Welches Geheimnis steht hinter dem hohen Alter?

Ein bewegtes Leben: Josefa Hochstein ist 101 Jahre alt

Foto: Ralf Litera

Von Kerstin Thielemeier

Wer Josefa Hochstein kennt, der wird es vermuten: Sie muss das Geheimnis des sagenumwobenen Jungbrunnens kennen. Absolut fit im Geist, mit einem erfrischenden Wortschatz, ist sie mit ihren 101 Jahren sicher: „Dä Herrguatt, hoi hiät mi vergiäten!“ (Der Herrgott, der hat mich vergessen.) Das ist auch gut so. Die Familie Hochstein, mittlerweile in vierter Generation, ist stolz auf das Familienoberhaupt und seinen unbändigen Lebenswillen. Mit vier eigenen Kindern (Adelheid, Manfred, Kunibert und Hubert), zehn Enkelkindern und neun Urenkeln hat Josefa Hochstein nach wie vor – im wahrsten Sinn – ein bewegtes Leben.

Foto: Ralf Litera

Im Ruhestand ist die Senior-Senior-Chefin noch gar nicht so lange. „Mit 99 Jahren habe ich noch in der Küche geholfen. Was ich gemacht habe, habe ich gescheit gemacht, sonst hätte ich die Kündigung bekommen“, schmunzelt Josefa Hochstein. Es habe ihr schon leidgetan, dass der Schwindel ihr einen Strich durch die Arbeit gemacht hat. Die Familie musste sie schweren Herzens in den Ruhestand entlassen: „Keiner rollt die Markklößchen so gleichmäßig wie sie. Und nachdem Mama in Rente war, mussten wir eine Besteckpoliermaschine kaufen. In der Küche fehlt sie uns sehr“, berichten ihre Kinder und Schwiegerkinder. „Auch wenn ich jetzt nicht mehr helfen kann, ich bekomme den Tag immer noch gut rum.“ Josefa Hochstein überlegt kurz und trägt ein Gedicht vor. „Gedichte lesen und lernen, das war immer schon eine Leidenschaft von mir“, freut sich der Literaturfan. Und ein weiteres wird aufgesagt. Neben den Gedichten liest sie viel und alles, auf Deutsch und auf Niederländisch, sie betet den Rosenkranz und schon sei der Tag um. Fernsehen? Dazu habe sie gar keine Zeit, abgesehen von der Messe am Sonntag, wenn André Rieu spielt oder mal Günther Jauch. Der Rest interessiere sie nicht und außerdem stehe das sowieso alles in der Zeitung.

In der Familie und in „ihrem“ Dorf Wenholthausen wird sie liebevoll „Sefa“ genannt. Unter diesem Spitznamen kennen sie alle. Von ihren neun Geschwistern lebt keines mehr, auch ihre Freunde sind mittlerweile alle verstorben. Zu den traurigen Kapiteln in ihrem Leben gehören aber in erster Linie auch der frühe Tod ihres Mannes (er starb mit nur 52 Jahren), der Tod ihres Erstgeborenen (mit 59 Jahren verstorben) und der Verlust der damals elfjährigen Enkeltochter. „Die Arbeit hat mir über vieles hinweggeholfen. Es musste ja weitergehen“, erinnert sich Sefa. Gebürtig aus Meinkenbracht hat sie das Arbeiten in der Kindheit auf dem heimischen Bauernhof schon früh kennengelernt. Nach Beendigung der Schulzeit hat sie ein Jahr in den Niederlanden Hauswirtschaft erlernt. „Und 1939 habe ich den Ewald geheiratet und bin nach Wenholthausen gezogen“, ihre Augen funkeln. Daran erinnert sie sich zu gerne: „Deimels Otto nahm Ewald Hochstein mit zur Brautschau zum Schützenfest in Meinkenbracht. Die Familie Schelle hatte drei junge Mädchen, da sollte wohl eine bei sein. Und da ich die älteste war, war ich die Favoritin. Oft gesehen haben wir uns damals nicht. Mein Zukünftiger hatte doch viel Arbeit als Bäcker und Wirt. Ich bin sogar einen Winter, im hohen Schnee, zu Fuß von Meinkenbracht nach Wenholthausen gelaufen, das war hart. Könnte mir heute auch nicht mehr passieren!“ – Witzig und weise erzählt sie von damals und heute.

