Die 5 wichtigsten sauerländischen grammatikalischen Erscheinungen

Im Plattdeutschen redet man sich anders an und die Vergangenheit beim Zeitwort ist kompliziert.

1. Im Plattdeutschen redet man sich anders an
2. Der Dativ ist dem Genitiv sein Untergang
3. Dieses ‚sich’ ist eine verflixte Sache!
4. Die Mehrzahl beim Zeitwort ist einfach
5. Die Vergangenheit beim Zeitwort ist kompliziert

Der Buiterling Max ist ins Sauerland verzogen – er ist seiner Arbeitsstelle nachgereist. Etwas an diesem Buiterling ist ungewöhnlich: Er will unbedingt sauerländer Platt lernen. Der Moritz hat das sofort gemerkt, und er ist auch bereit, den Max in die Geheimnisse des sauerländer Platt einzuweihen. Denn – das weiß Moritz im Vorhinein – der Max wird noch über einige Stolpersteine fallen, und die muss der Moritz dann erst einmal beiseite räumen.

1. Im Plattdeutschen redet man sich anders an

a. Die Plattdeutschen siezen nicht.
Klar, dass Max und Moritz schnell zum Du gefunden haben. An einem schönen Samstag Morgen sitzen Moritz und seine Frau Mia beim Frühstück, der Max ist auch dabei, denn der ist eingeladen. Versteht sich, die Frau von Moritz duzt der Max noch nicht. Um mit ihr ins Gespräch zu kommen, fragt er: „Het Se dann äok guett schlopen düese Nacht, Frau Meier? (Haben Sie dann auch gut geschlafen diese Nacht, Frau Meier?)“ Die Mia ist ein wenig verstutzt, und der Moritz merkt das. Er weiß aber auch, warum. Und so wendet er sich an Max: „Max, im Plattdeutschen wird nicht gesiezt. Bei uns tut man ihrzen, das heißt: Wir reden Leute, die wir nicht duzen, mit Ihr und Euch an, auf Platt mit Ey un Ugg. Versuch doch den Satz noch mal zu sagen, jetzt aber richtig.“ Und Max leistet Folge: Het Ey dann äok guëtt schlopen düese Nacht, Frau Meier?“ „Jau, dät hewwick,“ sagt diese lächelnd. Max macht einen weiteren Versuch: „Dann draff ick Ugg näo en kitzken Kaffe in Ugge Köppken geiten? (Dann darf ich Ihnen noch ein wenig Kaffe in Ihre Tasse eingießen?“ „Jau, dat drüef Ey (Ja, das dürfen Sie)“, nickt Frau Meier, und dann fügt sie noch hinzu: „Säo, Max, un niu siësste Diu fiär miëck! (So, Max, und jetzt sagst du Du zu mir.)“

Fazit: Wenn man jemanden duzt, sagt man zu ihm: diu, dey, diëck; deyn
Wenn man mehrere anspricht, die man duzt, sagt man: ey, ugg, ugg, ugge
Wenn man einen oder mehrere siezt, redet man sie so an: Ey, Ugg, Ugg, Ugge.

b. Eine eigene Anrede-Form beim Eigenschaftswort (Adjektiv)
Der Max ist sehr erfreut über das Angebot von Mia. Er meint: „Diu hiäs ne nette Frugge, leiwer Moritz.“ Gerade in dem Augenblick kommt die Tochter von Mia und Moritz herein, die Marjänne, die hat sich ein wenig verspätet; und der Max spricht sie an: „Guën Moarn, leiwet Miäcken!“
Der Moritz schmunzelt wieder so ein wenig, und das kennt der Max. Er ist mal wieder in eine sprachliche Falle getappt. Aber der geduldige Moritz erklärt auch diesmal dem Max, worum es geht: „Ja, Max, das freut mich, das du mich so ansprichst: lieber Moritz. Aber auf Platt geht das nicht. Da musst du mich schon so anquatschen: Leiwe Moritz. Und genau so musst du das mit der Marjänne machen: Leiwe Miäcken, nicht: leiwet Miäcken. Egal, wen du anredest, es heißt immer nur: leiwe, mit nem –e am Ende. Und jetzt, lieber Max, bin ich mal dein Lehrer: Jetzt grüßt du mal auf Platt uns alle drei.“ Da fängt der Moritz an: Guën Muarn, leiwe Max! Guën Muarn, leiwe Mia! Guën Muarn, leiwe Miäcken! Guën Muarn, leiwe Luie!“ Die Familie klatscht Beifall. Max bestätigt: Ausgezeichent! Nur – du hast mich zuerst begrüßt und dann die Frauen. Awwer dät is ne Sünne, dei kann dey äok dei Köster näo vergiëwen. (Aber das ist eine Sünde, die kann dir auch der Küster noch vergeben; das heißt: das ist nicht der Rede wert.)

