Hautnah dran an der Praxis

Foto: Peter Benedickt
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Mehr als trockene Theorie bei der Jugendfeuerwehr Bestwig

Noch ist alles ruhig im Raum. Leise unterhalten sich die Anwesenden. Plötzlich geht die Tür auf. Ein Uniformierter mit Helm streckt den Kopf durch den Rahmen und ruft: „Kfz-Unfall mit verletztem Fahrer“. Blitzschnell leert sich das Zimmer, alles eilt vor das Gebäude und springt in die dort wartenden Fahrzeuge.

„Sieht doch schon ganz ordentlich aus“, schmunzelt der Mann in Blau und stellt sich dem Besucher erst einmal vor: „Ich bin der stellvertretende Gemeinde-Jugendfeuerwehrwart“. Jan Frigger ist bereits seit 1997 bei den Aktiven. „Zu meiner Zeit gab es die Nachwuchsabteilung noch nicht, deshalb trat ich damals erst mit 18 Jahren ein“, beschreibt er einen Mangel, der allerdings am 30. Januar 1998 behoben wurde. Die Gründungsväter damals: der Velmeder Thomas Göbel und Christian Kenter aus Heringhausen.

Die Geschichte der Jugendfeuerwehren begann allerdings bereits viel früher. 1882 entstand in Oevenum auf der Insel Föhr die erste Gruppe und sie dürfte somit sogar die älteste in Europa gewesen sein. Es gab ganz praktische Gründe für den Aufbau dieser Einrichtung. Die erwachsenen Männer waren auf See, um für den Lebensunterhalt zu sorgen, die Jugendlichen mussten relativ früh alle anfallenden Aufgaben in der Heimat erledigen; also auch den Brandschutz. In der Bundesrepublik ist bekannt, dass im Jahr 1953 in Niebüll eine Jugendfeuerwehr nach den heutigen Modellen entstand.

Zurück in die Gemeinde Bestwig: Alle 14 Tage trifft sich die Truppe zum Übungsabend, immer zentral in Bestwig. Diesmal steht „Außendienst“ auf dem Programm. „Wir fahren auf das Gelände der Müllentsorgung Stratmann im Gewerbegebiet“, erläutert Jan Frigger. „Hier wollen wir so authentisch wie möglich Einsatzmöglichkeiten demonstrieren“. Also war der Ruf: „Kfz-Unfall mit verletztem Fahrer“ nicht einfach nur so in den Raum gerufen? „Nein, nein“, schüttelt der Aktive seinen Kopf. „Wir wollen schon ein bisschen Abwechslung in den Alltag bringen“

Foto: Peter Benedickt
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Jan Frigger und seine Kollegen Olaf Kraft, Thomas Wüllner und Jörg Wullenweber beraten sich noch kurz, dann werden die Motoren angelassen und die kurze Fahrt zum „Einsatzort“ beginnt. „Wir haben heute vor, technische Hilfeleistungen in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen“, erläutern die Fachleute, während die Kraftfahrzeuge über die B7 rollen. „Dazu zählt etwa das Absichern von Unfallstellen oder auch das Anheben und Ziehen von Containern. Und dabei bietet sich das Unternehmen natürlich vorbildlich an“. Zu diesem hat Jan Frigger die besten Verbindungen, denn im Zivilleben ist er bei der Firma als Marketingleiter und Pressesprecher beschäftigt.

Kaum am „Einsatzort“ angekommen, springen die zehn- bis achtzehnjährigen Nachwuchs-Lebensretter aus den Fahrzeugen, stellen sich auf. Schnell haben die Ausbilder zwei Gruppen gebildet, dann geht es auch schon mit den praktischen Übungen los.

„Stellt euch vor, unter dem Container dort hinten liegt eine Person“, gibt Frigger eine Lageübersicht. „Was müssen wir machen?“. Kurzes Überlegen, gegenseitiges Anschauen, dann meldet sich einer aus der Gruppe: „Anheben und sichern“. „Genau“, bekommt der junge Mann Recht und schon beginnt eine rege Betriebsamkeit.

In der Jugendfeuerwehr Bestwig sind zurzeit 28 Mitglieder tätig, darunter zwei Mädchen. Die Betreuer und Ausbilder sind mit dem Engagement zufrieden, richtiger Mangel an Teilnehmern herrscht in keiner Löschgruppe. „Die Jungs und Mädels kommen aus allen Ortsteilen, mal sind es hier mehr, mal dort weniger. Alle paar Jahre ändert es sich mal“, weiß der Fachmann.

