„Brot, Arbeit und viel mehr“

Von Tiny Brouwers und Hermann-J. Hoffe

Wie die Zeit vergeht. Fünf Jahre sind vergangen, zwischen dem ersten Interview, das die WOLL-Redakteure Tiny Brouwers und Hermann-J. Hoffe im September 2011 im Namen der Zeitschrift „WOLL – Worte, Orte, Land und Leute“ mit den Bürgermeistern von Schmallenberg und Eslohe führten, und dem Gespräch jetzt im Spätsommer 2016, hoch oben auf dem Herschede, auf der Grenze zwischen der Gemeinde Eslohe und der Stadt Schmallenberg. Damals wie heute sind Bernhard Halbe (Schmallenberg) und Stephan Kersting (Eslohe) die Bürgermeister ihrer Kommunen.

Demografischer Wandel, Integration, Bevölkerungsentwicklung

Vor fünf Jahren waren der demografische Wandel und die sich dadurch abzeichnenden Veränderungen für Schmallenberg und Eslohe von großer Bedeutung. Was ist seitdem passiert? Hat sich das Thema verschärft oder ist es ruhiger darum geworden? Die beiden Bürgermeister haben wohl auf die Frage gewartet. Stephan Kersting: „Das Thema ist aus meiner Sicht noch genauso topaktuell wie vor fünf Jahren. Eine Sache hat sich im positiven Sinne aber verändert: Seit dem letzten Jahr haben wir keinen Bevölkerungsschwund mehr – natürlich bedingt durch die Zuwanderung. Wie sich das dann langfristig auswirkt und wie wir mit dem Marathonlauf ‚Integration‘ umgehen, das sind aktuelle Fragen. Auch, inwieweit es gelingt, die Menschen in der Region für uns zu gewinnen und schnellstens in Brot und Arbeit zu bringen. Das ist sicherlich das wichtigste Thema.“

Bürgermeister Bernhard Halbe
Bürgermeister Bernhard Halbe Foto: Ralf Litera

Ähnlich sieht das der Bürgermeister von Schmallenberg, Bernhard Halbe: „Demografischer Wandel wurde ja oft auch so umschrieben: ‚Wir werden älter, weniger und bunter.‘ Heute kann man sagen: ‚Wir werden älter, noch bunter und nicht mehr weniger.‘ Die ganze Thematik wird nun wesentlich profilierter und professioneller angegangen als noch vor fünf Jahren. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaften und die Südwestfalenagentur haben sich ja gerade dieses Thema auf die Fahnen geschrieben. Aktionen wie Heimvorteil HSK und das gezielte Ansprechen der Abiturienten sind gute Beispiele dafür, wie man den Auswirkungen des demografischen Wandels entgegenwirken kann. Ich bin in den letzten Monaten optimistischer geworden. Ich denke, es ist ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung und vor allem bei jungen Menschen erkennbar.

Stephan Kersting ergänzt: „Dieser Bewusstseinswandel ist auch ein Stück Erfahrung. Die jungen Leute spüren selbst, dass die Ballungsräume volllaufen, dass Lebensqualität vielleicht auch andere Maßstäbe hat als großstädtisches Leben. Wir leben in einer sehr lebenswerten, tollen Region. Das muss natürlich erst in die Köpfe rein. Und unsere Unternehmen und Betriebe lernen jetzt, dass man von sich aus etwas tun muss, um die Menschen hier zu halten und die jungen Leute an sich zu binden.“

Bürgermeister Stephan Kersting
Bürgermeister Stephan Kersting Foto: Ralf Litera

 Flüchtlinge – Asylbewerber: eine Frage der Zahl

 Es wird vielfältiger, bunter in unseren Kommunen. Die Themen Flüchtlinge und Asylbewerber waren vor fünf Jahren nicht auf der Tagesordnung. Jetzt steht das Thema oben auf der Liste. Wie haben Schmallenberg und Eslohe das Problem gelöst, und wie geht es weiter?