Fazit: Redet man jemanden an und benutzt dabei ein Eigenschaftswort (Adjektiv), dann behält dieses immer seine Form im Gegensatz zum Hochdeutschen:
leiwe Moritz! lieber Moritz!
leiwe Frugge! liebe Frau!
leiwe Miäcken! liebes Mädchen!
leiwe Luie! liebe Leute!

2. Der Dativ ist dem Genitiv sein Untergang

Der Moritz schaut auf dem Tisch hin und her, als suche er etwas, und der Max fragt: „Seikeste wuat? (Suchst du etwas?)“ „Jau“, sagt der Moritz etwas unwirsch, „et Marmeladenglas! Iëck hewwe dät Dingen doch selwer op’n Dis stallt. (Das Marmeladenglas! Ich habe das Ding doch selbst auf den Tisch gestellt.“ Max hilft suchen, da sieht er etwas: „Suih mol! Is düt nit dei Diëckel des Marmeladenglases? (Sieh mal! Ist dies nicht der Deckel des Marmeladenglases?)“ Der Moritz hört einen Augenblick mit Suchen auf, und der Max sieht, dass der Moritz wieder diese berühmte Grimasse zieht: Vorsicht, Falle! Da legt er auch schon los. „Nein, Moritz, nicht: dei Diëckel des Marmeladenglases. Das ist der zweite Fall, der Genitiv, und den haben wir Plattdeutschen verloren. Dafür machen wir das mit dem Wörtchen van, auf hochdeutsch von. Also: Dei Diëckel vamme Marmeladenglase. Man sagt auch nicht: dei langen Finger des Deiwes, sondern: dei langen Finger vamme Deiwe. Auf Hochdeutsch wörtlich übersetzt: Die langen Finger vom Dieb. Max, sag mir doch mal auf Platt: die letzte Seite des Buches.“ Max muss erst ein wenig nachdenken, dann aber weiß er es: „Dei lesste Seyt vamme Bauke.“
Alles ruft Bravo. Der Max lächelt ein wenig und schaut dabei in die Runde. Da sieht er etwas auf der Anrichte, das da eigentlich nicht hingehört, und er fragt die Mia: „Mia, is dät do dei Haut vamme Moritz?“ Der Moritz zieht wieder so ein Gesicht, aber nicht ganz so lang wie sonst. „Ja, sagen kann man das. Aber wenn es um Personen geht, um Leute, dann macht das eigentlich nicht mit dem van, hochdeutsch von. Da fragt man so: Is dät diäm Moritz seyn Haut? Auf hochdeutsch wörtlich: Ist das dem Moritz sein Hut? Aber das muss ich höflichst verneinen: Dät is diär Mia iär Haut – das ist der Mia ihr Hut!“ Da boxt die Mia ihren lieben Mann so ein wenig in die Seite und sagt: „Apenköster! Dät is doch deyn Haut! Awwer dät miärk dey: Lüegen het kuarte Beine un weert met me Knüeppel miätten! (Dummer Kerl! [wörtlich: Affenküster] Das ist doch dein Hut! Aber das merk dir: Lügen haben kurze Beine und werden mit dem Knüppel gemessen.)“