Weniger lustig sind ihre Kriegserinnerungen. Der Feind, der in Wenholthausen am Bahnhof stand und auf die Eisenbahn wartete, sollte unter Beschuss genommen werden. Die Artillerie stand in der Harbecke und schoss. Das funktionierte aber nicht so, wie man es wollte. Man hatte die Entfernung falsch eingeschätzt. Getroffen wurde vor allem das Haus Hochstein und nicht der Bahnhof. Wirklich etwas passiert ist – dem Herrgott sei Dank – damals keinem was. „In dieser schlimmen Zeit haben wir 14 Tage in der Backstube gelebt. Unsere Wirtschaft war Standort der Feldgendarmerie und unser Mercedes wurde uns für Kriegszwecke weggenommen.“ An jedes Detail kann sich Josefa Hochstein erinnern. Noch heute fragen Verwandte sie bezüglich verschiedener Stammbäume und Geschehnisse. Auf ihr wahnsinnig gutes Gedächtnis ist Verlass. Ob Reparaturarbeit oder Umbau am oder im Haus – jede Baumaßnahme kann sie beschreiben. Im Laufe der Jahre waren das einige. „Mein Leben im Haus Hochstein war und ist immer von hausinternen Baustellen begleitet.“ So wurde schon damals stets modernisiert und die Räumlichkeiten auf die steigenden Ansprüche der Gäste angepasst.

Als ihr Mann 1963 verstarb, war sie 46 Jahre alt und hatte den Haushalt, die Kinder, den Garten und natürlich den Wirtschaftsbetrieb zu bewältigen. Unter ständiger Mithilfe von Tante Änne konnte der Familienbetrieb weitergeführt werden, bis der jüngste Sohn Hubert im Jahre 1966 die Geschicke des Hauses lenkte und Gastwirtschaft und Café übernahm. 1967, nach Abschluss einer der unzähligen Baumaßnahmen konnten die ersten vier Fremdenzimmer vermietet werden. Postbusfahrer gehörten in der Zeit zu den Dauergästen. „Aber wir waren nicht die ersten in Wenholthausen, die einen Übernachtungsbetrieb hatten. Als 1911 die Eisenbahn durch Wenholthausen gelegt wurde, da ging es erst richtig los mit dem Fremdenverkehr. Unsere Wirtschaft und das Café waren, solange ich da bin – das sind über 80 Jahre –, immer gut besucht.“

Das Haus Hochstein in der Südstraße 6 ist mittlerweile 145 Jahre alt. Heute hat Hotel Hochstein 34 Betten mit einem À-la-Card-Restaurant. „Ich bin schon sehr stolz, zu wissen, dass unser Lebenswerk weitergeführt wird. Mein Enkelsohn Thomas mit seiner Brigitte, die sind jung und schon längst im Geschäft. Mein Sohn Hubert und meine Schwiegertochter Gabriele haben somit die Nachfolge geregelt. Vier Generationen unter einem Dach – vom Jüngsten bis ins hohe Alter“, zufrieden sitzt Josefa Hochstein in ihrem Bett und ruft nach ihrem Ur-Enkel. Der sechsjährige Julius springt auf ihr Bett, guckt, ob alles in Ordnung ist, und weg ist er wieder. Abschließend drängt sich eine Frage auf: Welches Geheimnis steht hinter dem hohen Alter? Sefa schmunzelt wieder und sagt: „Die Arbeit ist ein gutes Mittel, so alt zu werden. Kein Alkohol, kein Nikotin – so habe ich meinen Geist behalten!“ Das beweist sie einmal mehr, indem sie ihr Lieblingsgedicht aufsagt. „Fest gemauert in der Erden …“ – Friedrich von Schiller, das Lied von der Glocke. Und: „Sollte der Herrgott sich nicht anders entscheiden, werde ich am 1. März 2018 meinen 102. Geburtstag feiern können. Ganz ehrlich? Ich freue mich darauf.“ Ganz ehrlich? Wir uns auch.

Mehr von Josefa Hochstein und dem Haus Hochstein hier im Beitrag von Patrick Feldmann auf WOLL-Radio.

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