45 Wirte in Ostwig

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Foto: Ulrike Becker
Foto: Ulrike Becker

Besuch in der Ehrenamtskneipe „Kumm rinn“

WOLL ist verabredet in der Ostwiger Dorfkneipe „Kumm rin“, um etwas über die Geschichte der Hofschänke und über den Heimat- und Förderverein Ostwig zu erfahren. Das Erste, was offensichtlich anders läuft als in anderen Kneipen: Heute ist „Wirtetreffen“. Was klingen könnte wie eine neue Partnersuche, ist in Wahrheit die monatliche Runde der ehrenamtlichen Wirte des Lokals. Denn: Das „Kumm rin“ ist eine reine Ehrenamtskneipe.

Heute sind ungefähr zwanzig der fünfundvierzig Wirte anwesend – die Runde ist bunt gemischt. Frauen und Männer, Junge und Ältere, Versicherungsleute, Lehrer und Handwerker. Klaus Schmücker ist Vorsitzender des Vereins und beginnt zu erzählen, wie das „Kumm rin“ entstanden ist. Die Ursprungsidee hatte der Besitzer der Immobilie, Carl-Ferdinand Freiherr von Lüninck. Nach einigen Jahren Aufenthalt in Brandenburg zog dieser wieder zurück nach Ostwig und stellte fest, dass es – im Gegensatz zu früher – keine wirkliche Dorfkneipe mehr im Ort gibt. Im Hotel Nieder, etwa hundert Meter vom „Kumm rin“ entfernt, gibt es zwar noch einen kleinen Kneipenbetrieb, dieser ist aber mehr den Tagungsgästen vorbehalten. Der Hotelier hatte somit keine Einwände zu vermelden. Schnell war also der Plan gefasst, in einem von Lüninck nicht mehr genutzten Stallungsgebäude eine Kneipe zu errichten. Von Vornherein war klar, dass diese nicht von einem „normalen“ Pächter betrieben werden könne, da eine Gaststätte dieser Größe nicht die erforderlichen Gewinne abwirft. Ein anderes Modell musste also her. Nach intensiven Gesprächen und Ideen zwischen den Ostwigern und dem Freiherrn gründeten die elf ersten Mitglieder dann im Juli 2009 den Heimat- und Förderverein Ostwig.

Alle packen mit an. Das Aufräumen und Entkernen des alten Gemäuers übernehmen die ehrenamtlichen Helfer. Doch bei einem Gastronomiebetrieb müssen irgendwann auch Profis ran – es geht schließlich um Lebensmittel und Hygiene. „Wir dachten, es würde eine alte, gebrauchte Theke sowie eine einfache Zapfanlage installiert werden, aber dass unser Investor alles so professionell herrichten ließ, haben wir in unseren kühnsten Vorstellungen nicht zu träumen gewagt“, ruft Peter Gödde, einer der Wirte, in die Runde. Stimmt – die Kneipe braucht sich hinter anderen Gaststätten wahrlich nicht zu verstecken.

Eine Aufgabe geschafft, eine andere vor der Brust: Wo nimmt man „mal eben“ 25 ehrenamtliche Wirte her? Mit weniger Freiwilligen funktioniert ein regelmäßiger Kneipenbetrieb nicht. Lediglich sechs bis sieben Personen hatten sich bis November 2011 gemeldet. Die Idee: Ein „Soft-Opening“, also eine Party, bei welcher die nahezu fertig gestellte Kneipe den Ostwigern vorgestellt wurde. Es gibt Bier vom Fass, die Theke glänzt in voller Pracht und am Ende des Abends wissen die Ostwiger, worum es geht. Alle sind begeistert und von da an lief es rund.

Foto: Ulrike Becker
Foto: Ulrike Becker

Danach haben sich sogar so viele Ostwiger gemeldet, dass der anfängliche Plan, mit nur einem einzelnen Wirt pro Abend zu starten, sofort zugunsten einer doppelten Besetzung verworfen wurde. Dieses bot gleichzeitig den Vorteil, dass es beim Kassieren ein „Vier-Augen“-Prinzip gibt. „Eigentlich sind es sechs Augen, da meistens mindestens noch ein Wirt auch vor dem Tresen sitzt“, schallt es aus der Runde.