Fazit: Statt des Genitivs wird im Plattdeutschen der Dativ mit ‚von’ gebraucht, dies gilt vor allem bei Sachen und Tieren.
dei Seyte vamme Bauke die Seite vom Buch; die Seite des Buches
et Holt van ner Eike das Holz von einer Eiche; das Holz einer Eiche
dei Päote van diär Katte die Pfote von der Katze; die Pfote der Katze
Bei Personen wird eine Konstruktion mit dem besitzanzeigenden Fürwort ‚sein’ oder ‚ihr’ bevorzugt:
Diäm Lehr seyn Haut Dem Lehrer sein Hut; der Hut des Lehrers
Diär Frugge iähr Dauk Der Frau ihr Tuch; das Tuch der Frau
Diäm Miäcken seyn Frönd Dem Mädchen sein Freund; der Freund des Mädchens
Diän Luien iähre Huiser Den Leuten ihre Häuser; die Häuser der Leute
Man darf aber auch sagen:
Dei Haut vamme Lehrer, et Dauk van diär Frugge, dei Frönd vamme Miäcken, et Hius van diän Luien.

3. Dieses ‚sich’ ist eine verflixte Sache!

Töchterchen Marjänne kann schon nicht mehr ruhig sitzen bleiben, dauernd dreht sie sich um, und sie kriegt ihre Mutter nun auch schon so weit, dass die das auch macht. Das fällt dem Max schließlich auch auf, und er fragt: „Wat het dei Weywesluie? Brümme drägget dei siëck liuter ümme? (Was haben die Frauen? Warum drehen die sich immer um?)“ Und schon wieder zieht der Moritz seine Fratze! „Lieber Max“, fängt er vorsichtig an, es heißt richtig: Brümme drägget dei Frauluie iärk ümme? Und dabei betont er mit besonderem Nachdruck dieses iärk. Max guckt nun doch drein wie Auto. Aber Moritz beruhigt ihn. „Ganz einfach. Wenn man ‚sich’ sagen will, und es geht dabei um mehrere Leute, dann heißt das ‚iärk’. Also: Dei Luie wasket iärk dei Hänne. Mia un Marjänne drägget iärk ümme. Jetzt sag doch mal auf Platt: Max und Moritz freuen sich.“ Max zögert nicht lange: „Max un Moritz frögget iärk.“
„Bravo!“ rufen Moritz und Mia wie aus einem Munde.
Inzwischen war der Zappelphilipp – Pardon – das Töchterchen Zappelmarjänne auf Händen und Füßen im Zimmer hin- und her gekrochen, und nun will sie sich ohne weiteres wieder auf ihren Platz setzen. Der gute Max gibt dazu einen Kommentar ab: „Marjänne, me wäsket siëck awwer eis dei Hänne, un dann gäiht me iätten. (Marjänne, man wäscht sich aber erst die Hände, und dann geht man essen.)“ Max braucht dem Moritz nur ins Gesicht zu sehen, da weiß er schon Bescheid. „Nein, Max. Gib doch mal Antwort: Wem soll die Marjänne ihre Hände waschen?“ „Na ja, sich selbst natürlich“, antwortet der Max ahnungslos. „Siehst du, Max: Wem soll sie die Hände waschen? Eben sich selbst. Das ist der dritte Fall, der David – oh, ich meine, der Dativ. Der antwortet immer auf die Frage: Wem? Und wenn das bei ‚sich’ der Fall ist, und es geht dabei nur um eine Person, nicht um mehrere Leute – also nur um eine Person – dann sagt man nicht siëck auf Platt, dann sagt man: sey. Also: Marjänne, me wäsket sey awwer eis dei Hänne. (Marianne, man wäscht sich aber erst die Hände.)“ Jetzt sag doch mal auf Platt: Der Mann holt sich drei Flaschen Bier.“ Max antwortet prompt: „Dei Keerl hält sey drei Pullen Beier.“ Und er ergänzt: „Wem holt er die drei Flaschen? Die holt er sich selbst. Also ist das wieder der Dativ, und da muss es bei einer einzelnen Person sey heißen.“
Moritz ist aber noch nicht am Ende mit seinem Latein – Plattdeutsch, meine ich. „Damit du aber nicht wieder in die Falle tappst, will ich dir noch das letzte sagen. Denn es gibt natürlich auf Plattdeutsch das Wörtchen siëck, und das heißt auch ‚sich’ auf Hoch. Das braucht man auch bei einer einzelnen Person, aber im vierten Fall, im Akkusativ. Der antwortet nämlich immer auf die Frage: Wen? Also: Marjänne drägget siëck ümme. Wen dreht Marjänne um? Die dreht sich selbst um! Und: Fragewort Wen – vierter Fall, Akkusativ – siëck. Max, sag mir doch mal auf Platt: Marjänne ärgert sich nicht so leicht.“ Marjänne guckt hoch, aber sie bleibt still: Und Max übersetzt: „Marjänne iärgert siëck nit säo lichte. Ich frage gleich danach: Wen ärgert die Marjänne nicht so leicht? Die ärgert sich selbst nicht so leicht. Und auf Wen? antwortet der vierte Fall, der Akkusativ, und auf Platt muss ich dann bei einer einzelnen Person siëck sagen.“
Die Marjänne hat sich nun doch schon hingesetzt, ohne sich die Hände gewaschen zu haben. Der Vater guckt sie streng an – und Max ergänzt den strengen Blick: „Marjänne, eis wäsket me sey dai Hänne!“ Der Marjänne bleibt nichts übrig als aufzustehen und sich die Hände zu waschen.

