Die Sauerländer Weihnachtsgans fällt meist im November und Dezember auf Sauerländer Wiesen auf. Entgegen der allgemeinen Meinung trägt sie kein rotes Mützchen mit weißem Saum, sondern ein strahlend weißes Federkleid. Das ändert sich im Laufe ihres Daseins: Später ist die Gans meist federlos, knusprig und in der Nähe von Rotkohl oder hinter Kartoffelklößen zu finden.

Eine klassische Sauerländer Weihnachtsgans wiegt, wenn sie fröhlich schnatternd auf der Wiese Gräser zupft, circa sechs bis sieben Kilo. (Mastgänse aus Schnellproduktionen erreichen deutlich mehr Gewicht, schmecken aber nicht so lecker). Hat die Gans die ersten Stationen bis zur Küchenarbeitsplatte hinter sich, bringt das Tier nur noch knapp fünf Kilo auf den Tisch. Um das Gewicht auszugleichen und schlechtes Karma in der Weihnachtszeit zu vermeiden, wird die Gans gefüllt, meist mit einer Apfel-Zwiebel-Mischung oder Orangen.

Das Leben als Weihnachtsgans im Sauerland ist kurz. Die klassische Weidemast ist nach sechs bis acht Monaten vorbei. In der Zeit futtert die Gans rein vegetarisch Gräser, Pflanzen und Wurzeln. Die Tiere sind sehr treu, Gänse gehen lebenslange Partnerschaften ein. Nur wenn der Partner stirbt, wird ein neuer gesucht. Wenn eine junge Gans schlüpft, wird sie innerhalb eines kurzen Momentes auf das Bild der Mutter geprägt. Schaut das geschlüpfte Gänslein zufällig in das freundliche Gesicht des Hofhundes, ist dieser schnell Mutterersatz. Die kleinen Nestflüchter können in kürzester Zeit schwimmen. Nahezu unglaublich: Wenn eine Gans das Glück hat, in ihrem Leben nicht auf hungrige Menschen oder andere Feinde zu treffen, kann sie bis zu 70 Jahre alt werden. Die Tiere eignen sich gut als Wachhunde, sie wissen Haus und Hof zu verteidigen und kündigen Eindringlinge laut schnatternd an.

Da sich die wildlebenden, braunen Kanadagänse ohne Federkleid nur marginal von den heimischen Weihnachtsgänsen unterscheiden, suchen Kanadagänse im Herbst das Weite und fliegen in Richtung Süden. Die Sauerländer Weihnachtsgans würde gerne hinterherfliegen, leider ist sie seit Jahrhunderten domestiziert und daher flugunfähig. Gut für uns, denn so finden wir sie den kompletten Winter über bei Sauerländer Gastronomen und auf heimischen Tischen. Guten Hunger!

Text: Kerstin Matthies

Foto: Thorsten Hinke

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