Die Geheimnisse des Heinrich Lübke

Neue Erkenntnisse über den Bundespräsidenten aus dem Sauerland

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23.9.1968 Bundespräsident Heinrich Lübke empfängt den Präsidenten der westafrikanischen Republik Senegal, Léopold Sédar Senghor. Am 22.9. nahm Senghor in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.

Am 6. April 1972 – vor genau 45 Jahren – verstarb Heinrich Lübke, der zweite Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Peter Bürger hat die Archive durchforstet und einige neue Erkenntnise über den Bundespräsidenten aus dem Sauerland gefunden.

Von Peter Bürger

Heinrich Lübke (1894-1972) aus Enkhausen ist wohl landesweit noch immer der bekannteste Sauerländer. Vor seiner erstmaligen Wahl zum Bundespräsidenten gab er sich mehr als bescheiden: „Ich bin für das Amt eigentlich wenig geeignet. Es hätte bestimmt bessere Kandidaten als mich gegeben.“ Genutzt hat ihm diese Erklärung später wenig. Besonders unbeholfene Redebeiträge wurden sogar auf eine Schallplatte gepresst und haben in der ganzen Republik die Lachmuskeln strapaziert. Weitaus weniger lustiger nimmt sich die Sache aus, wenn man als Hintergrund für zunehmende Gedächtnisschwächen eine schleichende Hirnsklerose berücksichtigt. Heute wissen wir außerdem: Einige besonders peinliche „Lübke-Zitate“ beruhen auf freien Erfindungen.

Blickt man auf die populäre Erinnerungskultur, dann erscheint der Präsident aus dem Sauerland bisweilen fast als ein Trottel. Der Historiker Rudolf Morsey hat uns demgegenüber in einer stattlichen Biographie an Lübkes politische Kernanliegen erinnert. Die Verbindung zur eigenen Herkunft aus dem Milieu der „kleinen Leute“ zieht sich wie ein roter Faden durch den Lebensweg des Fürsprechers von Heuerlings-Bewegung, Bodenreform, Kleinbetrieben, Genossenschaftsidee und Siedlungsbau. Er litt mit den Kleinen und „empfand es als eine ethische Verpflichtung, ihnen ihr hartes Leben leichter zu machen.“ (Theodor Sonnemann) 1934/35 kam der sozial engagierte Zentrums-Mann für zwanzig Monate in Untersuchungshaft. Ähnliche Maßnahmen aufgrund von Korruptionsvorwürfen trafen damals viele Gegner der Nazis aus dem Bereich des politischen Katholizismus. 1946 schrieb Lübke in einer frühen CDU-Broschüre: „Jede gesunde politische Arbeit findet ihren Sinn in der Fürsorge für Menschen, ihre Existenzsicherung und ihre Aufwärtsentwicklung in materieller und geistiger Hinsicht.“ Bemerkenswert war sein vorauseilender Blick auf die Umweltgefährdung durch einen ungezügelten Industrialismus. Die schon 1957 von Heinrich Lübke eingeforderte Solidarität mit den Hungernden auf allen Kontinenten wurde zum zentralen Thema seiner ganzen Präsidentschaft. In der sogenannten „Dritten Welt“ gab es viel Hochschätzung für ihn.

25.4.1967
Trauerfeierlichkeiten für Konrad Adenauer
Empfang der Staats- und Regierungschefs in der Godesberger Redoute
von rechts (1. Reihe): US-Präsident Lyndon B. Johnson, Bundespräsident Heinrich Lübke,
Staatspräsident Charles de Gaulle

Zu unkritisch behandelt Morsey allerdings jenes dunkle Kapitel der Lübke-Vita, das später zu einem vorzeitigen Rücktritt vom höchsten Staatsamt geführt hat. Während der Bauleitertätigkeit 1943-1945 in Peenemünde waren KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter unter der Oberaufsicht des Sauerländers eingesetzt. Der Historiker Dr. Jens-Christian Wagner zieht aus dem aktuellen Forschungsstand folgendes Resümee: „Lübke war sicherlich kein Kriegsverbrecher. Vor dem Hintergrund seiner Tätigkeit in Peenemünde und im Jägerstab erscheint der spätere Bundespräsident aber als einer der vielen vermeintlich technokratischen Ingenieure und Verwaltungsfachleute, die ihre Kenntnisse in den Dienst des Systems gestellt und dabei die dehnbare Trennlinie zwischen Mitwisser- und Mittäterschaft überschritten haben, ohne selbst überzeugte Nationalsozialisten gewesen zu sein.“

