Peter Prange vor historischer Kulisse: Burg Altena. Foto: Sabine Langenbach

WOLL-Interview mit Peter Prange

Von Hermann-J. Hoffe

Mit „Das Bernstein-Amulett“ gelang dem Schriftsteller Peter Prange 1999 der Durchbruch. Diese deutsch-deutsche Familiengeschichte wurde 2004 sogar für die ARD verfilmt und seitdem ist der gebürtige Sauerländer aus den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Jetzt beweist sein neuer Roman, dass er seiner Heimat treu bleibt, obwohl er heute in Schwaben, in Tübingen lebt: Sein neuer Roman spielt in Altena, wo er geboren und aufgewachsen ist.

WOLL: Das Buch „Unsere wunderbaren Jahre“ – seit dem Herbst erfolgreich in den Bestsellerlisten – erzählt die Geschichte der Bundesrepublik vom ersten bis zum letzten Tag der D-Mark. Die Handlung spielt mitten im Sauerland, in deiner Heimatstadt Altena. Warum gerade Altena, warum gerade das Sauerland als Ort und Region für diese Geschichte?

Peter Prange: Die ursprüngliche Idee zu dem Roman kam mir an meinem jetzigen Wohnort, in Tübingen, und zwar am 2. Januar 2002, als ich zum ersten Mal an einer Ladenkasse in Euro bezahlte. Dabei musste ich an einen anderen Moment in der deutschen Geschichte denken, in dem es auch schon mal neues Geld gegeben hatte: bei der Währungsreform 1948, als jeder die berühmten 40 Mark „Kopfgeld“ bekam. Ich fragte mich: Was haben die Menschen im Lauf ihres Lebens aus diesem Geld gemacht? Und was das Geld aus ihnen – und aus diesem Land?

WOLL: Und wann und wie kam Altena ins Spiel?

Peter Prange: Über zehn Jahre später. Bei der ersten Idee hatte ich noch keine Vorstellung, wo ich eine Geschichte rund um diese Fragen verorten, mit welchen Figuren ich sie verkörpern könnte. Die kam mir erst, als vor vier Jahren meine Mutter starb und ich in einem Karton völlig unverhofft Liebesbriefe fand, die mein Vater meiner Mutter vor über einem halben Jahrhundert geschrieben hatte. Beim Lesen dieser Briefe brach eine ganze Kaskade von Erinnerungen in mir los, Geschichten, die meine Eltern mir erzählt hatten, die eigene Kindheit und Jugend in den Wirtschaftswunderjahren, verrückte Lebenswege von Onkels und Tanten – ein ganzes Panoptikum der wunderbarsten Figuren.

WOLL: Kannst du ein paar Beispiele nennen?

Peter Prange: Zum Beispiel mein Vater, der als Kriegsheimkehrer seine Geschwister versorgen musste und darum, ohne selber tanzen zu können, sauerländischen Jungbauern gegen Eier und Speck das Tanzen beibrachte; dann eine Flakhelferin, die, schwanger mit ihrem zweiten Kind, neben ihrem toten Mann aufwachte; schließlich ein kleiner Schuhverkäufer, der von einer großen Unternehmerkarriere nicht nur träumte, sondern diese auch gegen alle Vernunft in Angriff nahm – alles Menschen, die ich kannte …

Konnte sein Publikum Ende Februar bei einer Lesung im Hotel Deimann, Schmallenberg mehr als begeistern.
Foto: Hermann-J. Hoffe

WOLL: Da fiel also der Groschen?

Peter Prange: Buchstäblich. Plötzlich wusste ich, dass dieser Roman in meiner Heimatstadt Altena spielen musste, mit diesen Menschen, die mir so vertraut sind wie keine anderen irgendwo auf der Welt. Und seltsam, erst als ich diese Entscheidung getroffen hatte, fiel mir wieder ein, dass in Altena ja die Rohlinge der D-Mark produziert worden waren. Das war wie ein Fingerzeig des Himmels, dass hier und nirgendwo sonst die Handlung meines Romans spielen musste.

WOLL: Was gibt es für Reaktionen auf „Unsere wunderbaren Jahre“?

