Was Straßennamen uns erzählen

Spiegel der Geschichte

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WOLL Sauerland Straßennamen

Natürlich, man kann Straßen num­me­rie­ren. So wie in Manhatten, Mannheim und Außenbezirken von Berlin. Abseits der Frage, ob das der Orientierung überhaupt nützt, ginge damit aber ein großes Stück Heimat verloren. Denn Straßennamen können viel erzählen. Sie sind Ausdruck der Kultur einer Stadt, ihr historisches Gedächtnis und Spiegel ihrer Geschichte.

In den vier Kommunen rund um den Biggesee gibt es rund 1800 Straßen, Wege und Plätze. Manche ihrer Namen ergeben sich schlicht aus der räumlichen Ordnung, so wie Attendorner Straße, Bahnhofstraße oder Am Markt. Auch Bezeichnungen aus Flora und Fauna brauchen keine Erklärung. Namen wie Gerberstraße oder Löherweg erinnern an alte Berufe. Und oftmals reicht auch das Wissen, um Goethe- oder Schillerstraße zu verstehen. Viele der Straßen tragen alte Flurnamen, die nur noch älteren Generationen ein Begriff sind. Schwierig wird es auch bei Namen von Heiligen und erst recht bei Persönlichkeiten aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Ganz besonders dann, wenn diese von lokaler Größe sind. Knapp über 200 Straßen in Olpe, Attendorn, Wenden und Drolshagen sind nach Personen benannt. Davon übrigens der kleinste Teil nach Frauen. Längst ist im Land die Diskussion der Ungleichbehandlung von Frauen bei Straßenbenennungen entbrannt. So widmete sich die Kreisheimatvorsitzende Roswitha Kirsch-Stracke schon 1998 mit ihrem Aufsatz „Straßennamen – Fenster zur Geschichte von Frauen“ dem Thema.

WOLL hat sich aufgemacht, über die Bedeutung der hiesigen Straßennamen zu erzählen und beginnt mit vier Persönlichkeiten aus jeweils einer Kommune rund um den Biggesee. Und da wir für Gleichberechtigung stehen, beginnen wir mit zwei Frauen und zwei Männern.

Seit dem Jahr 2000 gibt es in Drolshagen den Schwester-Huberta-Weg. Eher ein sandiger Pfad als ein Weg und gerade einmal 340 Meter lang korrespondiert er dabei in keiner Weise mit der lokalen Bedeutung dieser Olper Franziskanerin. Immerhin ist sie die einzige Person der Stadt Drolshagen überhaupt, der das Ehrenbürgerrecht verliehen wurde. Das war im April 1974.

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Schwester Huberta (Foto von Hildegard Lück, Drolshagen)

Sr. Huberta wurde am 10. Oktober 1900 als Maria Margareta Groß in Grabig bei Wissen, Kreis Altenkirchen, geboren. Nach Informationen von Hildegard Lück aus Drolshagen-Schlade, die sich näher mit Sr. Huberta beschäftigte, war sie eine Schwester von Mathilde und Barbara Groß, die sich als Sr. Maria Basilia und Sr. Gerharda ebenfalls den Olper Franzis-kanerinnen anschlossen. Nach letzterer ist ein Weg in Neu-Listernohl benannt.

Im Alter von 25 Jahren trat Sr. Huberta als Postulantin dem Orden der Olper Franziskanerinnen bei und legte 1933 die ewige Profess ab. Nach einigen Jahren in Bonn kam sie 1936 schließlich nach Drolshagen ins Gerhardus-Haus. In dessen wechselvoller Geschichte wirkte sie hier sowie später, als das Hospital geschlossen und dann zum Seniorenheim umgebaut wurde, in der ambulanten Krankenpflege und Fürsorge – über 40 Jahre lang. Am 22. Juni 1979 starb sie. Ihr Grab befindet sich auf dem Schwesternfeld des Drolshagener Friedhofes.

