Sauerländer Blut

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Foto: Ulrike Becker
Foto: Ulrike Becker

Blutspende aus Überzeugung und familiärer Tradition

Dass es bei der Versorgung der Bevölkerung mit Blutkonserven immer wieder zu Engpässen kommt, wird uns spätestens dann bewusst, wenn die Aufrufe zur Blutspende in den Medien wieder lauter werden. Vielerorts sind dieses Aufrufe auch bitter nötig. Denn erwiesen ist, dass die Blutspendebereitschaft in den Ballungsgebieten mit einem Spenderanteil von 3 % sehr gering ist. In den ländlichen Regionen hingegen – also auch oder gerade im Sauerland – ist die Bereitschaft, 500 Milliliter des roten Lebenssaftes zu spenden, fast ungebrochen und liegt bei 10 % des Bevölkerungsanteils.

WOLL wollte wissen, warum das so ist und hat sich in Meschede-Berge und Bestwig-Heringhausen auf den Weg begeben, um sich mit Blutspendern, ihrer Motivation und ihren persönlichen Beweggründen zur Blutspende zu unterhalten.

Foto: Ulrike Becker
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Blut statt Bier

An einem sonnigen und lauen Dienstagabend um 19 Uhr stehen zahlreiche Männer und Frauen in der St. Jakobus Schützenhalle Heringhausen in einer Schlange. Es ist weder Schützenfest, noch ein anderes Fest. Und die Heringhauser stehen auch nicht für ein „kühles Blondes“ an. Sie halten kleine Plastikschälchen in den Händen und warten geduldig auf ein freies Bett. Ja, ein Bett.

Viele liegen sogar schon auf den blauen Klappbetten des DRK-Blutspendedienstes aus Hagen. Ein Piepen ist zu hören. Menschen in weißer Kleidung sitzen neben besagten blauen Betten oder laufen betriebsam umher. Hört sich wunderlich an, ist es aber nicht. Denn so oder so ähnlich, spielt es sich fast jeden Tag an einem oder mehreren Orten im gesamten Sauerland ab.

„Wenn der Vater mit den Söhnen…“

In Heringhausen treffen wir Rainer Litsch aus Andreasberg auf dem ersten blauen Spenderbett. Der 54-jährige Familienvater ist Blutspendeprofi. Heute liegt er zum sage und schreibe 100. Mal auf dem Spenderbett und spendet seinen 50. Liter Blut! Wie viele Leben er mit dieser Menge seines Lebenssafts bereits gerettet hat, bleibt allerdings unbeantwortet. Denn sein Blut – und das aller anderen Blutspender – wird zunächst inseine Bestandteile (Thrombozytenkonzentrat, Erythrozytenkonzentrat und/oder Plasma) zerlegt, um dann zielgenau an Patienten verabreicht zu werden.

„Ich war mit 18 Jahren das erste Mal spenden. Mein Vater war schon Blutspender und ich bin einfach mitgegangen“, erklärt der Familienvater. „Meine Söhne gehen auch zur Blutspende.“ Ein Blick auf die Ruheliegen. Entspannt liegen dort zwei seiner drei Söhne und unterhalten sich. Steffen (21) kann 12 Blutspenden verzeichnen, Daniel (25) hat bereits seine 24. Spende geleistet. Die Frage nach dem dritten Sohn beantworten beide mit einem Grinsen: „Der kann erst nächstes Jahr zum Wintertermin, dann ist er volljährig.“ Die Frage, ob er denn überhaupt Blut spenden wolle, beantworten die Brüder mit einem entschiedenen und bestimmten „Ja!“.

Was Familie Litsch zur Blutspende motiviert, lässt sich wohl am besten mit dem Wort „Blutspende-Tradition“ beschreiben. Denn wie eine gute Tradition wird die Bereitschaft zur Blutspende in der Familie aus Andreasberg von Generation zu Generation weitergegeben und als selbstverständlich erachtet. Und vielleicht ist der Mangel an solchen schönen und sinnvollen familiären „Traditionen“ – getreu dem Motto: „Wenn der Vater mit den Söhnen…“ – einer der Gründe, warum die Blutspendebereitschaft in den städtisch geprägten Gebieten, im Vergleich zum heimischen Sauerland, so gering ist. Die im Sauerland gepflegten Traditionen – sei es die Blutspende, das Vereinswesen oder starke familiäre Bande – sind bekanntermaßen in den Städten im Laufe der Jahrzehnte geringer geworden oder gar vollständig verloren gegangen. So stehen der Zusammenhalt und die Selbstverständlichkeit altruistischen Handelns der Andreasberger Familie Litsch stellvertretend für die Sauerländer. Die – wie die anderen Landbevölkerungen – eine Spendenbereitschaft von eben 10 % haben.

Foto: Ulrike Becker
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Ein Mann – 92,5 Liter Blut

Ein „Blutspende-Unikat“ hat WOLL in Meschede-Berge getroffen: den Rentner Theo Stöber. Theo Stöber ist mit seinen 70 Jahren ein Blutspende-Profi. Wenn irgendwie möglich, spendet er sechs Mal jährlich seinen Lebenssaft. Darüber hinaus unterstützt er seit einigen Jahren die ehrenamtlichen Helfer des DRK Ortsvereins Meschede bei der Ausrichtung der Blutspende. Er hilft bei der Registrierung/Anmeldung der Blutspender und springt immer dann ein, wenn „Not am Mann ist“. Denn wie viele ehrenamtliche Vereinigungen, hat auch das Rote Kreuz mit Nachwuchssorgen bzw. zu wenigen Helfern zu kämpfen.
„Durch Zufall, weil eben zu wenig Helfer vor Ort waren, hat man mich gefragt, ob ich an der Spenderanmeldung helfen könne“, erklärt der engagierte Rentner.
„So kam eins zum anderen. Und nun helfe ich regelmäßig bei den Spendeterminen in Berge und manchmal auch in anderen Ortsteilen“, erzählt er weiter.

Mit den Feuerwehrkameraden zur ersten Blutspende

Mit 18 Jahren hat der ehemalige LKW-Fahrer mit der Blutspende begonnen. Damals wurden die Feuerwehren im Land schriftlich vom Roten Kreuz aufgefordert, zur Spende zu gehen. Für Theo Stöber und seine Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Berge – damals wie heute – Ehrensache!

Damit aber nicht genug, hat Theo Stöber auch im Vorfeld der Spende Verantwortung übernommen. Er ist Hallenwart der Berger Schützenhalle und muss vor den Blutspendeterminen dafür Sorge tragen, dass der Spendeort den Anforderungen des Blutspendedienstes genügt. Denn Blut ist ein Arzneimittel, bei dessen Herstellung die Richtlinien des Arzneimittelgesetzes eingehalten werden müssen. Wie z.B. eine Raumtemperatur bei Blutentnahme von mind. 18° C oder Sauberkeit und die richtige Beleuchtung.

Unsere Frage nach seiner Motivation, sich für die Blutspende zu engagieren, beantwortet Theo Stöber mit Überzeugung: „Ich möchte anderen Menschen helfen. Helfen ist wichtig! Außerdem kann ich nicht nichts tun“.
Abschließend äußert Theo Stöber einen Wunsch: „Wenn ich mir für die Blutspende etwas wünschen dürfte, dann wünschte ich mir, dass mehr Leute zur Blutspende kommen!“

Weitere spannende Geschichten rund um Meschede und Bestwig gibt es in der 1. Ausgabe vom WOLL Magazin für Meschede und Bestwig. Erhältlich im Handel oder unter www.woll-meschede-bestwig.de 

Text: Ellen Sonnenborn

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