Peter Prange: Die schönsten, die ein Autor sich nur wünschen kann. Und damit meine ich nicht den Erfolg im Buchhandel – obwohl ich mich über den natürlich auch sehr freue, weil er mich, wie wir Sauerländer sagen, „am Kacken hält“. Sehr viele Menschen erkennen sich offenbar in dem Roman wieder, mit ihren eigenen Hoffnungen und Sehnsüchten, aber auch Ängsten und Sorgen aus der Zeit, in der die D-Mark unsere Währung war. Das haben mir Leserinnen und Leser aus ganz Deutschland geschrieben.

WOLL: Haben sich auch Leser aus der Heimat gemeldet?

Peter Prange: Scharenweise sogar. Allerdings waren ihre Reaktionen nicht nur positiv. Manche Leser haben kritisiert, dass ich für meine Figuren die Namen ehemaliger Lehrer „missbraucht“ hätte. Aber das sollte keine Verunglimpfung sein – ich wollte einfach nur sichergehen, dass die Namen in die Gegend „passten“. Dann gab es wieder Rückmeldungen von früheren Freunden und Bekannten, die ich jahrzehntelang nicht mehr gesehen hatte. Zum Beispiel meldete sich ein Klassenkamerad, der inzwischen eine Buchhandlung bei Hamburg betreibt. Dort kamen Mitte Februar zu einer Lesung ein Dutzend ehemaliger Altenaer, die jetzt im Großraum Hamburg leben – eine Art Sauerländer Wiedervereinigung im hohen Norden.

WOLL: Was unterscheidet das Sauerland aus deiner Sicht von anderen Regionen, zum Beispiel Schwaben und Tübingen, wo du heute lebst?

Peter Prange: Es ist ein hartes Schicksal, als Sauerländer in Tübingen zu leben. Wir Sauerländer sind ja eher direkt: Wir sagen, was wir denken, und wir tun, was wir sagen – „Kerls und Köppe“ eben. Mit dieser Art ecke ich im „Ländle“ allerdings immer wieder an. Da verständigen die Menschen sich eher indirekt, von hinten durch die Brust ins Auge. Die Unterschiede sind so groß, dass ich zusammen mit WOLL-Autor Michael Martin, der mit „Voll auf den Nürsel“ ein wunderbares Lexikon des Sauerländischen verfasst hat, im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Tübingen einen „Battle“ mit Professor Hermann Bausinger ausgetragen habe, dem renommiertesten schwäbischen Landeskundler: „Sauerland“ gegen „Schwaben“. Inhaltlich sind Michael und ich mit wehenden Fahnen untergegangen. Berühmten schwäbischen Geistesgrößen wie Schiller, Hegel und Uhland oder Tüftlern wie Daimler und Bosch hatten wir als Sauerländer gerade mal Heinrich Lübke und Nuri Sahin, der aus Lüdenscheid kommt, entgegenzusetzen. Dafür hatten wir aber die Lacher auf unserer Seite.

WOLL: Wie machst du zum Beispiel den Schwaben und anderen Neugierigen das Sauerland schmackhaft?

Peter Prange: Indem ich es als idealen Ort für jeden preise, der sich für Regen interessiert. Weil, Regen haben wir ja erfunden. Und nicht nur zum Nasswerden. Sondern viel mehr noch, um Bier zu brauen. Und weil wir den besten Regen haben, haben wir auch das beste Brauwasser und damit das beste Bier „vonne Welt“.

WOLL: Welche neuen literarischen Projekte sind bei dir in Planung?
Peter Prange: In meinem nächsten Roman, an dem ich schon arbeite, versuche ich, das ganze deutsche Drama von 1933 bis 1945 am Beispiel einer Familie zu erzählen, vom Tag der Machtergreifung durch die Nazis bis zum Tag der Kapitulation. Diese Geschichte spielt allerdings nicht im Sauerland, ein solches Drama wollte ich meiner Heimat dann doch nicht zumuten.

Peter Prange von Anfang an ein WOLL-Fan.
Foto: Hermann-J. Hoffe

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