Fazit:
sey ‚sich’ im Dativ (Wemfall, 3. Fall) bei einer einzelnen Person, im Singular (Einzahl)
Hai wäsket sey dei Hänne. Er wäscht sich die Hände. (Wem wäscht er …?)
Hei lachet sey in’t Fuistken. Er lacht sich ins Fäustchen. (Wem lacht er …?)

siëck ‚sich’ im Akkusativ (Wenfall, 4. Fall, bei einer einzelnen Person, im Singular (Einzahl)
Hai drägget siëck ümme. Er dreht sich um. (Wen dreht er um?)
Et suiht siëck imme Spaigel. Sie sieht sich im Spiegel. (Wen sieht sie im Spiegel)

iärk ‚sich’ in beiden Fällen bei mehreren Personen, im Plural (Mehrzahl)
Sei wasket iärk dei Hänne. Sie waschen sich die Hände. (Wem waschen sie…?)
Sei ungerhallet iärk. Sie unterhalten sich. (Wen unterhalten sie?)

4. Die Mehrzahl ist einfach

Flugs läuft das Mädchen davon, ist aber im Hui wieder da. Der Max freut sich: „Na, vey sitten jo wier alle beyenäin.“ Aber das Gesicht von Moritz sagt wieder alles. Auch die Mia lächelt so verschmitzt, und diesmal ist sie es, die da sagt: „Max, vey sitten nit, vey sittet.“ Moritz greift sofort ein. „Jawohl, lieber Max, mein Weib hat recht. Auf Hochdeutsch, da sagen wir: wir sitzen, ihr sitzt, sie sitzen. Auf Platt, da geht das nicht. Da heißt das so: Vey sittet, ey sittet, sei sittet. Also: Immer nur dieses –et am Ende, nicht so ein Buchstabenwechsel im Hochdeutschen. Und weil es im Plattdeutschen nur eine Endung für alle Personen in der Mehrzahl gibt, darum nennen wir das Ding ‚Einheitsmehrzahl’ oder auch ‚Einheitsplural.’ Also: Vey sittet hey un vey iättet. Klaro? (Wir sitzen hier und wir essen. Klaro?) Der Max nickt. Moritz ergänzt: Suih, do sittet dei Weywer, un dei iättet äok. (Sieh, da sitzen die Frauen, und die essen auch.) So, Max, und jetzt sag du doch mal: Da sitzen die Männer und trinken Bier.“ Der Max übersetzt brav: Do sittet dei Mannsluie un drinket Beier.“ Er ergänzt aber den Satz: „Un vey sittet vanowend inner Wäiertskopp un drinket äok. (Und wir sitzen heute abend in der Wirtschaft und trinken auch.)“
Max guckt so zu den beiden Frauen herüber und meint: „Gistern obend setet ey doch lange vüör me Hiuse.“ „Das stimmt aber nicht“, fällt der Moritz sofort ein. „Sicher doch! Hab’ ich doch gesehen, ich bin Augenzeuge! Gistern setet dei Weywer vüär me Hiuse!“ Moritz muss einlenken: „Nein, Max. Dei Weywer seten viär me Hiuse! Weißt du, dieses –et für alle Personen in der Mehrzahl, das gilt nur für die Gegenwart, für das Präsens. Im Plattdeutschen gibt ich in der Vergangenheit auch nur eine Form für alle Personen, aber das ist diesmal nicht –et wie in der Gegenwart, sondern ein –en. Also: Dei Weywer seten viär me Hiuse! Un do eten se nicks, do wörn se ment amme Quaddern! Un diu un iëck, vey seten nit dobey! (Die Frauen saßen vor dem Hause! Und da aßen sie nichts, sie plauderten nur die ganze Zeit! Un du und ich, wir saßen nicht dabei!)“ Die Mia sieht nun doch ein wenig ungehalten drein, aber ihr Göttergatte winkt ab: „Et is doch wohr, diu un Marjänne, ey seten do un het de ganze Teyt kuiert. (Es ist doch wahr, du und Marjänne, ihr saßt da die ganze Zeit und habt geredet.)“
Die Mia gibt sich nicht geschlagen: Jo, vey seten in diär Vergangenheit un het kuiert. Un ey sittet do in diär Giëgenwart un kuiert un kuiert. (Ja, wir saßen in der Vergangenheit und haben geredet. Und ihr sitzt da in der Gegenwart und redet und redet.)“
Der Moritz möchte aber, dass der Max das begriffen hat, und er soll das unter Beweis stellen. Deshalb spielt er wieder den Herrn Lehrer: „Max, sag doch mal auf Platt: Gestern kamen wir nicht, wir kommen heute.“ Der Max pariert: „Gistern kemen vey nit, vey kummet düendag.“ Und er erklärt noch dazu: „Gistern – das ist Vergangenheit, deshalb muss ich sagen: vey kemen – mit dem –en am Ende. Düendag – das ist Gegenwart, deshalb muss ich sagen: vey kummet, mit dem –et am Ende.“
Der Moritz strahlt vor Freude über seinen gelehrigen Plattdeutsch-Schüler.

Fazit: Übersicht über den ‚Einheitsplural’ in Gegenwart und Vergangenheit

Gegenwart (Präsens) Vergangenheit (Imperfekt)
Platt Hoch Platt Hoch
vey sittet wir sitzen vey seten wir saßen
ey sittet ihr sitzt ey seten ihr saßt
sei sittet sie sitzen sei seten sie saßen

