Der 18. Januar 2007 war ein trüber Tag im Sauerland. Der Himmel war wolkenverhangen und die Luft war einen Tag im Januar erstaunlich mild. Dennoch wirkten 14 Grad wenig einladend für einen Spaziergang. Das war auch gut so, denn seit dem Morgen gab es Sturmwarnungen. Wie schrecklich die Sturmnacht im Sauerland werden würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Viele Menschen können sich an das, wann sie an diesem Tag, was in dieser Nacht oder auch am Tag danach erlebt haben, sehr gut erinnern. In verschiedenen Gedenk- und Erinnerungsveranstaltungen im Sauerland, so zum Beispiel am Mittwoch, 18. Januar im Forstlichen Bildungszentrum in Arnsberg oder am 17. Januar in der Stadthalle Schmallenberg, dort veranstaltet vom Regionalforstamt Oberes Sauerland, wurde an diese Sturmnacht und ihre Folgen erinnert.

Eingang zur Stadthalle Schmallenberg

Erinnerung in der Stadthalle Schmallenberg: 10 Jahre Kyrill – eine Region packt an

Zu Beginn der Veranstaltung in der Stadthalle Schmallenberg, die mit annähernd 1.000 Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllt war, wurde die Menschen mit einem Filmbeitrag über die Kyrillnacht wieder in die Zeit von vor 10 Jahren zurückversetzt. Mit einer Schweigeminute wurde der 6 Toten und 170 schwerer Verletzten gedacht. Die bekannte Moderatoren Carmen Thomas holte in mehreren Gesprächsblöcken mit betroffenen und beteiligten Zeitzeugen die Sturmnacht und die Zeit danach wieder in Erinnerung.

Stefan Belke und Carmen Thomas im Gespräch

Stefan Belke und Wilhelm Seemer für den Waldbesitz und Thomas Weber für die Tourismusbranche berichteten von den substantiellen Sorgen, die Kyrill verursacht hat. Wilhelm Seemer: „Es gibt immer wieder neue Krisen. Man muss anpacken und positiv denken.“

Landrat Dr. Karl Schneider, Kreisbrandmeister Bernd Krause und Verena Albers von den Landfrauen berichteten von unbürokratischen Genehmigungsverfahren, einer tollen Zusammenarbeit mit dem Forstamt beim Freiräumen von Straßen und von der Versorgung der über 200 externen Hilfskräfte.

Landrat Dr. Karl Schneider

Antonisus Vollmer, Förster des Regionalforstamtes erinnerte daran, dass alle Mitarbeiter des Forstamtes an ihrem Platz die Gesamtkoordination von Holzverkauf, Unternehmereinsatz, Wegeinstandsetzung und Transport übernommen haben. Hoch anzurechnen ist es vielen Sägewerken, dass sie mit dem Waldbesitz zusammen Hilfspläne aufgestellt und nicht auf Marktvorteile gepokert haben. Darüber berichtete Sägewerker Hans-Georg Pieper. Franz-Josef Heimes und Christoph Kraas berichteten wie sie sich mit ihren Unternehmen unter lebensgefährlichen Bedingungen anpackend und mit moderner Technik an die Aufarbeitung des Holzchaos gemacht haben.

Sägewerker Hans-Georg Pieper

Bernhard Halbe und seine Bürgermeisterkollegen haben die Geldmittel für die Solidarfonds für die Instandsetzung des durch Kyrill völlig zerstörten forstwirtschaftlichen und touristischen Waldwegenetzes verwaltet. Regionalforstamt und Kommunen haben bis 2010 gemeinsam das Wegenetz hervorragend wieder hergestellt.

Dr. Christoph Hartebrodt von der forstlichen Versuchsanstalt Freiburg erinnerte nachdrücklich daran, dass der Klimawandel da ist und es weitere Kyrills geben wird. Die Waldbesitzer müssen ihren bisherigen Wald mit einer Baumart durch standortgerechte Mischung mit mehreren Baumarten stabilisieren, wenn sie das Verlustrisiko durch Sturm oder Trockenheit begrenzen wollen.

