Von Werner Beckmann

Kein Mensch denkt, wenn er die Überschrift liest oder spricht, dass das mit einem Leichnam, oder etwas herber ausgedrückt, mit einer Leiche zu tun haben könnte. Denn Fronleichnam ist eines der höchsten Feste der katholischen Kirche, das in besonders festlicher Weise mit Prozessionen und Gottesdiensten im Freien begangen wird.

Und ebenso wenig hat Fronleichnam mit Fronarbeit zu tun.

Die Silbe –leich- ist in unserer hochdeutschen Sprache noch in einem einzelnen Wort erhalten: Leiche. Aber in älteren Zeiten wurde damit nicht der tote Mensch bezeichnet, sondern der Körper des Lebenden! Heute sagt man eben Körper, das ist ein eingewanderter Lateiner, der ursprünglich corpus geheißen hat. Im zweiten Fall, dem Genitiv, heißt es dann im Lateinischen: corporis, „des Körpers“, und da kann man die Nähe zum deutschen „Körper“ schon erkennen.

Das heutige deutsche Wort für den Körper eines lebenden Menschen ist „Leib“. Wenn wir uns den Magen verdorben haben, klagen wir ja nicht über Körperschmerzen, sondern über Leibschmerzen (oder Bauchschmerzen), und im Rechtswesen geht die Sorge für Leib und Leben anderen Zielen vor, nicht etwa die Sorge für Körper und Leben. Hier hat sich das deutsche Wort ‚Leib’ fest erhalten können.
Als das Fronleichnamsfest seinen Namen bekam, hatte das Wort ‚Leich’ noch dieselbe Bedeutung wie das Pendant ‚Leib’. Und somit ist im Fron-Leichnam mit Leich-nam der Körper des lebenden, nämlich des von den Toten auferstandenen Christus, gemeint.

Wie oben schon angedeutet, gab es in älterer Zeit nämlich neben dem Leib den Leich oder auch die Leiche, und das war der Körper eines lebenden Menschen. Erst später wurde die Bedeutung eingeengt, nämlich auf den Körper, den Leib eines toten Menschen.

Es gibt dazu noch ein plattdeutsches Wort, in dem dieses Leich- erhalten ist und die Bedeutung „Leib“ hat. Auf Platt lautet das nur ein wenig anders: Leyk-, Luik-, Loik-, Liek-, je nach der Region. Dazu kommt noch, dass das –k am Ende verschwunden ist, und so bleibt ein Ley-, Lui-, Loi- oder Lie- übrig, denn diesem Wort folgt ein zweites, nämlich: -dörn „Dorn“. Also: Leydörn, Luidörn, Loidorn oder Liedörn, und wenn man das wortwörtlich in heutiges Deutsch übersetzt, kommt dabei ein „Leibdorn“ heraus. Wer sich im Plattdeutschen auskennt, der weiß, das ein Leydörn etwas höchst Unangenehmes ist, nämlich ein „Hühnerauge“. Dieses „Hühnerauge“ wird also als Dorn empfunden, der im Körper, im Leib steckt. – Die Hochdeutschen haben ein ganz anderes Benennungsmotiv: Das „Hühnerauge“ ist klein und rund, mit einem kleinen Stift in der Mitte, und das lässt tatsächlich an die Augen eines Huhns erinnern.

Aber zurück zu Fron-Leichnam. Dessen erste Silbe ist noch nicht erklärt. Keinem Menschen würde es einfallen, bei Fron- an die Frau zu denken, aber bezüglich der Herkunft des Wortes ist dem so. Nicht jeder weibliche erwachsene Mensch wurde in früheren Zeiten als „Frau“ bezeichnet, sondern nur solche in Vormachtsstellung, so etwa die Frau des Hausherrn. Für die anderen Frauen im selben Haushalt war die Bezeichnung „Weib“ zuständig! Das war damals absolut kein Schimpfwort! Im Plattdeutschen ist das heute noch so. So kann ich sagen: „Et giëtt schoine Weywer imme Siuerlanne“ oder auch „Et giëtt schoine Fruggen imme Siuerlanne“. Die hochdeutsche Übersetzung des ersten Satzes lautet aber nicht: „Es gibt schöne Weiber im Sauerland“, sondern: „Es gibt schöne Frauen im Sauerland.“

Die „Frau“ war also die „Erste“, ähnlich wie der Fürst. Der wieder hat, was das Wort angeht, enge Beziehungen zum englischen Wort „first“, was nichts weiter als „(der, die) Erste“ heißt. Und so wurde der erste Mann in einem Stammes- oder Sippenverbande, als „Fro“ bezeichnet, das ist nämlich die männliche Entsprechung zu „Frau“, nur das sich dieses männliche „Fro“ in der heutigen Sprache nicht mehr hat halten können. Im zweiten Fall, dem Genitiv, hieß es dann „des Fron“, so wie man heute auch sagt: der Junge, aber: des Jungen. Also: Die „Frau“ hatte den „Fro“ zum Gatten, und die beiden hatten die Vormachtsstellung, die Herrschaft, inne.

Und wenn man nun die beiden Wortbestandteile „Fron-“ und „-leichnam“ zu „Fronleichnam“ zusammenfügt, kommt dabei übersetzt heraus: „Herrenleib“, oder anders gesagt: „Leib des Herrn.“
Während die Namen für andere Feste auch im Plattdeutschen vorhanden sind wie Äostern (Ostern), Christdag (Weihnachten), Pinkesten (Pfingsten), ist das bei Fronleichnam ein klein wenig anders. Man sagt in vielen Gebieten des kurkölnischen Sauerlandes „Fräonleychnam“, aber das ist kein reines Plattdeutsch. Echt plattdeutsch müsste es „Fräonleyknam“ heißen, mit –k statt mit –ch.. Im Ölper heißt das Fest „Fronlichnam“, im echten Ölper Platt müsste es eigentlich „Frounlieknam“ heißen. Wahrscheinlich hat hier das Hochdeutsche als Kirchensprache eingewirkt. Denn im Bereich der katholischen Kirche galten nur zwei Sprachen: das Lateinische, das bis 1964 bei allen Gottesdiensten (mit Ausnahme von Volksandachten) verwendet wurde, und das Hochdeutsche als Amtssprache. Dazu kommt noch, dass solche Wörter wie „Äostern, Christag, Pinkesten“ weit häufiger im Sprachgebrauch sind als das Wort „Fronleichnam“. Es gibt viele Redensarten und Sprichwörter, die mit Ostern, Weihnachten und Pfingsten in Verbindung stehen, aber eine Volksweisheit mit Fronleichnam ist mir noch nicht bekannt. Dies alles kann dazu geführt haben, dass das Wort „Fronleichnam“ im Plattdeutschen immer noch hochdeutsche Spuren aufweist, während die drei anderen Ausdrücke echte plattdeutsche Formen zeigen.

Man kann den Ausdruck „Fronleichnam“ auch als „archäologisch“ bezeichnen, da sich in diesem Wort uralte Formen und Bedeutungen erhalten haben, wie oben erklärt worden ist.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here