200 Jahre Geschichte des Fahrrads

Vom Reittierersatz zum ewig jungen Klassiker der Mobilität:

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Foto: Klaus-Peter Kappest

Wagen Sie, lieber Leser, doch einmal ein kleines Gedankenexperiment und begeben sich parallel zu einer gedachten Fahrt auf dem Sauerland Radring auf eine historische Tour durch die Entwicklungsgeschichte des Fahrrads.

Am Ausgangspunkt unserer Tour, dem Portal des (erst in Zukunft passierbaren) Lenhauser Tunnels bei Finnentrop, treten Sie in die Pedale und nehmen die fast 14 Kilometer bis Fehrenbracht in Angriff. Dies ist auch die Distanz, die am 12. Juni 1817 Karl Freiherr von Drais mit seiner Erfindung, der Draisine, bewältigt hat. Von Mannheim aus brach Drais mit seinem gut 20 Kilogramm schweren Laufrad, der Urform des heutigen Fahrrads, in Richtung Schwetzingen auf, wendete nach knapp 7 Kilometern und trat die Rücktour an. Die Draisine war die Erfindung des Zweirad-Prinzips, die sich tatsächlich auf in einen Vulkanausbruch zurückführen lässt! Als 1816 der indonesische Vulkan Tambora eruptierte, hatte dies ein Jahr ohne Sommer zur Folge und damit auch Missernten und Hungersnot. Das betraf auch die Tiere und es kam unter anderem zu einem Massensterben von Pferden, dem damals wichtigsten Fortbewegungsmittel. Die hölzerne Draisine folgte dem Denkansatz, den Verlust an Reittieren zu kompensieren: Sie war zwar noch lange kein „Drahtesel“, aber ein im Ansatz tauglicher Pferdeersatz.

Auf unserer speziellen Radtour nähert sich nun das Örtchen Fehrenbracht und wir lassen Drais und sein von den Zeitgenossen skeptisch beäugtes Gefährt zurück. Wir radeln in den stimmungsvoll beleuchteten Fledermaustunnel und kommen auf unser historischen Radtour gut 50 Jahre später wieder heraus – an unserer Seite nun der letzte Schrei der Pariser Weltausstellung 1867: das Tretkurbel-Velociped! Bei der Weiterentwicklung der Draisine wirkt die Tretkurbel auf das Vorderrad, was eine gewisse Instabilität mit sich bringt. Überhaupt erwiesen sich die aus Eisen gefertigten Velocipeds aufgrund des gehörigen Gewichts als reichlich problematische Fortbewegungsmittel. Auf einem modernen Fahrrad würden wir ein solches Velociped noch vor Kückelheim hinter uns lassen. Doch blieben wir nicht lang allein, denn in den 1870er und 1880er Jahren kam es wortwörtlich zur Hoch-Zeit der Zweiräder: Es war die Ära der Hochräder mit bis zu 150 cm Durchmesser am Vorderrad und einem deutlich kleineren Hinterrad. Es ließen sich aber ebenso schon heutige Standards ausmachen: Gummibereifung, Stahlfelge und Speichen. Die weit bessere Kraftübertragung durch den gewissermaßen über dem Vorderrad, in beinahe luftiger Höhe sitzenden Fahrer und die Größe des angetriebenen Rades machten eine weit größere Geschwindigkeit möglich. Doch so schnell der Hochradler uns ein- oder gar überholt hätte: Bis Eslohe wäre seine Fahrt kaum ohne Zwischenfall verlaufen, denn das Hochradfahren erforderte viel Geschicklichkeit und ein Sturz aus der relativ großen Höhe konnte schnell mehr als schmerzhaft enden. Letztlich erwies sich das Hochrad zwangsläufig als Sackgasse der Fahrradentwicklung.

Und so dauert es nach dem Passieren Eslohes auch nicht allzu lange und wir bekommen Gesellschaft von einem Zweirad, das dem unseren wieder weit ähnlicher sieht. Ob in Wenholthausen, am Beginn der wunderschönen Henneseeschleife, oder kurz vor Dorlar, auf dem Anstieg Richtung Bad Fredeburg: Der vertraute Anblick des sogenannten Niederrads zeugt vom nächsten und vielleicht wichtigsten Entwicklungsschritt. Mit der Patentierung des „Sicherheits-Niederrades“ im Jahr 1885 wurde der große Aufschwung des Verkehrsmittels Fahrrad eingeläutet. Zwei in etwa gleich große Räder, ein nach hinten gerückter Fahrersitz, Hinterradantrieb über Kette und der ab 1890 verwendete Diamant- oder Rautenrahmen lassen die klassische Form des Fahrrads erkennen. Und so verwundert es nicht, dass sich auf unserer Tour – nun im Lennetal angelangt – zig Begleiter mit Niederrädern zu uns gesellen. Ab 1900 wurde das Fahrrad zum für jedermann erschwinglichen Massenprodukt. Während sich unser Tross Altenhundem, dem Zentralort Lennestadts, nähert, ernten wir hingegen manch spöttischen Blick, denn mit dem um 1950 einsetzenden Auto- und Motorrad-Boom galt ein Radfahrer als entweder zu jung oder zu arm für eine motorisierte Fortbewegung. Das aber sollte sich alsbald ändern: Noch ein Stück vor unserem Ausgangspunkt rund um den Rad-Bahnhof Finnentrop wird unser Zweirad wieder zur Attraktion. Ab 1980 stieg die Reputation des Fahrrads und mittlerweile wird es nicht nur im urbanen Raum als modisches Accessoires gesehen, sondern Radfahren allgemein als Reflexion eines ganzen Lebensgefühls aufgefasst. Ob Trekking- oder Tourenrad, Mountainbike oder E-Bike, ob Klassiker oder Exot – die Popularität des Fahrrads hat seinen ursprünglichen Zweck als Pferdeersatz, als „Drahtesel“ lang schon überholt und so weit hinter sich gelassen.

Ganz real zu erleben aber ist diese Popularität auf dem beständig wachsenden Radwegenetz, das in den besten Fällen durch eine derart schöne Landschaft führt, wie das beim Sauerland-Radring der Fall ist!

Zum 10jährigen Jubiläum des SauerlandRadringes hat WOLL ein Sonderheft aufgeleget. Das gibt es kostenlos an vielen Stellen entlang des Radringes oder im WOLL-Onlineshop (gegen Erstattung der Versandkosten).

 

Von Jens Feldmann

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