Der Cartoonist Gary Larson hat einen Bildwitz gezeichnet, der auch auf meine momentane Situation zutreffen könnte. Ein Schüler im Klassenraum hebt den Finger und ruft dem Lehrer zu: „Entschuldigung, Herr Lehrer, mein Kopf ist voll!“ So ähnlich geht es mir gerade. Was ich seit meinem letzten Blog gesehen, gehört und erfahren habe, passt kaum noch in meine Sauerländer Birne.

img_3314Der Höhenflug übertrifft alle meine Erwartungen. Bei Weitem. Nach ungefähr 170 km bin ich heute in Winterberg eingetroffen und habe nur noch zwei wunderschöne Etappen und einen Auftritt vor mir. In den letzten Tagen hat es nur einmal geregnet, zwei Stunden lang, eher nisselich als plästerich. Ansonsten blauer Himmel, goldgesprenkelte Herbstwälder, rote Äpfel und lila Pflaumen zum Mopsen am Wegesrand, blondes Veltins im Rucksack und rosige Dicke Sauerländer zwischen den Kiemen.

img_3336 Überall hat der SGV nette Wanderbegleiter organisiert, die mir „ihren“ Teil des Höhenflugs begeistert zeigen und unterwegs Dönekes von ausse Gegend erzählen. Du kannst 50.000 Fans bei Facebook fragen und noch so viele Aufrufe machen: Die besten Wortschätze findet man immer im persönlichen Gespräch. Zufällig. Oder wie der Sauerländer sagt: ausser Lameng. Vorgestern beim Auftritt in Hallenberg steckt mir Edeltraud einen Zettel mit fast fünfzig (!!) neuen Wörtern zu, gestern in Medelon muss ich im spontanen Wörterhagel immer wieder um Gnade bitten. Alleine ist das kaum zu wuppen. Mal teile ich mir die Bühne mit Dr. Peter Kracht, der dem Publikum westfälische Ess- und Trinkkultur näherbringt, mal mit Claudia Wichtmann und Kulthund Emil aus Serkenrode. Freitag waren Comedienne Cilly Alperscheid und Star-Autorin Kathrin Heinrichs mit mir im Einsatz, morgen wieder der geniale Mundwerker Michael Klute. Vielen Dank an euch alle, woll!img_3421img_3409

Entlang des Höhenflugs hat sich in den letzten Jahren eine neue Sauerländer Gastronomiekultur entwickelt, die mich echt überrascht hat. Zu Beginn meiner Tour hatte ich Bedenken, ob meine Ernährung während der nächsten zwei Wochen vielleicht etwas einseitig ausfallen könnte (Krüstchen, Krüstchen oder Currypommesmajo), aber dann kam alles ganz anders. GANZ anders. Steinbergs rustikale Vesper in Wildewiese, Walter Beckmanns fliegendes Büffet in Wenholthausen, die zarte Roulade bei Störmanns in Schmallenberg, das kreative Abendmahl im Neuastenberger „Landfein“, Stöbers exquisite Häppkes in Schmallenberg und gestern eine moderne Variation des Potthuckenrezepts von Henriette Davidis im Landhotel Müller haben mein Bild von Sauerländer Kochkunst grundlegend verändert. Kerrokiste, wat war dat allet lecker, woll! Nur gut, dass ich jeden Tag so um die 20 km wandere, sonst hätte ich getz ne Pöcke wie unsern Onkel Alfred.img_3295 img_3301

Zwischen Medelon und Küstelberg konnte man heute das erste herbstliche Röhren der Hirsche hören. Nach der ersten kalten Nacht hat die Brunftzeit im Sauerland begonnen, erklärt mir Mitwanderin Marion. Und die muss es wissen, schließlich hat sie hier 15 Jahre im Försterhaus gewohnt. Da wäre ich jetzt auch gerne, mit einer muckeligen Wolldecke am offenen Fenster sitzend, kalte Nachtluft saugend und röhrendes Betören hörend. Kräfte schonen, bevor Anfang Oktober meine Brunftzeit beginnt.

Das war’s für heute. Jetzt noch ein schnelles Pils in und dann app inne Falle, duckeducke machen. Morgen geht’s ganz früh auf die Waldpiste und ich möchte als erster beim Bäcker sein, wenn es in Küstelberg frische Brötkes gibt, woll.

 

Hier noch ein paar Impressionen von der Wanderung auf dem Höhenflug

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