Onkel Franz
Foto: Familienarchiv

Es war ein Wohnzimmerschrank in Westfeld, im Haus der Großeltern. Genauer gesagt lugte dort zwischen anderen Büchern der abgegriffene, faszinierend altertümlich anmutende Rücken eines etwa DIN A4 großen, fünf Zentimeter dicken Notizbuches hervor und fesselte bei jedem Besuch das Interesse Michael Schüttes. Unter Aufsicht durfte der Junge in den vergilbten Seiten mit ihrem eigentümlichen Geruch und den verwirrend unleserlichen Schriftzügen blättern. Es waren die handschriftlichen Notizen seines Urgroßonkels, des Westfelder Seemanns Franz Josef Vogt (1871-1931). Seine Oma verstand es noch, die alte Kurrentschrift zu lesen und half ihrem Enkel beim mühsamen Entziffern der Buchstaben und Worte. Von eisigen Stürmen vor Kap Hoorn war dort die Rede, von Flauten bei sengender Hitze, Seekrankheit und Mangelerkrankungen an Bord, von Rattenbefall und dem Murren unter der Schiffsbesatzung, von Seefahreridylle und den Spuren des grausamen Salpeterkriegs. „Wenn ein Mensch mit einem ungewöhnlichen Lebensweg Teil der eigenen Familie ist, dazu auch noch aus fernen Zeiten und gänzlich anderen Lebensumständen, dann fasziniert das nicht allein als junger Mensch, sondern auch als Erwachsener noch!“, schwärmt Schütte. Das Notizbuch ließ ihn nie los und er wurde mehr und mehr vertraut mit dem Lesen der Kurrentschrift. „Ich war so fasziniert, dass ich mit dem Übertragen der Ausführungen in unsere heutige Schreibschrift und der Aufarbeitung der Schilderungen nicht mehr aufhören konnte!“ Er begann, seinem Ahnen gedanklich nachzureisen, die Orte und Routen auf alten Karten und Bildern wiederzufinden. Das Forschen, das Durchdringen historischer Details und ihrer Zusammenhänge lag Michael Schütte offenbar im Blut. Nach dem Schulabschluss studierte er erfolgreich am Duisburger Standort der Folkwang Universität der Künste, spezialisierte sich auf das übertragen der Handschriften von Liedern und Noten aus dem 17. und 18. Jahrhundert für den modernen Gebrauch. Mittlerweile verdient Michael Schütte seinen Lebensunterhalt in einem Biotechnologiekonzern und lebt in Den Haag an der niederländischen Nordseeküste. Gut 4 Kilometer ist es von seinem Wohnort bis zum Blick aufs Meer. „Ich bin selbst gerne auf dem Wasser unterwegs!“, sagt er und vielleicht ist auch das eine Art Erbe seines Urgroßonkels.

Die Aufzeichnungen des Seemanns aus dem Land der tausend Berge sind unter dem Titel „Meine Erlebnisse und Seefahrten um das Jahr 1888“ in Buchform erschienen und über den Buchandel (in Schmallenberg bei Bücher + mehr) erhältlich.