Im Moment schleppen die „Lehrlinge“ zwei monströse „Wagenheber“ Richtung Container, andere wiederum haben Holzklötze aus den unergründlichen Tiefen des Einsatzfahrzeuges geholt. Zwei erklimmen inzwischen den Rand des Großraum-Behälters, schauen hinein und geben Klarmeldung: „Er ist leer“. „Habt ihr gut gemacht“, lobt Jan Frigger und erläutert: „Wir wollen ja keine böse Überraschung erleben, wenn wir ihn anheben und uns poltert plötzlich irgendetwas um die Ohren“.

Deutlich ist zu spüren, dass alle Teilnehmer die Autorität ihres Ausbilders anerkennen. Sie sind stolz, wenn er sie lobt, sie reagieren, wenn er seine Anweisungen gibt. Ist das ein Naturtalent oder gibt es spezielle Ausbildungen für Jugendfeuerwehr-Leitungen? Ich habe zu Beginn meine kompletten üblichen Grundlehrgänge absolviert“, zählt der Feuerwehr-Pressesprecher der Gemeinde Bestwig auf. „Habe dann als Betreuer bei der JF angefangen und bin nun seit 2007 stellvertretender Gemeinde-Jugendfeuerwehrwart.“ Doch einfach auf die Jugendlichen losgelassen wird kein aktives Mitglied und hat er noch so viele Jahre Erfahrung im Rettungswesen. Jeder Ausbilder und Betreuer macht einen Jugendgruppenleiterlehrgang. Da geht es überhaupt nicht um Feuerwehr-Themen, sondern um allgemeine Jugendthemen wie Jugendschutz, Aufsichtspflicht, Kindeswohl und vieles mehr. Diese Lehrgänge machen eigentlich alle, die in der Jugendarbeit aktiv sind, ganz gleich, ob Kolping, Feuerwehr oder Pfadfinder.

Inzwischen kann die Einsatzgruppe melden, dass der Container angehoben und mit den Holzklötzen gesichert ist: „Die eingeklemmte Person ist gerettet“.

Foto: Peter Benedickt
Foto: Peter Benedickt

Da hier ja schließlich so hautnah wie möglich an der Realität geübt wird, ist natürlich auch die Ausrüstung entsprechend. Jedes Mitglied bekommt eine eigene Ausstattung: spezielle Hose und Jacke, natürlich auch Handschuhe. Und ganz wichtig: Etwas, das die Feuerwehrleute, auch die Nachwuchsfeuerwehrleute, vom normalen Bürger ganz besonders unterscheidet: der Helm.

„Über die Unterstützung durch die Politik und die Gemeindeverwaltung können wir uns nicht beschweren“, freuen sich die Ausbilder. „Die Anschaffung von Rüstzeug, wie beispielsweise die Bekleidung, war noch nie ein Problem“. Aktuelles Beispiel für die Förderung ist die Bereitstellung eines Bullis für die Nachwuchsabteilung. Hier hat die Gemeinde investiert. Damit werden die Jugendlichen zu den Terminen eingesammelt und auch wieder nach Hause gebracht.

Inzwischen war die andere Gruppe ebenfalls nicht untätig. Sachlage: Verunfallter Lkw mit verletztem Fahrer im Führerhaus. Ein JF-Mitglied wird zum Schauspieler und stellt den Trucker dar. Pylonen zur Absicherungen werden herangeholt, die Trage für den Transport geht vom Dach des Einsatzfahrzeuges durch mehrere Hände zum Ort des Geschehens.

„Wie finden denn die Jugendlichen all die vielen Gerätschaften?“ staunt der Zuschauer. „Wie zu Beginn erwähnt, gibt es bei uns nicht nur trockene Theorie“, gibt Jörg Wullenweber einen weiteren Einblick in den Unterricht. Auch Fahrzeug- und Gerätekunde, um das Material und die Fahrzeuge kennenzulernen, werden regelmäßig vermittelt. So weiß jeder, wo was im Lkw zu finden ist.

Weitere Inhalte: Übungen mit Leitern: Wie werden Leitern vorgenommen, wie wird rauf- und wie runtergegangen? Welche Knoten und Stiche werden bei der Feuerwehr benötigt und eingesetzt? Und dann wird selbstverständlich die Basis einer Feuerwehr erklärt: der Löschangriff. Inklusive dem Aufbau der Wasserversorgung. Nur ein kleiner Ausblick in das Programm, aber er zeigt den Umfang, der den Jugendlichen beigebracht wird.

