Ein etwas anderer Familienabend in Attendorn

Shabbatfeier mit Crêpes und Nutella

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WOLL Sauerland Kiddusch

Es ist bereits dunkel als ich bei Familie M. ankomme. Sie haben mich zum Kiddusch eingeladen. Anke bereitet gerade das Essen vor, während Rami seine Ältesten vom Schwimmkurs abholt. Der Tisch ist feierlich gedeckt. Auffällig ist ein kleiner, verzierter Silberbecher und ein Brot, das von einem bestickten Tuch verdeckt wird.

WOLL Sauerland Shabbat
©www.fotolia.com/tomer turjeman

Kiddusch heißt das Abendmahl, das Familie M. seit dem Sommer jeden Freitag traditionell feiert. Ihr Sohn Daniel hatte es sich nach dem letzten Israelurlaub gewünscht, da er es so schön fand, dass die ganze Familie freitags bei Oma und Opa zusammen kommt. Auch Anke und Rami gefiel dieser Vorschlag und so führten sie die Tradition von Ramis Eltern auch in ihrem Hause ein. Für Anke ist der jüdische Glaube und die damit zusammenhängenden Traditionen inzwischen genauso vertraut wie die Traditionen des christlichen Glaubens, mit denen sie aufgewachsen ist.

Die Jungs, Joni und Daniel, kommen mit ihrem Vater nach Hause, albern herum und begrüßen ihre Schwester. Dann kommen sie zum Tisch und setzen sich die Kipa auf. Auch Mia, die Kleinste der Familie, bekommt eine. „Normalerweise tragen nur die Männer eine Kipa.“, erklärt Anke, doch Mia möchte auch gerne eine aufsetzen, also darf sie es natürlich auch. Alsbald versammeln sich alle am großen Tisch und Rami zeigt mir das Gebetsbuch, aus dem er gleich vorlesen wird, während die beiden Brüder mich angrinsen und schauen, wie ich wohl reagieren werde.

Wir lesen „Nur die Danksagungen“, wird mir erklärt, die lange Version wird ausgelassen, denn so streng nimmt die Familie die Sache auch nicht. Das wichtigste ist die Gemeinschaft in der Familie und nicht die strenge Einhaltung aller Regeln. In vielen Familien wird sonst, bevor das Brot gebrochen wird, noch eine Geschichte aus der Sidur (Shabbat Gebetsbuch) vorgelesen, jede Woche eine andere, die auch in der Synagoge vorgetragen wird.

WOLL Sauerland Shabbat
©www.fotolia.com/Evan Travels

Nachdem Rami mit der Segnung von Brot und Wein fertig ist, wird zunächst der Traubensaft – eigentlich Wein – im Silberbecher herumgereicht, und jeder trinkt einen Schluck. Dann begrüßt sich jeder mit einer Umarmung, einem kleinen Kuss auf die Wange und spricht die Worte: ShabbatShalom – Wir wünschen einander einen friedlichen Shabbat. Nachdem sich alle wieder hingesetzt haben, wird das Brot gebrochen, in Salz getunkt und auf dem Tisch verteilt. Diesmal probiert die Familie einen Stuten aus, denn das Brot, das in Israel dazu gegessen wird, gibt es hier in Deutschland nicht. Stuten kommt dem ganzen wohl schon näher als die vorherigen Versuche.

Dann wird gegessen. Es gibt mit Hackfleisch gefüllten Blätterteig und dazu eine Soße als Vorspeise sowie Rinderbraten mit Bohnen in Tomatensoße und Reis dazu. Zum Nachtisch gibt es heute Crêpes mit Nutella und Banane, weil er vor allem den Kindern gut schmeckt. Jeden Freitag wird etwas anderes aufgetischt, dabei ist die Herkunft der Gerichte international und nicht unbedingt nur jüdischer Herkunft.

Nach diesem Ausflug in eine andere Religion folgt der geschwätzige Teil, den ich mindestens genauso gut drauf habe. Wir plaudern über den Alltag, lustige Erlebnisse, Familienmitglieder, Schwänke aus unserem Leben. Ganz normal also, würde man vielleicht sagen. Und das ist es auch. Mit dem Unterschied, dass die Kinder der Familie mit beiden Traditionen, der Christlichen und der Jüdischen, aufwachsen. So feiern sie zum Beispiel auch Hanuka und Weihnachten zugleich.

Der kleine Ausflug in die jüdische Kultur hat mir gut gefallen, es hat sich aber keine neue Welt für mich aufgetan, sondern eher eine, die sich meiner Meinung nach gar nicht so sehr von den Gepflogenheiten der mir bekannten Traditionen unterscheidet. Auffällig ist für mich, dass Religion nicht nur in meiner Familie sehr locker gesehen wird, sondern dass man durchaus in beiden Traditionen leben kann, auch gemeinsam, ohne alles allzu eng zu sehen.

Schön zu erleben war aber vor allem der herzliche, liebevolle Umgang der Familie untereinander, was garantiert nichts mit der Religion oder dem Glauben zu tun hat. Es ist etwas, was in der heutigen Zeit leider oftmals fehlt. Doch, obwohl beide Eltern berufstätig sind und drei Kinder auch viel Arbeit bedeuten, ist die Nähe untereinander spürbar. Das macht nicht die Religion aus, glaube ich, sondern vielmehr die gemeinsame Zeit, die sich die Familie jeden Freitagabend füreinander nimmt.

WOLL Sauerland Kipah
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Vielleicht sollte jede Familie wieder so einen Abend für sich haben, ob es nun ein Freitag oder ein anderer Tag ist, ob Wein oder Traubensaft oder Tee getrunken wird. Die paar Stunden gemeinsame Zeit haben auch mir gut getan.

von D. Fischer [Text/Foto]

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