Über Lübkes familiäre und heimatliche Biographie wissen wir – genau besehen – herzlich wenig. Das Sauerland-Kapitel fällt schon in einer 1978 erschienenen Darstellung von Hubert Georg Quarta ziemlich nichtssagend aus. Eher isoliert steht ein Selbstzeugnis Heinrich Lübkes von 1966 da: „Das Leben war hart.“ Die autobiographische Kurzformel lautet ansonsten: „Aufgewachsen bin ich in einer ländlichen Welt mit ihrem einfachen, vielfach schwerem Leben, aber auch mit ihren Schönheiten.“ Selbst Morsey standen nur denkbar wenige Archivdokumente zur privaten Vita zur Verfügung: „Über keine andere Persönlichkeit der Zeitgeschichte in Deutschland konnte man bis Ende der achtziger Jahre so wenig erfahren wie über Heinrich Lübke.“ Eine Autobiographie des Bruders Friedrich-Wilhelm Lübkes (1887-1954), der 1951-1954 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein war, ist spurlos verschwunden. Zuletzt befand sie sich wohl beim Bruder Josef, dem Lehrer, und dieser wollte das Werk ein wenig „glätten“. Laut Familienüberlieferung handelte es sich um ein sehr offenherziges und tabuloses Manuskript. Friedrich-Wilhelm hatte einen abenteuerlichen Weg aufzuweisen. Mit 15 verließ er vorzeitig die Schule, verschwand dann aus Enkhausen und ging alsbald zur hohen See.

Nach der Wahl Lübkes zum Bundespräsidenten schickte sich der Schelmenroman-Autor Josef Küper an, die erste Biographie des neuen Staatsoberhauptes zu schreiben: „ohne Dinge, die ungehörig sind“. Der Nürnberger Verleger Glock hatte ihn gebeten, sich im Geburtsort „Enkhausen umzusehen, um dann eine >echt westfälische Platte anrichten< zu können“. Diese hochkatholische Angelegenheit wurde vorzeitig in Kirchenzeitungen beworben.

Lübke zeigte sich – ähnlich wie seine vom Buchautor befragte Verwandtschaft – sehr misstrauisch. Schließlich empörte ihn nicht nur die Anlage des Werkes als „Gartenlaubengeschichte“, sondern der Umstand, dass Küper „bei dem für die Familie Lübke zuständigen Standesamt Einsicht in die dort ruhenden Familienpapiere nehmen wollte“. Der Verfasser wisse „nicht das Geringste“ von seinem Elternhaus und dem Leben dort. Falls „etwas Falsches oder Abseitiges“ in der Biographie stehen sollte, wolle er diese beschlagnahmen lassen. Das Ende vom Lied: Die gesamte Auflage (5.000 Exemplare) des schon fertig produzierten Buches kam nicht zur Auslieferung, sondern wurde mit 21.937,50 DM Steuergeldern aus einem Fond des Bundespresse- und Informationsamtes aufgekauft.

Die Abwehr einer Erforschung der privaten Biographie wirkt fast panisch. Es gab offenbar so etwas wie ein Auskunftsverbot für Standes- und Pfarrämter. Bei all dieser Heimlichtuerei sollte man jedoch nicht in erster Linie an die lange verschwiegene Berufstätigkeit im Baubüro Schlempp während des 3. Reiches denken. Einige Spekulationen beziehen sich auf die Präsidentengattin Wilhelmine geb. Keuthen (1885-1981) aus Ramsbeck, die neun Jahre älter war als ihr Mann. Sie hatte den sauerländischen Landsmann, der schon kurz nach Ende des 1. Weltkrieges in die Hauptstadt gezogen war, 1929 als 44-jährige Wahlberlinerin geehelicht. Der Altersunterschied galt als ungewöhnlich. Wilhelmine besaß aber einen bundesrepublikanischen Personalausweis, der sie um zehn Jahre verjüngte!

Weitere Tabus tauchen in Küpers sauerländischem „Schelmenbuch“ über Lübke auf. Dieses Lebensbild ist nämlich mitnichten ganz verschollen. Im letzten Jahr konnte ich per Fernleihe und über ein Stadtarchiv Exemplare einsehen: Viele belanglose Anekdoten hat der Schriftsteller zusammengetragen. So schreibt er z.B., die Enkhauser Hebamme habe bei Taufen gerne einen Schnaps getrunken und der kleine Heinrich sei bis zum Erhalt der ersten Buchse in Mädchenkleidung herumgelaufen. Im Zusammenhang mit frühen Lausbubengeschichten erfährt man auch, dass der Präsidentenbruder Friedrich-Wilhelm Hasen gewildert hat. Übrigens stößt man in einem Familienforschungsband von 1977 tatsächlich auf einen entfernten Verwandten, der das Jagen als allgemeines Bürgerrecht betrachtet hat. Es ist dies der gewesene Wilddieb und nachmalige Balver Flurschützer Heinrich Lübke (1861-1922) aus Affeln.

Viel brisanter als das Kavaliersdelikt der Kleinwilderei fällt indessen ein langes Buchkapitel aus, das den Vorwurf der versuchten Brandstiftung mit Versicherungsbetrug im Jahr 1915 enthält. Es betrifft den ältesten Präsidentenbruder Franz Lübke. In der dörflichen Überlieferung wurde diese Sache später als großes Tabu behandelt. Bei Küpers ist ausdrücklich von einem „großen Unheil“ die Rede, und der glückliche Ausgang des Gerichtsverfahrens wird bei ihm sehr pathetisch ausgeschmückt. In ihren Lebenserinnerungen berichtet Josefa Berens, die vor ihrem Überlaufen zu den Nazis mit der Familie eng befreundet war, wie niedergedrückt Franz trotz „Freispruch mangels Beweisen“ nach dieser ganzen Brandgeschichte gewesen ist. Er wünschte deswegen sogar sehnlichst, aus dem Krieg nicht wieder lebend heimzukehren! So ist es dann 1916 auch eingetroffen.