Die ersten Anweisungen hallen über den Platz: „Halt! Nicht einfach die Fahrertür aufreißen. Ihr müsst sie ebenfalls sichern, sonst schlägt der Wind sie zu und ihr seid eingeklemmt“. Ruckzuck ist ein Gummiband zur Stelle: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Ein Jung-Feuerwehrmann bekommt den Auftrag der Betreuung. Er teilt dem Verletzten mit, was geschieht, damit dieser nicht in Panik verfällt.

Schließlich ist es geschafft, der Verletzte befreit. Ihn aber auf die Trage zu bekommen, ohne ihn mehr als nötig zu bewegen, ist schon eine kleine Kunst. Aber mit Hilfe der Ausbilder klappt es recht flott. Da staunt sogar der Gast, wie professionell der Nachwuchs bereits tätig ist.

Die Arbeit der Leitung liegt in mehreren Händen. Die Ausbilder kommen aus allen Ortsteilen: Jörg Wullenweber und Jan Liese aus Nuttlar, Dennis Stratmann und Jonas Aufderbrick aus Ostwig, Steffen Sprenger und Christian Krane aus Bestwig, Sebastian Scheer aus Andreasberg und Torsten Wegener aus Heringhausen. Und Jan Frigger, der für sein Ehrenamt (Übungsabende der Jugend und als Aktiver, die Vorbereitung auf die Gruppenstunden und seine Aufgaben als Pressesprecher) monatlich auf rund 25 Stunden Zeitaufwand kommt.

Aber die Arbeit lohnt sich. Jedes Jahr werden in der Gemeinde in der Regel zwei bis drei Jugendliche in die „große“ Wehr übernommen. Eine verlässliche Nachwuchsarbeit ist also wichtig, um die Mitgliederzahlen bei den Erwachsenen zu halten.

Foto: Peter Benedickt
Foto: Peter Benedickt

Um den Leistungsstand untereinander zu erkennen, gibt es alle zwei Jahre den Kreisjugendfeuerwehrtag auf HSK-Ebene. Viele Trupps treten gegeneinander an. Unterschiedlichste Spiele, die teilweise Feuerwehrbezug haben, werden absolviert.

„Ansonsten nehmen wir alle zwei Jahre an der Leistungsspange teil. Das ist ein offizieller Wettbewerb der deutschen Jugendfeuerwehr, der bundesweit einheitlich ist“, so Jan Frigger. „Dabei geht es um verschiedene Feuerwehraufgaben, wie Knoten, einen Löschangriff, eine Schnelligkeitsübung. Und es gibt einen sportlichen Teil mit Staffellauf und Kugelstoßen“. Hierbei wird sich aber nicht mit anderen JF’s gemessen, es geht darum, die Aufgaben in einer bestimmten Zeit zu bewältigen und damit die Leistungsspange zu erhalten. Die Ausrichtung der Leistungsspange findet 2018 übrigens in Bestwig statt.

Natürlich springen auch mal Jugendliche ab, ihre Interessen verlagern sich. Es ist verständlich, dass in dem Alter Ausbildung oder Führerschein dann an erster Stelle stehen. Da muss die Jugendfeuerwehr zurückstecken. Aber viele melden sich nur kurzfristig ab und bleiben dann trotzdem bei der Stange.

Zudem ist es manchmal schwierig, alle unter einen Hut zu bekommen. Denn von zehn bis 18 Jahren ist die persönliche Entwicklung schon sehr unterschiedlich. „Aber da wir alle mit Freude dabei sind, klappt es recht ordentlich“, zeigen sich die Ausbilder klaglos.

Manchmal ist von einer Kinderfeuerwehr ab sechs Jahren zu lesen. Wäre dies nicht auch ein Fall für Bestwig? „Um die ganz Kleinen an die Aufgaben einer Feuerwehr heranzuführen, müsste eine ganz spezielle Ausbildung der Betreuer vorausgesetzt werden“, erläutert Jan Frigger. „Da sind besondere Kenntnisse erforderlich, die in unserer Gruppe niemand vorweisen kann. Deshalb ist dies kein Thema für uns. Wenigstens nicht in absehbarer Zeit“.

Weitere spannende Geschichten rund um Meschede und Bestwig gibt es in der 1. Ausgabe vom WOLL Magazin für Meschede und Bestwig. Erhältlich im Handel oder unter www.woll-meschede-bestwig.de 

Text: Peter Benedickt

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