Im Schatten ihrer Begleitung betritt sie das Bürgerzentrum Arnsberg – eine Kamera links und eine rechts über die Schulter geworfen. Das Handy in der Hand. Noch bevor ihr eine freundliche Begrüßung entgegengebracht werden kann, flitzt sie in ihren Yimin Chen besucht das Repair Café im Bürgerzentrum Arnsberg weißen Turnschuhen los. Den Finger am Auslöser – bereit, das treibende Geschehen einzufangen. Denn im Repair Café ist viel los. Ob Kaffeemaschinen, Staubsauger oder antike Radios – an den Tischen wird bereits kräftig gearbeitet. Und mittendrin Yimin Chen – die Journalistin aus Hongkong.

Bereits vor drei Wochen besuchte Yimin Chen Arnsberg, um im Rahmen ihrer Recherchen für das Buch „Active Aging in Germany – Celebrating Long Life“ die Stadt des langen Lebens kennenzulernen.

Sie besuchte verschiedene Institutionen, Menschen und Orte – unter anderem die Freilichtbühne Herdringen und ein Treffen zwischen dem Seniorenhaus St. Anna und dem Gymnasium Laurentianum.

“Arnsberg ist eine interessante Stadt zum Leben!”, betont sie immer wieder. Nun ist sie erneut in der Stadt – um die Dinge einzufangen, die sie innerhalb des ersten 10-tägigen Besuchs nicht schaffen konnte.

Heinz besucht zum ersten Mal das seit 2014 bestehende Repair Café – im Arm ein uraltes Radio. Sein Herz hängt daran. “Ich habe das Radio 1968 gekauft, zwei Jahre nach der Hochzeit mit meiner Frau”, erzählt er. Nun funktioniere es nicht mehr richtig. Eine schwierige Aufgabe für Horst Schmatz, der sich heute dieses Problems annehmen wird. Kurze Zeit später ist es auseinandergebaut. In drei Teile zerlegt. Das Gehäuse, das Display und die innere Elektronik auf dem Tisch verteilt. Doch der gelernte Radio- und TV-Techniker weiß genau, was er tut. Voll konzentriert greift er zu. Jeder Handgriff sitzt. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Auch nicht durch Yimin und ihr Gespräch mit Heinz. “Damals, 1954, Weltfußball, Meisterschaftsspiel Deutschland gegen Ungarn – da saßen wir alle vorm Radio”, erzählt Heinz. Zehn Fernseher habe es in Arnsberg gegeben, schätzt er. Doch durch die TV-Geräte habe sich die Wohnkultur damals sehr verändert. Das Radio wurde beiseite gestellt.

Raritäten wie diese landen oft im Repair Café. “Wir hatten sogar mal einen Volksempfänger aus dem Jahre 1933, funktionstüchtig!”, schwärmt Hans Dieter Draken, Seniortrainer und Gründer des Repair Cafés Arnsberg. Entdeckt hat er diese Idee im Ausland. Denn sie stammt von Martine Postma, die das Projekt erstmals 2009 in Amsterdam umsetzte und weltweit schnell Nachahmer fand. Mit ihrer Stiftung “Stichting Repair Cafe” unterstützt sie lokale Gruppen im In- und Ausland, die ebenfalls ein Repair Café eröffnen§ wollen.

Zwischenmenschlicher Treffpunkt

“Wir stellen keine Konkurrenz zum Gewerbe dar”, erläutert Hans Dieter Draken. Die Reparatur alter Elektrogeräte sei ausschließlich dem ehrenamtlichen Engagement der 13 Teammitglieder zu verdanken – die Stadt Arnsberg, Engagementförderung, habe das Bürgerzentrum extra für das an jedem dritten Freitag im Monat stattfindende Repair Café zur Verfügung gestellt. “Dafür sind wir sehr dankbar!”
Neben den ehrenamtlichen Handwerkern, die allesamt eine technische Ausbildung und Berufserfahrung aufzuweisen haben, kümmern sich zwei Damen und das leibliche Wohl. Kaffee, Wasser und Waffeln zieren den am Eingang positionierten Tisch. Gegen einen kleinen Obolus können es sich wartende Repair Café-Gäste gutgehen lassen. Neben frischen Waffeln auch vielseitige Gespräche genießen. “Die zwischenmenschliche Kommunikation ist ein wichtiger Punkt im Repair Café”, so Hans Dieter Draken. “Manche Gäste kommen nur deswegen her!” Sein Blick richtet sich auf einen männlichen Gast, der samt einer Tasse Kaffee an einem der Tische sitzt. Gespannt und entspannt. “Er kommt jedes Mal und schaut einfach zu.”

Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft

Mit dem Slogan “Wegwerfen? Denkste!” wirbt das Repair Café weltweit und setzt damit ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft. Denn viel zu schnell werfen wir Dinge einfach weg – ohne auch nur ansatzweise geschaut zu haben, ob es sich reparieren lässt. “Jedes Gerät, das repariert wird, muss nicht neu hergestellt werden”, sagt Hans Dieter Draken. “Jedes Gerät, das repariert wird, verhilft zum Umweltschutz!”
In Hongkong gibt es bisher noch kein Repair Café – aber vielleicht ändert sich das, wenn Yimin Chen nun mit aussagekräftigen Bildern, Videos und Informationen zurückreist. In Arnsberg jedenfalls kommt das Repair Café sehr gut an. “Es ist zum Selbstläufer geworden”, freut sich Hans Dieter Draken.
20 bis 25 Geräte stehen an jedem dritten Freitag im Monat auf den Tischen des Repair Cafés – am Ende des zweistündigen Treffens repariert mit einer bis zu 60%igen Erfolgsquote. Und auch Heinz zeigt sich glücklich, als er das Bürgerzentrum mit seiner Rarität wieder verlässt.

Text und Fotos: Thora Meißner

Weitere Informationen: www.repaircafe-arnsberg.jimdo.com
Nächstes Treffen: Freitag, 18. August 2017 im Bürgerzentrum Arnsberg.

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