5. Die Vergangenheit ist kompliziert

Da fällt dem Max etwas ein. „Moritz, Mia un Marjänne het nit bläoß kuiert gistern, dei sangen äok met vullen Backen. Hiäste dät nit metkriëgen? (Mia und Marjänne haben nicht nur gesprochen gestern, die sangen auch mit vollen Backen.)“ O weh, wieder dieses Zwiebelgesicht bei Moritz, und die Mia kichert nun schon so leise! Die Marjänne hat ein loses Mundwerk, und sie kräht nur ein einziges Wort: „Falsch!“ Der Max guckt von einem zum andern, aber Moritz beschwichtigt den Max: „Halb so schlimm! Ist kein Beinbruch! Aber vertan hast du dich doch. Du hast mal wieder was von den Hochdeutschen abgeguckt, was die Plattdeutschen aber anders machen. Du hast nämlich gesagt: Dei sangen äok met vullen Backen. Im Hochdeutsch ist das so. Da heißt es: ich, sang, du sangst, er sang, wir sangen, ihr sangt, sie sangen. Da ändert sich nix. Aber die Plattdeutschen, das sind so Umständliche, die geben sich mit so einfachen Brocken nicht zufrieden. In der Mehrzahl muss ich sagen: Vey süngen, ey süngen, sei süngen, und nicht: vey sangen und so weiter. Jetzt sag mir doch mal auf Platt: Die Männer tranken und sangen dabei.“ Max kombiniert richtig: „Dei Keerls drünken un süngen dobey.“ Dann fügt er gleich hinzu: „Diu sangst awwer gistern äok, Moritz, in diär Kiärke niämlick.“ Moritz schüttelt leise den Kopf. „Nein, Brüderchen. Bei dem Du ist das auch so ne Sache.“ Der Max erschrickt. Will der Moritz etwa, dass er ihn wieder siezen soll? Aber so ist es nicht gemeint. „Beim „Du“, da muss man auch so sagen: Diu sünges gistern äok.“ Bloß bei ‚ich’ und ‚er, sie, es’, da heißt es: iëck sang, hei sang, sei sang, et sang. Aber im Gegensatz dazu: Diu sünges, vey süngen, ey süngen, sei süngen. Ich gestehe, Max, die Geschichte ist etwas haarig, aber es ist so. Aber vielleicht ist doch etwas hängen geblieben. Ich geb dir mal ein anderes Beispiel: ‚Ich kroch’ heißt auf Platt: iëck kräop, und ‚wir krochen’ heißt auf Platt: vey krüepen.“ Weiter kommt der Moritz nicht, denn Max fällt ihm ins Wort: Jau, viär drei Dagen, do süepen vey beyme Theiken-Peiter, diu süepes feyf Pullen Beier, un iëck was en kitzken sparsamer, iëck säop mänt tweie. Awwer aan diär Theike, do süepen vey doch alle. (Ja, vor drei Tagen, da soffen wir beim Theken-Peter, du soffst fünf Flaschen Bier, und ich war ein wenig sparsamer, ich soff nur zwei. Aber an der Theke, da soffen wir doch alle.)“