Den alteingesessenen Bürgern also dürfte Sr. Huberta noch gut bekannt sein. In der Ehrenbürgerschaftsurkunde heißt es: „Den Armen und Benachteiligten (…) war sie Trost und Hoffnung. Sie pflegte die Kranken und begleitete die Sterbenden (…) Als guter Geist und Samariterin war Schwester Huberta den Familien in Drolshagen Begleiterin in bedrängten Situationen.“

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Auguste Klara Franziska Liese (Foto aus: Lebensbilder von Frauen im Kres Olpe; Bd. 28)

Am Bratzkopf in Olpe, eher abgelegen als mittendrin, befindet sich die Auguste-Liese-Straße. Sie erinnert an Auguste Klara Franziska Liese, die „Genealogin des Sauerlandes“.

In „Lebensbilder von Frauen im Kreis Olpe“ aus der Schriftenreihe des Kreises Olpe erinnert Olpes Stadtarchivar Josef Wermert an diese „geistig bewegte Person mit großem Fleiß und Forscherdrang“, der es gelang, „sich in einer völligen Männerdomäne als Genealogin zu etablieren und zu behaupten“. Bekannt ist sie vor allem durch die für die hiesige Geschichte bedeutsamen „Sauerländischen Geschlechterbücher“, die in drei Bänden zwischen 1927 und 1937 erschienen.

Auguste Liese wurde am 12. August 1865 als erstes von neun Kindern des Gerbereibesitzers, Lederhändlers und Stadt-verordneten Engelbert Liese und seiner Frau Klara (Hundt) geboren. Die ersten Jahre verbrachte sie wohlbehütet in ihrem Elternhaus in der heutigen Bahnhofstraße 11 in Olpe. Mit dem Niedergang des hiesigen Gerbereigewerbes Ende des 19. Jahrhunderts verarmte die Familie und zog nach dem Tod des Vaters (1893) nach Köln. Auguste, die sich schon als Kind für Ahnenforschung interessierte, machte aus ihrem Hobby einen Beruf, unterhielt gute Beziehungen zu den Olper Pfarrern Caspar Tigges († 1911) und August Hirschmann († 1930) und wuchs, wie Wermert schreibt, „zur ersten Autorität für Familienforschung in Olpe und im Sauerland“.

Auguste Liese starb am 8. November 1941 in Köln und wurde auf eigenen Wunsch in Olpe begraben. Ihr umfangreicher genealogischer und landeskundlicher Nachlass befindet sich heute im Stadtarchiv Olpe. Darunter auch Originalunterlagen der Familien Liese, Brocke, Funcke und Hundt aus der Zeit nach 1734.

Wenn man so will, dann ist die Gerlinger Pfarrkirche ein Glücksfall. Denn dass sie gebaut wurde, ist einem Gewinn aus der Preußischen Klassenlotterie zu verdanken. Diesen nämlich machte der Paderborner Bischof Dr. Wilhelm Schneider und ließ davon das Gotteshaus bauen. Sein bischöfliches Wappen ziert das Hauptportal. Und ganz in der Nähe erinnert eine Straße an ihn: die Bischof-Wilhelm-Straße.

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Wilhelm Schneider (Foto aus: Kapellen- und Kirchengeschichte St. Antonius Eins. Gerlingen, 1997)

Wilhelm Schneider wurde am 4. September 1847 als erster von vier Söhnen der Eheleute Johannes Schneider und seiner Frau Elisabeth, geb. Brüser, geboren. Er besuchte die Gerlinger Volksschule, die Stadtschule in Olpe und machte schließlich sein Abitur 1868 in Paderborn, wo er auch sein Studium der Philosophie und Theologie begann. Im Alter von 25 Jahren erhielt er die Priesterweihe und wurde 1898 Professor für Moraltheologie und Leiter des Erzbischöflichen Theologen-konvikts Paderborn. Seine Schaffenskraft umfasst eine Reihe von Schriften zu esoterischen und ethnischen Themen, die –vermeintlich kolonialistisch geprägt – Titel trugen, wie „Der neuere Geisterglaube“ oder „Die Kulturfähigkeit des Negers“. Schneiders Verdienste um die katholische Wissenschaft jedenfalls bescherten ihm immer höhere Auszeichnungen. 1900 wurde er schließlich zum Bischof von Paderborn ernannt. Am 31. August 1909 starb er im Alter von 62 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand er im Paderborner Dom.