Bürgermeister Halbe glaubt, dass es in berechenbaren Strukturen weitergeht: „Wir haben ein Integrationsgesetz. Und wir bekommen im nächsten Jahr eine aus meiner Sicht akzeptable Finanzausstattung. Ein wichtiges Faktum in diesem Zusammenhang ist zudem, dass der Hochsauerlandkreis Optionskommune ist. Die Arbeitsvermittlung machen wir bei uns in den Kommunen. Was auch wichtig ist: Wir haben Integrationsfirmen wie ‚Team Impuls‘ und andere, die Erfahrung mit der Integration in den Arbeitsmarkt haben.“ Doch wie sieht die Integration der Flüchtlinge und Asylbewerber in der täglichen Arbeit aus, unabhängig davon, dass die bürokratischen und strukturellen Gegebenheiten geregelt sind?

Auch Bürgermeister Kersting ist davon überzeugt, dass die technische Seite mittlerweile ganz gut gelöst ist. „Wenn ich auf den Beginn der Flüchtlingsentwicklung zurückschaue, dann muss ich zugeben, dass mir das wirklich Kopfzerbrechen bereitet hat. Die Situation heute ist durchaus geregelt oder geregelter. Es gibt immer noch Fragezeichen und ein paar Defizite. Alles ist auch eine Frage der Integrationsfähigkeit und Strukturen in Gemeinden und Städten. Und es ist auch eine Frage der Zahl. Das muss man schon so sehen. Wir haben natürlich in den Rathäusern landauf, landab gerechnet und überlegt, wie’s denn weitergeht. Je nachdem, wie man diese Rechnungen aufgestellt hat, entstanden gedanklich durchaus Szenarien, bei denen man Sorgen haben konnte.“

Der Informationsaustausch zwischen den beiden Kommunen wird insgesamt gelobt, sowohl auf der Bürgermeisterebene als auch auf der Fachebene. Kersting: „Das hat schon sehr geholfen.“ Und wie wird’s weitergehen? Kersting: „Ich hoffe, dass das eintrifft, was Bernhard Halbe gesagt hat. Ich bin auch davon überzeugt, dass wir so eine Situation, wie wir sie im Spätsommer und Herbst 2015 hatten, nicht mehr bekommen werden. Alles Weitere muss man dann wirklich der Zukunft überlassen.“ Halbe ergänzt: „Wir haben jetzt wieder 50 Zuweisungen bekommen. Und wir rechnen im September, Oktober mit neuen Zuweisungen. Aber das ist nicht schlimm. Wenn das entsprechend geregelt läuft, ist das in Ordnung. Der Unterschied zur Situation vor einem Jahr ist, dass diejenigen, die uns zugewiesen werden, jetzt registriert, im Verfahren sind. Dennoch: Die Aufnahmekraft hat ihre Grenzen.“

Beide Bürgermeister betonen, dass die entscheidende Frage die der Integration allgemein und vor allem in den Arbeitsmarkt ist. Das funktioniert anscheinend in vielen Bereichen schon ganz gut. Besonders in der Gastronomie und bei Helfertätigkeiten. Inzwischen sind schon 70 Personen in Schmallenberg vermittelt worden. Bürgermeister Kersting lobt die heimischen Familienbetriebe. „Diese Betriebe machen das sehr, sehr gut und wir haben ja überwiegend Familienbetriebe. Klar ist aber, das sind in der Mehrzahl keine Fachkräfte, die zu uns kommen. Das heißt, es braucht einfach Zeit. Ich hoffe, dass man die flankierenden Maßnahmen dann auch dauerhaft leistet, denn das ist nicht unbedingt eine kommunale Aufgabe. Wir können machen, aber man muss uns auch machen lassen. Und wie überall: Es gibt sehr unterschiedliche Gruppen und Personen, die bei uns leben. Wir haben zum Beispiel in Eslohe sehr viele engagierte syrische Flüchtlinge, die sich ganz toll persönlich einbringen. Unsere ehrenamtlichen Helfer berichten mir oft persönlich, dass diese Menschen hier bleiben wollen, dass sie lernen wollen. Ob sie dann in Eslohe bleiben oder vielleicht woanders, wenn sie ihren Weg gefunden haben, das ist ein anderes Thema. Auf der anderen Seite haben wir aber auch Menschen, die sich anscheinend nicht unbedingt mit unserem Wertesystem arrangieren wollen.

