiere an der Kappe als Mitglied im exklusiven Kreis der Weltcup- und Weltklasse-Pilotinnen. Trotz aller Freude über die Berufung in die Top-Elite, beim Blick zurück spart sie nicht mit Selbstkritik. „Ich bin mit den Rennen in Übersee nicht zu 100 Prozent zufrieden“, sagt die 24-Jährige nach ihren Plätzen 12, 8 und 14. „Ich bin aber auch eher ein selbstkritischer Mensch. Den einen oder anderen Fehler hätte ich vermeiden können. Aber daraus lernt man ja und wird dadurch besser.“
Viele Eindrücke habe sie bei ihren Weltcup-Premierenfahrten gewonnen. „Besonders die superschnelle Bahn in Whistler hat mir am meisten Spaß gemacht, auch wenn ich das im Rennen mit dem 14. Platz nicht so zeigen konnte.“ Ungewöhnlich war für die Maschinenbau-Studentin auch die Tatsache, dass sie als im zweiten Wertungslauf zwischenzeitlich Führende in die Leadersbox musste. Das sei anders als bisher im Europacup. Andererseits waren die Weltcuprennen „vom Gefühl her wie die anderen Rennen, die ich bisher gefahren bin“.

Und diese Rennen waren von Erfolg gekrönt. Der vorläufige Höhepunkt der Sportlerin des BSC Winterberg, die nach ersten Versuchen auf dem Skeleton-Schlitten in den Bob umstieg und am Winterberger Stützpunkt ausgebildet wurde, war der Sieg des Gesamt-Europacups in der vergangenen Saison. Auch die Junioren-Vizeweltmeisterschaft vom 28. Januar 2017 auf ihrer Heimbahn hinter der Britin Mica McNeil war ein großer Erfolg. Köhler war mit Abstand die beste Pilotin im Feld, doch die Britin hatte zweifellos das bessere Schlitten-Material, das schließlich den Ausschlag gab. Auch der fünfte Platz bei den Deutschen Meisterschaften am 30. Dezember 2014 in Winterberg zählt zur Erfolgs-Bilanz. Anschieberin war damals übrigens Annika Drazek, die gut zwei Monate später bei der Heim-WM mit Anja Schneiderheinze Silber gewann.

Anna Köhler weiß, dass auf ihrem weiteren Weltcup-Weg noch viel Arbeit auf sie wartet. Hart arbeiten, ja für den Erfolg diszipliniert und knochenhart malochen, dazu war und ist sie bereit. Das Pensum am Stützpunkt und in Dortmund – gemeinsam mit der lange verletzten Vereinskollegin Erline Nolte durchgezogen – war enorm. „Ich habe Christopher Braun, unserem Trainer, viel zu verdanken“, betont Köhler. „Auch Bundestrainer René Spies war stets ansprechbar und hat die Trainingspläne entworfen.“ Der Lohn stellte sich ein: Köhler knackte die vorgegebene Startnorm, bewies in den internen Selektionsrennen mit Erline Nolte als Anschieberin Nervenstärke und erhielt den dritten deutschen Startplatz im Weltcup-Team. „Als der Bundestrainer uns das beim Lehrgang am Königssee mitteilte, ist das bei mir erst gar nicht im Kopf angekommen. Einfach unfassbar. Der Weltcup war immer mein Ziel.“

In Winterberg ist es bereits die vierte Station. Intensiv hat sie im Training an ihrer Fitness gearbeitet und das Material getestet. Sie geht am 9. Dezember mit Erline Nolte an den Start. Ihr Ziel: „Wir wollen zweimal gut starten und zwei saubere und ordentliche Fahrten hinlegen. Dann sehen wir für was das reicht.“ Das gilt auch für eine mögliche Teilnahme an den Olympischen Spielen. Die Hürden sind hoch. Das deutsche Frauenteam muss sich als zweitbestes im Weltcup etablieren, um den dritten Startplatz bei Olympia zu erreichen. Zudem steht das vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geforderte Nominierungs-Kriterium: Zwei Podiumsplatzierungen oder drei Plätze unter den besten acht Athletinnen muss Anna Köhler erreichen. Bisher steht ein achter Platz in Park City auf ihrem Konto. In Winterberg soll ein weiterer Schritt folgen. „Wir müssen sehen, wie die Rennen in Europa laufen.“ Nach Winterberg stehen noch Igls, Altenberg, St. Moritz und Königssee im Weltcup-Kalender. Ihr Vereinschef Jens Morgenstern meint: „Anna hat die Chance, vor allem aber die Qualität, sich für Olympia zu qualifizieren.“