Mittlerweile hat er Verein stolze 350 Mitglieder, von denen 45 als Wirt aktiv sind. Der Jahresbeitrag liegt bei bescheidenen 5 Euro – ein Grund mit, warum sich so viele Ostwiger hier engagieren. Zusammen mit den Mitgliedsbeiträgen wirft der Kneipenbetrieb einen guten Gewinn ab: Nach Abzug der Pacht an den Investor bleiben pro Jahr zwischen 18.500 und 19.000 Euro übrig. Geld, welches zu 100% in das Dorf investiert wird. Die erste Hälfte des Gewinns wird nach dem Gießkannenprinzip an sämtliche Ostwiger Vereine ausgeschüttet. Die zweite Hälfte wird für ein jeweiliges Sonderprojekt zur Verfügung gestellt. In der Vergangenheit waren das z.B. der neue Marktplatz, der Kunstrasenplatz, neue Wasserleitungen am Friedhof oder das Sonnensegel am Kindergarten. Über diese zweite Hälfte entscheidet ein Gremium, bestehend aus den Vertretern der Ostwiger Vereine, dem Ortsvorsteher sowie aus zwei Vorstandsmitgliedern. So ist jeder mit im Boot. Mancher Verein hat auf seinen Teil der ersten Hälfte sogar schon verzichtet, um den Betrag dem Sonderprojekt zuzufügen. Immerhin: So wurden bisher etwa insgesamt knapp 100.000 Euro in das Dorf investiert!

Das neue Sonderprojekt ist allerdings etwas größer und langfristiger angelegt: Gegenüber des Marktplatzes steht die „Alte Post“, ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude. Dieses hat letztes Jahr ein Ostwiger Geschäftsmann samt Grundstück gekauft und es dem Heimat- und Förderverein kostenfrei überlassen. Der Plan: Der vorgesetzte Teil soll, nachdem es den Denkmalschutz-Status verloren hat, komplett abgerissen werden. Der hintere Teil, ein schönes altes Bauernhaus, soll nach der Sanierung einer gemeinschaftlichen, dörflichen Nutzung zugeführt werden.

Zurück zur Ehrenamtskneipe: Auf die Frage, warum man schon mal im „Kumm rin“ gewesen sein soll, ertönt prompt die Antwort: „Wegen der Rüttelplatte auf dem Klo“! Ja, diese gibt es tatsächlich auf dem Herren-WC, aber der besondere Reiz macht da doch eher das Wirte-Karussell aus. Selbst Stammgäste wissen in der Regel nicht, wer an welchem Abend gerade Dienst hat. Und genau das macht es aus: Jede Wirte-Konstellation ist anders, jeder Wirt oder jeder Wirtin erzählt andere Geschichten, nämlich die eigenen. Langeweile? Fehlanzeige!

Übrigens: Auch Buiterlinge dürfen Wirt werden. „Ich wohne seit 1994 hier. Ich kannte die Gesichter, aber nicht die Menschen dahinter. Seitdem ich hier Wirt bin, kenne ich auch die Menschen“, so Peter Willmes, einer der Männer hinter der Theke.

Foto: Ulrike Becker
Foto: Ulrike Becker

Das „Kumm rin“ hat durchaus Vorbildcharakter für andere Dörfer ohne eigene Kneipe. In einigen Ortschaften wurde das auch bereits umgesetzt. „Vor uns gab es schon ein ähnliches Projekt in Geseke“, erzählt Klaus Schmücker, „das hat uns Mut gemacht, es zu versuchen. Jetzt sind wir zum Glück sehr erfolgreich mit dem Kumm rin. Daher kommen auch viele Vertreter von anderen Dörfern ohne eigene Kneipe hierher und schauen sich das hier erstaunt an“, so Schmücker weiter. „Selbst aus Gummersbach war schon eine Abordnung hier“.

Bleibt zu wünschen, dass sich auch für die Zukunft genug freiwillige Wirte für das „Kumm rin“ finden und auch die Gäste weiterhin so zahlreich den Weg zur Ostwiger Hofschänke finden. Der Autor jedenfalls hat sich überzeugen lassen und wird demnächst selbst dann und wann hinter dem Zapfhahn stehen. Na dann: Zum Wohl, woll?

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Text: Dirk Bannenberg

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