Interkommunale Zusammenarbeit

 Vor fünf Jahren sagten die beiden Bürgermeister: „Wo wir zusammenarbeiten können, machen wir das.“ Der Hochbehälter hoch oben auf dem Herschede ist zumindest ein Symbol dafür, wie und wo die beiden Kommunen zusammenarbeiten. Hat sich in den vergangenen fünf Jahren in diese Richtung noch einiges bewegt?

Kersting: „Wir haben eine erfolgreiche gemeinsame LEADER-Förderperiode im Altkreis Meschede hinter uns und sind bei der neuen Periode wieder mit am Start. Dadurch gibt es viele Gemeinsamkeiten, viele Dinge, die in dieser Region gemeinsam wachsen. Bei uns hat sich das alles intensiviert, touristisch sogar besonders stark. Ich persönlich war sehr froh und dankbar, dass die Zusammenarbeit im Bereich der Trinkwasserversorgung geklappt hat. Das war für Eslohe ein großes Projekt interkommunaler Zusammenarbeit. Und im Nachgang ist es aus meiner Sicht, und ich denke, auch aus Sicht der Stadt Schmallenberg, eine positive und richtige Entscheidung gewesen. Das läuft jetzt mittlerweile so, wie ich es mir zu Beginn vorgestellt hatte.“

Schmallenbergs Bürgermeister Halbe ergänzt: „Wir tauschen uns natürlich informatorisch permanent aus. Wir haben, so glaube ich sagen zu dürfen, keine Schranken, keine Scheu, auch mal Nein zu sagen, wenn es keinen Sinn macht. Wir sind beide Fans von kleineren Strukturen. Aber wenn sich irgendwo Felder ergeben, auf denen sich eine Kooperation anbietet, dann machen wir das – vielleicht bei der Elektromobilität, darüber haben wir mal diskutiert. Ich denke wir sind da offen.“ Weitere Beispiele für die gute Zusammenarbeit sind der Wanderbus, der in beiden Kommunen fährt, und ein gemeinsamer Veranstaltungskalender, um sich bei Terminen frühzeitig abzustimmen.

Interview mit den beiden Bürgermeister Stephan Kersting (Eslohe), links und Bernhard Halbe (Schmallenberg) in der Mitte.
Interview mit den beiden Bürgermeister Stephan Kersting (Eslohe), links und Bernhard Halbe (Schmallenberg) in der Mitte. Foto: Ralf Litera

Infrastruktur und Investitionen

Wie zufrieden sind die Bürgermeister mit der Entwicklung in der Stadt Schmallenberg und der Gemeinde Eslohe in den vergangenen fünf Jahren?

Kersting: „Gut, es könnte immer ein bisschen mehr sein. Das ist ein Spruch, den mein Vorgänger immer gesagt hat. Aber man muss natürlich auch realistisch sein und die Möglichkeiten austarieren, was geht und was nicht. Ich bin in den letzten fünf Jahren, was die Entwicklung der Gemeinde Eslohe angeht, sehr zufrieden. Wir haben sowohl im Bereich der Schulen als auch im Bereich der Nahversorgung und der Infrastruktur das eine oder andere umsetzen können, was für eine kleine Gemeinde wie Eslohe durchaus visionär war. Ich nenne beispielhaft die Entwicklung des Fachmarktzentrums Esselmarkt, die für die Gemeinde mit Sitz im Kernort sicherlich eine sehr positive Entwicklung bedeutet. Infrastrukturell haben wir das Thema Fahrradwege nach vorne treiben können, den Bikerpark. Es sind also schon einige Aufgaben sehr positiv gelaufen. Und es sind noch welche in der Pipeline, das muss man auch sehen. Aktuell ist das Thema altengerechtes Wohnen im ehemaligen Krankenhaus, das jetzt als Kurhaus genutzt wird. Da gibt es ein entsprechendes Vorhaben der Baugenossenschaft in Zusammenarbeit mit der Gemeinde hier. Insofern sind wir, glaube ich, ganz gut aufgestellt.“