Ein anderes, bislang stets übergangenes Tabuthema klingt in Küpers Lebensbild 1959 zumindest in einer Nebenbemerkung an: Das Durchziehen einer Korbflechter-Familie mit Namen Lübke macht den jungen Heinrich Lübke immer wieder zornig, weil er um den „guten Ruf“ der eigenen Familie fürchtet. Worum es hierbei geht, habe ich unter Mitarbeit von Werner Neuhaus ausführlich im Buch „Fang dir ein Lied an!“ dargestellt: Zum alten sauerländischen Familienverband Lübke gehörte ein stattlicher Korbflechter-Zweig, der wegen seiner Kleingewerbe und seines Umherziehens sozial wenig geachtet war. Diese ebenfalls „gut katholischen“ Lübken zählten zu den sogenannten „Kötten“. Die sesshaften Mitglieder des großen Lübke-Clans wollten mit ihnen nichts zu tun haben. Heute wissen wir aufgrund der Sozialforschung, dass die sogenannten „Kötten“ in Wirklichkeit imponierende Lebenskünstler gewesen sind: Sie boten überaus nützliche Dienstleistungen an (z.B. Reparatur, Wartung), versorgten die ländliche Bevölkerung mit notwendigen Gebrauchsgütern (Körbe, Töpfe etc.), gewährleisteten die Wiederverwertung von Altstoffen (z.B. Knochen, Lumpen) und trugen bisweilen mit Unterhaltungskünsten auch zum seelischen Wohlergehen ihrer Mitmenschen bei. Keineswegs stammten die „Kötten“, die in Nachbarlandschaften z.B. auch „Mäckeser“ hießen, von einem fremden Stern. Ihre Vorfahren lassen sich in den Kirchenbüchern oftmals sehr weit zurückverfolgen und sind dann die gleichen wie die von „alteingesessenen“ Bauernfamilien des Sauerlandes. Äußere Umstände in wirtschaftlichen Krisenzeiten haben die „Kötten“ einstmals zu einer besonderen Lebensform ohne festes Heim getrieben. Ihre lange Diskriminierung im Sauerland und anderswo gehört zu den großen Ungerechtigkeiten der Heimatgeschichte.

Der Holzener Lehrer und Heimatforscher Friedrich Geuecke (1897-1981) schreibt über die umherziehenden Lübke-Namensträger früherer Zeiten, dass sie „alle Bauernenkel und -urenkel sind, deren Reichtum ihre Fruchtbarkeit und deren Schicksal ihre Armut war, wobei eins mit dem anderen zusammenhing. Beides zwang sie in der vorindustriellen Zeit zu den einfachsten Gewerben, die sie im Umherziehen ausübten, und wenn sie mit ihrem Verdienst die kleinen hungrigen Mäuler nicht stopfen konnten, auch zu gelegentlichen Diebereien, die sie dann mehr und mehr in Verruf brachten; zu Unrecht meine ich; denn gerade durch ihren erfinderischen Sinn, Marktlücken zu entdecken, bewiesen sie doch ihre Arbeitswilligkeit. Und erwiesen sie nicht in der alten Zeit so vielen Familien in Stadt und Land als Scherenschleifer, Schirm- und Kesselflicker, Mausefallenhändler und durch andere Künste kleine, aber gern in Anspruch genommene Dienste? Und viele wurden zu Beginn des Industriezeitalters die ersten Fabrikarbeiter.“ Zur Zeit der erneuten Sesshaftwerdung zeigten viele ehemalige „Kötten“ aber auch großes Geschick als Handwerks-Pioniere.

Heinrich Lübke nannte stets nur seinen Opa als den „ältesten bekannten Vorfahren in der Manneslinie“, dem rückwirkend auch ein reich geschnörkelte „Präsidentenwappen“ gewidmet sein sollte. Ein Anruf aus dem Bundespräsidialamt beim Dorfpfarrer hätte indessen schon schnell auch den Urgroßvater samt Lebensdaten zutage gefördert. Daran scheint kein Interesse bestanden zu haben. Neuere Kirchenbuch-Funde von Werner Neuhaus machen es sehr wahrscheinlich, dass das Staatsoberhaupt in einem recht nahen Verwandtschaftsverhältnis zur Linie der „Korbflechter-Lübken“ gestanden hat. Wir dürfen im Rahmen dieses interessanten Kapitels der sauerländischen Sozialgeschichte gespannt darauf sein, was Stammbaumforscher hierzu noch ans Licht bringen werden.

 

Literatur zu den „Kötten“ und Bundespräsident Heinrich Lübke:

Peter Bürger: Fang dir ein Lied an! Selbsterfinder, Lebenskünstler und Minderheiten im Sauerland. Selbstverlag Museum Eslohe 2013, S. 161-312.

Das Buch gibt es im Büchershop des DampfLandLeute-Museums Eslohe.

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