Frage: Lieber Dr. Nürsel! Hasse schonn gehört, dass es im Sauerland besonders viele ungewöhnliche Ortsnamen geben soll? Deine Nadja aus Neger

Dr. Nürsel: Das ist völlig richtig, liebe Nadja. Denn wir Sauerländer waren schon immer viel zu kreativ, um den Orten, Bergen und Landschaften unserer Heimat langweilige Namen zu geben. Im Gegensatz zu den faulen Rheinländern, die ihre bekanntesten Städte oftmals einfach von den Römern taufen ließen. Nur der Ortsname Apollmicke zeugt beispielsweise heute noch von einer frühgriechischen Kolonie bei Olpe. Die Acht-Einwohner-Metropole Apollmicke erreicht man übrigens am besten über Einsiedelei.

Wenn der Sauerländer einen schicken Ortsnamen gefunden hat, nutzt er ihn aus Effizienzgründen auch gern mal für mehrere benachbarte Dörfer. Dein eigener Wohnort im Negertal liefert da mit Unterneger, Mittelneger und Oberneger entlang der Neger ein wunderbares Beispiel, ähnlich wie Niedereimer und Obereimer bei Hüsten.

Manche Dörfer im Sauerland hören sich für mich als Sprachforscher sogar lecker oder richtig muckelig an, zum Beispiel Mosebolle, Mollseifen oder Möllendick. Mosebolle klingt doch irgendwie nach saftiger Grillhaxe, oder? Und Möllendick hat zwar nur 5 (fünf!) Einwohner, aber dafür einen Namen, den man auch prima für besonders großzügig belegte Brote anwenden könnte: „Auf `ne schöne Kniffte gehört möllendick Fleischwurst drauf.“ In Mollseifen, einem Ortsteil von Winterberg, steht eines meiner Sauerländer Lieblingswörter gleich ganz vorne: mollig. Mollig bedeutet warm, behaglich, kuschelig, und Seifen benutzt man gern im Bad. Mit Mollseifen ließe sich also perfekt ein gemütliches Vollbad bezeichnen: „Raus aussem Bad, Kinder, die Mamma is noch am Mollseifen!“

Nicht ganz so lecker und duftig hören sich Faulebutter, Kuhschisshagen oder Hundesossen an. Wie kamen die Menschen dort auf so ungewöhnliche Namen? Faulebutter stammt angeblich von vul bôt (durch Fäule verdorbene Ernte) oder von fühle Botte (matschige Senke). Wer einmal unterhalb von Faulebutter in einen der vielen Bachläufe getapert ist, wird der Matschversion sofort zustimmen. Doch ärgere dich nicht, moddriger Wandersmann, denn von hier ist es nicht mehr weit bis zum Landgasthof Rademacher in Faulebutter und seinen leckeren Hausmacher Rindswürsten. Den Ortsnamen Hundesossen kennen viele aus dem Sauerlandlied von Zoff: „In Hundesossen wird auf Touristen geschossen.“ Der Hit stammt allerdings aus dem Jahr 1983, ich nehme an, heute braucht man dort für einen Lokaltermin keine kugelsicheren Westen mehr. Hundesossen klingt zwar nach einem koreanischen Kochrezept, hieß aber ursprünglich mal Hirndeßoßenn und hat (wahrscheinlich) nichts mit ungewöhnlicher Kulinarik zu tun. Das wunderschöne Kuhschisshagen liegt bei Sundern und heißt offiziell Hagen. Um sich deutlich vom großen Hagen am Rande des Ruhrgebiets zu unterscheiden und weil es vor Ort besonders viele Bauern gibt, entschieden sich die Einwohner für einen fröhlichen Kuhschiss vorneweg: Ideen muss man haben!

Wenn die Sauerländer hüben eine überzeugende Namensidee hatten, machten die anderen drüben gerne mit. Deswegen gibt es zum Beispiel drei Kückelheime, einmal bei Schmallenberg, einmal bei Eslohe und einmal bei Plettenberg. Kückel oder Kückelhahn bedeutet übrigens Hahn, und Hähnchen mögen sie dort schließlich alle. So mancher neue Ortsname wurde früher übrigens per „stille Post“ von Ohr zu Ohr weitergegeben, da es noch keine Briefträger gab. Was im Westen als Rönkhausen begann, wurde so bis rauf nach Sundern zu Bönkhausen und dann im östlichen Sauerland schließlich zu Benkhausen. Oder andersrum, liebe Nadja, da streiten sich die Sauerländer Gelehrten. Gelegentlich.

Mein persönlicher Favorit ist übrigens der schöne Name Horst. Horst liegt auf einer luftigen Höhe oberhalb von Altena und thront dort wie ein Adlernest. Läge es bei euch in der Nähe, gäbe es bestimmt auch noch Unterhorst, Mittelhorst und Vollhorst. Bevor ich es vergesse: Wenn du oder der ein oder andere Leser noch weitere ungewöhnliche Sauerländer Ortsnamen kennt, bitte her damit: Man lernt ja schließlich immer gerne was dazu, woll, Nadja.