Nicht nur das „Eis knistert“: In Winterberg
werden wichtige Weichen für Olympia gestellt

René Spies bringt es auf den Punkt: „Was die Quantität und Qualität angeht: Eine solche Leistungsdichte hat es so bisher noch nicht gegeben“, sagt der Chef-Bundestrainer Bob. „In Sachen Material haben einige Nationen aufgeholt, das internationale Wettrüsten hat begonnen.“ Vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass Olympia vor der Tür steht und faszinierenden Einfluss ausübt, dürfte der 4. BMW IBSF Bob & Skeleton Weltcup presented by VELTINS, ein Ereignis mit besonderer Qualität werden, spektakulär und spannend. Es ist der erste Weltcup in Europa nach drei Übersee-Rennen. Es „knistert“, nicht nur das Eis. Und das passend zum 40-jährigen Geburtstag der Kunsteisarena. In Winterberg werden wichtige Weichen für Olympia gestellt.

Das gilt natürlich nicht nur für die Bob-Wettbewerbe. Skeleton hat sich in den letzten Jahren immer mehr emanzipiert, die Weltklasse hat sich deutlich breiter formiert, auch das Rennen um das beste Material für die Schlitten hat brisant an Schwung gewonnen.
Winterberg und die Region dürfen sich daher freuen, eine ganz wichtige Station auf dem Olympischen Weg nach Pyeongchang zu sein. Dementsprechend akribisch verläuft die Vorbereitung der Athleten aus insgesamt 27 Nationen. Fürs deutsche Bob-Team steht dabei – neben der Athletik – die Arbeit am Material im Fokus. Trotz dreier Siege in den Überseerennen Lake Placid, Park City und Whistler lief nicht alles rund. Die Leistungsschwankungen waren zu groß. Beispielsweise ist der Doppelweltmeister vom Königssee 2017, Francesco Friedrich, noch längst nicht in Tritt gekommen, was auch mit dem Material zusammenhängt. Aber in Winterberg soll bei den Männern die Wende eingeleitet werden.

Bei den Frauen ist eine klare Leistungssteigerung zu verzeichnen. Sie sind dicht an den Podiumsplätzen, einer sprang in Lake Placid durch Stephanie Schneider heraus. In der VELTINS-EisArena ist Annika Drazek vom BSC Winterberg wieder dabei und feiert ihren Saisoneinstand. Sie dürfte dem Frauen-Team weiteren Schwung verleihen. Gespannt sein darf man auch auf Annika Köhler: Nach den drei Rennen in Übersee feiert die Winterberger Pilotin ihr Weltcup-Heimdebüt.

Bei den Skeletonis startet Weltmeisterin Jacqueline Lölling (RSG Hochsauerland) als Führende im Gesamtweltcup. Die Plätze acht, drei und eins weisen eine klare Tendenz auf, auch wenn fahrerisch und vor allem am Start noch Luft nach oben ist. Auch Vizeweltmeisterin Tina Hermann vom Königssee kommt langsam in Schwung. Für Alex Gassner (BSC Winterberg) geht es darum, durch einen weiteren Rang unter den besten acht Platzierten einen weiteren Schritt Richtung Olympia zu machen. In Whistler wurde er Fünfter, drei Platzierungen unter den besten acht Skeletonis sind nach den internen Kriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Voraussetzung für Olympia. Unterm Strich ist das deutsche Skeleton-Team sehr gut aufgestellt. Bei den Frauen sind Lölling und Hermann starke Medaillenkandidaten, bei den Herren hat Axel Jungk – Dritter in Park City – und amtierender Vizeweltmeister die besten Chancen, aufs Olympia-Podium zu klettern. Der Südkoreaner Yun Sungbin und der Lette Martins Dukurs sind die Topfavoriten. „Die Bronzemedaille bei den Herren ist keine Utopie“, meint Bundestrainer Jens Müller. Das ist noch Zukunftsmusik. In Winterberg sollen aber schon erste „Olympia-Töne“ zu vernehmen sein.