Katharina Thalbach – Ein etwas anderes Portrait

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WOLL Sauerland Thalbach
Katharina Thalbach musste in Attendorn viele Bücher und Hörbücher signieren.

Und dann steht sie dort abends vor der großen Empfangshalle des Flughafens Köln-Bonn, Spätherbst 2014. Klein, in einem zerknitterten Mantel, der drei Nummern zu groß und fast wie in Tarnfarben erscheint. Ein Koffer im DIN-A4-Format, die Ecken mit Metallblech beschlagen, die Kanten abgeschabt, eine Tasche umgehängt, die Schiebermütze auf dem Kopf, tief in den Nacken gezogen, das Riesending. Schnell noch eine Zigarette, ihr hemmungsloses Laster, doch wohl auch produktiv, denn Katharina Thalbach ist eine der ganz großen Stimmen in der zeitgenössischen Kultur.

Ich fahre vor mit einer nachtschwarzen S-Klasse, Mercedes Marxen hat sich als Sponsor wahrlich nicht lumpen lassen. Sie steigt ein, leise, etwas umständlich, schließlich habe sie es im Rücken. Ich denke: von der Ostbühne des Berliner Ensembles, legendäres Brecht-Theater, hinein in dieses Ufo der aktuellen Spitzentechnologie. Sie: „Ah, eine Sitzheizung, wie wunderbar“, dann versinkt die Schauspielerin und Regisseurin förmlich in den Lederpolstern und atmet tief durch: „Ich habe entsetzliche Flugangst, es ist immer wieder ein Tortur für mich, wissen sie?“ Etwas müde sei sie, nach einem langen Arbeitstag, und nun noch der Exkurs im Sauerland; einfliegen, zum Leseort, nachts zurück ins Flughafenhotel und am nächsten Morgen schon ab und zurück nach Berlin, in ihre Heimatstadt, immer schon.
Geboren 1954 im Osten der geteilten Hauptstadt, Tochter der früh verstorbenen Schauspielerin Sabine Thalbach und des Regisseurs Benno Besson, wuchs sie im Theaterbetrieb auf, gefördert von Helene Weigel, der Intendantin des Berliner Ensembles (BE), Schau-spielerin und Frau von Bertold Brecht.

Bald feierte Katharina Thalbach Erfolge, am BE, an der Volksbühne, ihre Rolle der Polly Peachum in der Dreigroschenoper machte sie schnell bekannt. „Die Darstellerin wurde damals krank und Helene Weigel sagte zu mir nur ,Püppi, wenn du es dir zutraust, dann tu es‘“; der Beginn einer großen Karriere.

Mitte der 1970er-Jahre siedelte sie um nach Westberlin, gemeinsam mit ihrem Partner, dem Dichter Thomas Brasch, da sich nach Protesten gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns keine Perspektive mehr geboten hatte.

Brasch wurde 2001 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte beerdigt. 33 Jahre waren die beiden ein Paar, mit allen Höhen und Tiefen.
„Diesen Friedhof kenne ich seit Kindertagen. Und er ist unverändert, bis auf die vielen neuen Steine.“ Katharina Thalbach erinnert sich an zu viele Beerdigungen, die sie dort erleben muss-te. Auch Helene Weigel liegt dort seit 1971, neben Brecht, aber auch Heinrich Mann, Anna Seghers, Heiner Müller und Christa Wolf. Andere Namen tauchen auf im Gespräch, Otto Sander zum Beispiel: „Otto, ja, das war ein ganz besonderer Mensch“, wie sie auf der Fahrt ins Sauerland leise erzählt.

Wo sie überhaupt lese, ist nun ihre Frage. Und schnell sind wir bei ihrer zweiten großen Leidenschaft, Kunst und Architektur. „Eine Jugendstil-Kirche, wie schön!“ Sie möchte einiges zu Attendorn wissen, zum Sauerland; es ist dunkel und sie kann nur flüchtig einmal das blaue Licht der Aussichtsplattform des Biggeblicks erkennen. Dafür erhebt sich später die Burg Schnellenberg über der Stadt und wir drehen eine Runde, es ist noch Zeit genug. Ihre Kinder hätten ihr vor Kurzem eine Nacht in der Ägyptischen Sammlung auf der Berliner Museumsinsel geschenkt; das wäre ein außerordentliches Erlebnis gewesen, ganz allein mit Nofretete, ganz allein in den weiten Hallen, und dazu diese Stille, die alles so sehr intensiviert.

Die Attendorner Erlöserkirche. Es hat aufgehört zu nieseln und das Haus ist voll. Mit einigen blauen und roten Lichtern sehr schön in Szene gesetzt, ein Stuhl und ein Tisch vor dem Altar, daneben ein Rückzugsort in der Sakristei.

Isabell Hoffmann, Vorsitzende des Attendorner Kulturvereins „KulturA“, kündigt Katharina Thalbach an und die kleine Person mit der großen Stimme betritt unter Applaus das Podium. Sie liest aus dem Roman „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson und man könnte eine Stecknadel fallen hören, so gebannt ist ihr Auditorium.

Dann, in der Pause, sind da auch die Kinder. Ihnen ist die Stimme besonders geläufig, denn unzählige Geschichten hat sie gelesen, unverkennbar. Sie signiert gern, schenkt allen einen Blick aus ihren großen, großen Augen und nimmt sich Zeit für jeden, noch kleiner scheinend nun, noch etwas mehr erschöpft. Zu viel sei es halt immer, wie sie dazu später erzählt. Aber dann geht sie an den Tisch und signiert die vielen Bücher und Hörbücher für ein begeistertes Publikum, das später nach einem gelungenen Abend nach Hause geht. Sie wirkt nun sehr müde; es geht zurück nach Köln über die nächtliche A4 und die Sitzheizung bleibt an, von der ersten bis zur letzten Minute. Das Hotel, direkt am Flughafen, dann die Freude über die Zeitumstellung just in dieser Nacht. Eine Stunde länger schlafen! Der Flieger zurück nach Berlin geht bereits um 10 Uhr.

Text / Foto: Achim Gandras

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