Frage: Lieber Dr. Nürsel! Hasse schonn gehört, dass angeblich immer weniger Sauerländer Kinder an das Christkind und den Weihnachtsmann glauben? Dein Walter aus Wenholthausen

Dr. Nürsel: Das halte ich für ein Gerücht, lieber Wolfram. Beide Jahresendsymbolfiguren erfreuen sich im Sauerland nach wie vor großer Beliebtheit und Kinder aller bei uns ausgeübten Religionen glauben fest an sie. Das war zumindest das Ergebnis meiner Spontanumfrage im internationalen, kunterbunten Freundeskreis unserer Kurzen.

Frage 1 an die Rasselbande lautete: Wer von euch wünscht sich was vom Christkind (Sauerländisch: Krisskind)? Resultat: Klare 100%.

Frage 2: Wer von euch wünscht sich was vom Weihnachtsmann? Resultat: Wieder satte 100%.

Frage 3: Und warum heißt das Krisskind Krisskind? Anna wusste als Erste die Antwort: „Na weil du was von dem kriss, woll.“ Und Annas Wunschzettel zufolge vermutet sie sogar, dass das Krisskind richtig Muckis hat und mindestens zweimal mit dem Sattelschlepper zu uns kommt.

Die persönliche Beziehung der Sauerländer zum Weihnachtsmann spiegelt sich laut Studien des Plettenberger Püchologieprofessors Nikolaus van Ruten in vier Lebensphasen wieder: In Phase 1 glaubst du an den Weihnachtsmann. In Phase 2 glaubst du nicht mehr an den Weihnachtsmann. In Anschlussphase 3 bist du der Weihnachtsmann, gefolgt von Endphase 4, in der du schließlich selber aussiehst wie der Weihnachtsmann. Im Unterschied zum Krisskind wird der Weihnachtsmann im Sauerland übrigens ganzjährig gesichtet, hier in Schwarz gekleidet auf dem Fußballplatz („Pfeif endlich ab, du Weihnachtsmann!“), dort bei Gasthauszankereien („Ich komm dir gleich da rüber, du Weihnachtsmann!“), in unserer Familie sogar beim hochsommerlichen Grillen („Jetzt sach nich, du hass schon wieder den Senf vergessen, du Weihnachtsmann!“).

Dass der Weihnachtsmann tiefer in unserer Sprache verankert ist als das Krisskind liegt übrigens daran, dass es ihn einfach schon wesentlich länger gibt. Er ist dem Heiligen St. Nikolaus, oder Nickelaus, wie er bei uns heißt, nachempfunden. Der war ein wohltätiger Bischof und auf seinem Namenstag am 6. Dezember werden bis heute gute Gaben verteilt oder in ausnahmsweise selbstgeputzte Kinderschuhe gestopft. Aber irgendwann haben die Engländer den Nickelaus zum Father Christmas gemacht und klammheimlich auf den 25. Dezember verschoben, Coca Cola hat ihm in ein albernes rotes Antügelken und Rentiere verpasst und jetzt hammwe den Salat. Ich persönlich mag das blonde, engelige Krisskind irgenzwie lieber, obwohl es erst so gegen 1535 von einem Evangelischen wurde, und zwar von Luthers Mattin persönlich. Wenn Du mehr darüber wissen willst, klick einfach hier: https://www.sueddeutsche.de/wissen/nikolaus-und-weihnachtsmann-wer-ist-eigentlich-dieser-typ-in-rot-1.891007-2.

Ob nun das Krisskind, der Weihnachtsmann oder der Selige St. Amazon die Geschenke bringt, ist doch eigentlich auch schnurzpiepegal, Wolfram. Hauptsache, die ganze Familie trifft sich mal wieder und feiert zusammen, der Weihnachtsbaum glänzt, die Augen der Kinder leuchten und die Gans war lange genug inner Röhre. In diesem Sinne wünsche ich Dir und Deinen Lieben ein frohes Fest wunderschöne Feiertage, Du alter Weihnachtsmann, woll.

Diese Geschichte vom Krisskind ist entnommen dem Buch von Michael Martin: Fragen Sie Dr. Nürsel – Ihr lustiger Ratgeber für Sauerländisch, die schönste Sprache der Welt, erschienen im WOLL-Verlag und in allen Sauerländer Buchhandlungen und im WOLL-Onlineshop erhältlich. ISBN978-3-943681-46-2 – 8,90 Euro.