„Ick kummen immer cherne noo Cherlingen, ock weil ick he´i cherne decke Mellik drinken kann“, sagte Schneider gerne und beließ es nicht bei leeren Worten. Seine Heimatliebe bewies er mit Tatkraft. Er ließ nicht nur die Kirche bauen, die am 26. August 1897 eingeweiht wurde, sondern sorgte ebenso für einen eigenen Friedhof, eine Vikarie und ein eigenes Kirchenregister und Finanzwesen und schuf damit die Voraussetzungen dafür, dass Gerlingen 1922 zur selbständigen Pfarrei erhoben werden konnte.

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Johannes Schulte (Foto von Ludwig Rottmann, um 1935)

„En Menskenhiarte ohne Laiwe is as en Gaaren ohne Blaumen“, steht auf der Gedenktafel, die in der Ennester Straße 3 in Attendorn an Johannes Schulte erinnert. Er gilt als der erste erfolgreiche Volksschriftsteller in Sauerländer Platt. Sein Bestreben war es, die niederdeutsche Sprache zu erhalten und er tat dies mit Gedichten, Geschichten und Theaterstücken rund um die Heimat und ihre Menschen. Am Wippeskuhlen erinnert die Johannes-Schulte-Straße an ihn. Geboren 1864 in Habbecke als Sohn des Leinenwebers Peter Schulte und seiner Frau Brigitte, geb. Beckmann, erlauben die ärmlichen Familien-verhältnisse keine höhere Schulbildung. Johannes besucht die Volksschule, hütet nebenbei für ein paar Groschen Vieh, arbeitet im nahegelegenen Walzwerk und verdient sich nach dem Militärdienst seine Brötchen als Postbote, zunächst in Finnentrop, später in Attendorn. 1896 zieht er in die Hansestadt, wo er Theresia Beul heiratet und mit ihr zwölf Kinder bekommt. Die Liebe zur Musik bringt Johannes Schulte zunächst zum Kriegergesangverein, dann zum MGV Cäcilia und schließlich zur Gründung des MGV Sauerlandia, den er neben dem Klosterchor der Franziskaner auch leitet. Bei den Vereinen findet er nicht nur erste Anregungen für seine Geschichten und Stücke, die das Leben schreibt, sondern auch eine erste Bühne. Schultes Arbeiten ziehen immer größere Kreise, werden in Presse und Heimatschriften veröffentlicht. Auch im Rundfunk wird er zum Sprachrohr für die sauerländische Mundart. Dazu tourt er mit einer eigenen Theatergruppe durch die weitere Region. Die größten Erfolge hat er mit den Lustspielen „Christinken“, „De Schnider ase Makelsmann“ und „De nigge Fürster“, das er zur 700-Jahrfeier der Stadt Attendorn schreibt. Sein Sohn Toni Schulte hat seine Niederschriften zusammengetragen und seine Liebe zur plattdeutschen Sprache weitergetragen. Er brachte ein plattdeutsches Wörterbuch für Attendorn und Umgebung mit über 4000 Wörtern heraus und war mit den Urgesteinen Toni Teipel und „Ede Prentler“ Mitbegründer des Plattdeutschen Kreises. Johannes Schulte starb am 23. Januar 1948 und wurde in seiner Wahlheimat Attendorn begraben.

von B. Engel [Text/Fotos]

WOLL-BIGGESEE Ausgabe 13 - Frühjahr 2016Diese und weitere interessante Geschichten lesen Sie in der FRÜHJAHRS-AUSGABE 2016 unseres Magazins
WOLL – RUND UM BIGGESEE UND LISTERSEE

 

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