Und wie sieht der Bericht für Schmallenberg aus? Bernhard Halbe: „Das investitionsfreundliche Klima der letzten Jahre ist wirklich beeindruckend. Wir haben zum Beispiel alle Gewerbegrundstücke verkauft. Oder wenn man in den touristischen Bereich schaut: Heumes Scheune in Arpe etwa war vor fünf Jahren noch nicht da. Die Investitionsbereitschaft ist da und das zieht Arbeitsplatzzuwachs nach sich. Negativ war sicherlich die Schließung des Krankenhauses Bad Fredeburg. Mit dem Thema medizinische Versorgung müssen wir uns mehr befassen. Ansonsten war es eine sehr positive Entwicklung. Die Stimmung ist gut, das kann man vielleicht auch mal sagen. Es sind so viele Dinge, die einen froh stimmen. Wenn zum Beispiel der Hotelier Schnieder kommt und sagt: ‚Ich bin ja hier, weil ihr touristisch so eine gute Region seid!‘, dann wächst man schon ein bisschen.“

Veränderungen der Medienlandschaft

Nach fünf Jahren wollen wir von den beiden Bürgermeistern wissen, wie sie die Entwicklung in der Medienlandschaft bewerten und welche Meinung sie zu WOLL haben?

Kersting: „Ich halte die Medienlandschaft insgesamt schon für okay. Was einem Sorgen macht, ist, dass nur noch die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger in der Gemeinde Eslohe eine Tageszeitung kaufen. Man müsste schauen, woran das liegt, aber da bin ich nicht der Fachmann. Auf der anderen Seite gibt es eben Printprodukte wie WOLL und auch andere, die erfolgreich sind und die natürlich einen anderen Ansatz haben als eine Tageszeitung, die ihren Platz in der Medienlandschaft aber gut gefunden haben. WOLL war eine gute Idee und fünf Jahre WOLL zeigen, dass die Zeitschrift überall gelesen wird, dass sie bekannt ist.“

Bernhard Halbe: „WOLL ist seinem hohen Anspruch gerecht geworden und eine Bereicherung der Medienlandschaft. Das Magazin kommt ja aus dieser Ideenschmiede im Schmallenberger Sauerland und hat sich dann in Nachbarregionen verbreitet. Stephan Kersting hat es angesprochen, dass die Idee reif war, dass es die richtige Zeit für diese Idee war. Vielleicht noch ein Aspekt: Es ist sehr spannend, wie sich Tageszeitungen und Medien überhaupt in Richtung elektronischer Medien entwickeln. Da weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht, was da kommen wird und was passiert. Aber ich bin sicher, dass etwas passiert.“

Das Interview und noch viel mehr: im neuen WOLL-Magazin für Schmallenberg/Eslohe und Umgebung. https://woll-onlineshop.de/woll-magazin/einzelausgaben/schmallenberg

Auf einem Plakat abgebildet, die 83 Orte der Stadt Schmallenberg. Foto: Bürgermeister Stephan Kersting, Bürgermeister Bernhard Halbe und WOLL-Herausgeber Hermann-J. Hoffe Foto: Ralf Litera
Auf einem Plakat abgebildet, die 83 Orte der Stadt Schmallenberg. Bürgermeister Stephan Kersting, Bürgermeister Bernhard Halbe und WOLL-Herausgeber Hermann-J. Hoffe
Foto: Ralf Litera