Das Sauerland darf nicht zu einer Binnenkultur werden

Von Tiny Brouwers und Hermann-J. Hoffe

Vor 200 Jahren wurde die Provinz Westfalen ausgerufen. Das Sauerland als südlichster Teil Westfalens hat sich seitdem erstaunlich entwickelt. In einer der schönsten Landschaften Deutschlands – wenn nicht sogar Europas – hat sich in den kleinen Städten und Orten des Sauerlandes eine wettbewerbsfähige Wirtschaft etabliert, die sich im globalen Wettbewerb erfolgreich behauptet hat und den Menschen Arbeit und Wohlstand garantiert. Europa, Deutschland und auch das Sauerland stehen nun, 200 Jahre später, vor gewaltigen Herausforderungen.

Die digitale Revolution verändert dramatisch die Arbeitswelt, der demografische Wandel führt zu einem Rückgang der Bevölkerung und große Flüchtlingsbewegungen nach Europa hin prägen die Themen und die Diskussion in diesen Tagen. Was kommt auf unsere Region zu? Im Gespräch mit Altabt Stephan Schröer von der Abtei Königsmünster wollten wir erfahren, wo das Sauerland heute in der sich rasant ändernden Welt steht.

WOLL-Interview - Altabt Stephan Schröer Abtei Königsmünster Sauerland
Altabt Stephan Schröer in der Abtei Königsmünster Meschede Sauerland im Interview mit den WOLL-Redakteuren Tiny Brouwers (vorne) und Hermann-J. Hoffe. Foto: Ralf Litera


WOLL: Sind Sie ein Westfale?

Altabt Stephan: Natürlich bin ich Westfale. Aber ein ganz besonderer: Ich bin Sauerländer. Von Geburt an und aus Überzeugung. Ich stamme aus Freienohl aus einer alten sauerländischen Familie.

WOLL: Was sind heute die Stärken und Schwächen des Sauerlandes? Und wie sieht Ihre Bilanz aus?
Altabt Stephan: Wir leben hier in einer weitgehend intakten Natur aus Bergen, Wald und Wasser und mit einem starken Bewusstsein und dem Respekt für diese Natur. Das schätzen gerade die Gäste, die hierher kommen, besonders Niederländer und Belgier. Daneben haben wir eine Vielfalt kleiner schöner Orte, die eine lange Geschichte haben und eine, wenn auch nicht spektakuläre, aber dennoch reizvolle Bautradition. Das sind vor allem die Kapellen und Kirchen mit teilweise herrlichen Innenausstattungen, die unsere Orte prägen.

Wir haben im Sauerland auch eine ganz interessante Ausbildungs- und Bildungslandschaft. Wir haben die Fachhochschule Südwestfalen mit über 13.000 Studenten und besten internationalen Kontakten. Dazu die Universität Siegen, private Hochschuleinrichtungen und die Fernuniversität in Hagen. Das kann sich sehen lassen. Und wir haben im Sauerland eine sehr reiche, oft versteckte Kultur. Von der Blasmusik bis hin zum symphonischen Orchester reicht das musikalische Angebot. Wir haben kleine Bühnen, vom Laienspiel bis zum professionellen Theater. Wir haben schöne kleine Museen, die oft im ehrenamtlichen Engagement geführt werden. Und wir haben vor allem im privaten Bereich eine ganze Reihe von Sammlern mit sehr wertvollen Kunstschätzen. Vieles davon existiert eher im Verborgenen.

Altabt Stephan Schröer - Abtei Königsmünster Sauerland
Altabt Stephan Schröer in der Kloster-Bibliothek der Abtei Köngismünster in Meschede. Foto: Ralf Litera

Desweiteren haben wir natürlich eine ganz hervorragende Unternehmenskultur. Das sind familiengeführte Unternehmen, oft weltmarktführend, die hier im Sauerland beheimatet und mit einer soliden Dauerhaftigkeit und einer sozialen Prägung gegenüber den Mitarbeitern gekennzeichnet sind.

Bei allem dürfen wir nicht die Landwirtschaft vergessen, die unser Sauerland in seiner ganzen Vielfalt geprägt hat und weiterhin prägt. Stolz bin ich auch auf die alte religiöse Landschaft in aller Vielfalt. Das ist natürlich das Christliche mit vielfältigen Ausprägungen, wenn ich das Siegerland miteinbeziehe. Oder die Baptisten hier in Meschede. Ich denke, dass auch das Miteinander mit anderen Religionen gut klappt, wie zum Beispiel mit der türkisch-moslemischen Gemeinde in Meschede.