Der Moritz ist sprachlos. Hat der Max fehlerfreies Sauerländisch gesprochen! Er findet die Sprache aber schnell wieder, nur, er vergisst Platt zu sprechen: „Max, das ist eine fulminante Wiederholung an der Theke wert! Aber die Weiber, die lassen wir zu Hause!
Diesmal ist der Max nicht zufrieden: „Nein, Moritz. Wir lassen nicht die Weiber zu Hause, sondern die Frauen. Auf Platt darfst sagen: Vey latt dei Weywer terheimen, denn auf Platt ist das Wort Weyf nie ein Schimpfwort gewesen. Awwer deynen Viärschlagg, diän niämm iëck met Dank aan.“

Fazit: Tabellarische Übersicht über die Vergangenheitsformen

Platt Hoch Platt Hoch
iëck sang ich sang iëck säop ich soff
diu sünges du sangst diu süepes du soffst
hei sang er sang hei säop er soff
sei sang sie sang sei säop sie soff
et sang es sang et säop es soff
vey süngen wir sangen vey süepen wir soffen
ey süngen ihr sangt ey süepen ihr sofft
sei süngen sie sangen sei süepen sie soffen

Spätestens jetzt merkt man, dass das Plattdeutsche eine eigene Sprache ist: Es besitzt eigene Laute, die im Hochdeutschen nicht vorkommen, es hat eine eigene Grammatik (Sprachlehre) und auch eine eigene Satzlehre (Syntax). Quod erat demonstrandum – wat tau beweysen was, oder standardsprachlich: was zu beweisen war.

Dr. Werner Beckmann - Leiter Mundartarchiv in Eslohe-Cobbenrode Foto: Ralf Litera
Dr. Werner Beckmann – Leiter Mundartarchiv in Eslohe-Cobbenrode
Foto: Ralf Litera

Von Werner Beckmann – Leiter „Mundartarchiv Sauerland“ in Cobbenrode.

Werner Beckmann ist Sprachwissenschaftler und er leitet das Archiv seit vielen Jahren. „Die hochdeutsche- regionale Umgangssprache hat viele Überbleibsel des Plattdeutschen. So auch das Wort „WOLL““, erklärt Dr. Beckmann. Im Archiv in Cobbenrode, welches vom Hochsauerlandkreis und dem Kreis Olpe gleichermaßen unterstützt wird, sorgt Werner Beckmann dafür, dass unser „Platt“ nicht verloren geht, nicht in Vergessenheit gerät. Denn: Die Menschen, die noch so richtig flüssig Platt sprechen und verstehen können, werden naturgemäß immer weniger. „Unsere Sprache ist ein Teil des Lebens und der Kultur im Sauerland“, sagt Dr. Beckmann, „und wenn sie plötzlich weg wäre, dann ginge eine ganze Kultur zu Grunde.“