Dr. Christoph Hartebrodt

Im Anschluss an die Erinnerungen und Gespräche interpretierte die Theatertruppe „Springmäuse“ die Aussagen der Interviewpartner in unterhaltender und nachdenklicher Form und hielten humorvoll den einen oder anderen Spiegel vor.

Theater Springmaus

 

 

 

 

Hans von der Goltz – Leiter des Forstamtes Oberes Sauerland hat iim nachfolgenden Abschnitt seine Gedanken zum Thema Kyrill und den Folgen zusammengefasst.

Der Schaden in Nordrhein-Westfalen

In NRW wurde ein Fläche von 30.500 Hektar, davon 72 % Privatwald in der Sturmnacht zerstört. Der ermittelte Wertverlust liegt bei rund 1,5 Mrd. Euro. Eine gigantische Holzmenge, nämlich 15,7 Mio Kubikmeter, davon 95 % Fichte lag am Boden.

Die Schadenbewältigung im Regionalforstamt Oberes Sauerland

Im Regionalforstamt Oberes Sauerland waren rund 400 heimische und externe Kräfte bei der Aufarbeitung des Sturmholzes in geordneten Strukturen über 2 Jahre im Einsatz. Es brummten etwa 40 Harvester-Spezialmaschinen rund um die Uhr. Durchschnitllich 35 Holz-LKW sorgten im 24 Stunden-Einsatz für eine reibungslose Logistik. Das Holz musste aus dem Wald zum in Winterberg wartenden Ganzzug der Bahn, zum Schiff in Hamm, in die Sägewerke oder auf die Nasslager transportiert werden. 27 Förster des Regionalforstamtes Oberes Sauerland und 20 sogenannte „Kyriller“, eigens dafür eingestellte Hilfskräfte, organisierten die praktische Abwicklung von Sundern bis Medebach. Die 16 Mitarbeiter im Regionalforstamt sorgten sich um große Teile des Holzverkaufes, der Unternehmerakquise, der Holzbuchführung, der Abrechnung und der emotional und körperlich stark belasteten Waldbesitzer und Förster.

Die Aufforstung

Von den 8.500 Hektar Kyrillfläche im Regionalforstamt wurden ca. 200 Hektar zu landwirtschaftlicher Nutzfläche, ca. 2.300 Hektar Weihnachtsbaumkulturen und 6.000 Hektar wieder Hochwald. Von diesen 6.000 Hektar wurden ca. 5.500 Hektar aktiv aufgeforstet mit etwa 15 Millionen kleinen Bäumchen, davon 60 % Mischwald und 40 % wieder Nadelholz. Auf ca. 500 Hektar hat Naturverjüngung für die nächste Waldgeneration gesorgt.

Der Klimawandel ist keine Theorie

Die weltweiten Auswirkungen der Klimaveränderungen sind auch bei uns angekommen. Unwetterkatastrophen wie Kyrill oder ungewöhnlich lange Trockenperioden wie in den letzten Jahren im Frühjahr werden in Zukunft unsere Wälder häufiger in Mitleidenschaft ziehen. Unser Sauerland wird von den Klimaveränderungen im Vergleich zu anderen Regionen mutmaßlich etwas weniger betroffen sein. Trotzdem sollte sich der Waldbesitz wappnen. Die Fichte wird auf großen Flächen auch im Klimawandel unser Brotbaum bleiben – wir müssen mit ihr nur stabiler werden. Die Mischung bringt’s!

Die Pflege der heranwachsenden nächsten Waldgeneration

In den kommenden 40 Jahren wird der Waldbesitz aus den Kyrillflächen kaum Erträge erwirtschaften. Trotzdem muss er jedes Jahr hinschauen, wie sich sein junger Wald entwickelt. Gehen erwünschte Baumarten im Konkurrenzkampf um’s Licht verloren? Werden wichtige Baumarten vom Wald aufgefressen? Wird die erwünschte Mischung instabil?

Auf den Waldbesitz kommen jetzt 40 Jahre Beobachten und im Zweifel auch Pflegen zu – Maßnahmen die über die Wirtschaftlichkeit und Stabilität seiner nächsten Waldgeneration für 100 Jahre entscheiden.

(Hans von der Goltz – Leiter Regionalforstamt Oberes Sauerland)

Hans von der Goltz – Leiter des Forstamtes Oberes Sauerland

 

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here