WOLL: Was sind die Schwächen des Sauerlandes?
Altabt Stephan: Ein Problem in vielen Teilen ist die Infrastruktur. Die Entfernungen, räumlich und zeitlich, erschweren den direkten Kontakt und die Suche nach qualifizierten Arbeitskräften. Dazu zählt auch die technische Versorgung mit den Datenleitungen, die in manchen Bereichen nicht den heutigen Anforderungen entspricht. Ein großes Problem scheint mir auch die Verödung von Dörfern zu werden: leerstehende Läden und Höfe zum Beispiel. Die Aufgabe wird es sein, hier neue zukunftsträchtige Konzepte zu entwickeln, um die Dörfer und Innenstädte zu erhalten und zu beleben. Vielleicht muss man hier auch radikal und kreativ umdenken, um junge Leute für ein Leben auf dem Dorf und in unseren Städten zu begeistern. Wir müssen, wie das bei uns Benediktinern ist, heimatverbunden und weltoffen zugleich sein. Und das heißt, dass ich mich mit aller Freiheit und allen guten Ideen einbringen kann. Das führt mich zu etwas sehr Positivem unserer Region: dem Ehrenamt. Ehrenamt und Vereine sorgen dafür, dass unsere Dörfer leben, mit Jugendarbeit, Musik- und Gesangvereinen, Schützenvereinen, Feuerwehr, Jugendrotkreuz und natürlich den Sportvereinen.

Ein allgemeines Problem, nicht nur ein Problem im Sauerland, ist meines Erachtens die übertriebene Individualisierung. Das beeinflusst das Zusammenleben auch im Sauerland. Ich finde es sehr bedrückend, dass ich keine Menschen mehr auf den Straßen sehe, wenn ich durch die Dörfer fahre. Wo sind die alle? Sitzen sie auf der Terrasse und trinken Kaffee oder eine Flasche Bier? Das wäre ja noch in Ordnung. Oder sind sie wirklich allein? Es wäre schon interessant zu überlegen, wie man die Nachbarschaft beleben kann.

WOLL: Wie sieht Ihre Bilanz der Stärken und Schwächen aus?
Altabt Stephan: Ich lebe hier gerne und ich lebe hier richtig gut. Wir sollten uns hin und wieder bewusst machen, was wir im Sauerland alles an Schätzen haben. Wir brauchen keine Jammerkultur, eine Kultur der Verdrießlichkeit. Ich würde mir mehr Dankbarkeit wünschen für vieles, was uns so selbstverständlich geschenkt ist.

WOLL: Welche Auswirkungen haben die demografische Entwicklung und die aktuelle Zuwanderung für das Sauerland? Verändert sich das Sauerland?
Altabt Stephan: Natürlich ändert sich das Sauerland mit den Menschen, die hier leben. Da haben wir eine gute, alte Tradition. Einwanderung ist auch kein neues Thema für uns. Ich denke da an die Gastarbeiter, die zu uns gekommen sind – hier in Meschede besonders die Türken. Es hat einige Wellen der Integration gegeben und sie haben uns auch bereichert. Nicht nur dadurch, dass sie hier arbeiten, sondern auch, dass sie ihre Kultur einbringen. Das empfinde ich als sehr positiv. Ich sehe im Augenblick aber auch viele Probleme, weil die Dinge so plötzlich kommen und eine schnelle Antwort brauchen. Ich könnte mir vorstellen, dass auf lange Sicht das Sauerland besondere Möglichkeiten einer behutsamen Integration hat. Für mich geht das in einem kleinen Ort leichter als in einer Großstadt. Ganz wichtig für die Integration ist die Sprache, um in Kommunikation zu treten. Sprache und Ausbildung, das könnte so ein Kernpunkt sein und sie mit der Zeit aus den großen Einheiten in kleine Einheiten zu bringen, um sie zu beheimaten. Ohne in die Tagespolitik übergehen zu wollen, meine ich, dass wir vielleicht eine große Chance mit den Flüchtlingen haben, bei allen Problemen, die es in nächster Zeit zu bewältigen gilt.

Sauerland setzt Akzente - Abtei Königsmünster Sauerland
Altabt Stephan Schröer: „Sauerland setzt Akzente.“ – Foto: Ralf Litera

WOLL: Was muss das Sauerland Ihrer Meinung nach tun, um im globalen Wettbewerb mit den anderen Regionen in Europa auch weiterhin bestehen zu können?
Altabt Stephan: Es wird nur ein farbiges Sauerland geben, wenn wir in einem größeren Kontext zusammenarbeiten. Sonst gehen wir unter. Wir dürfen nicht zu einer Binnenkultur werden, die nichts anderes mehr kennt. Westfalen ist ein großes Gebilde und bevölkerungsmäßig sehr stark. Vielleicht ist Südwestfalen erst einmal ein guter Schritt. Dadurch haben wir eine stärkere Stimme und bei verschiedenen Problemen können wir zusammenarbeiten. Man muss nicht erst wieder alles neu entdecken. Ich bin begeisterter Sauerländer in Südwestfalen.

WOLL: Gibt es 2050 noch das Sauerland und wie sieht das Sauerland dann aus, was denken Sie?
Altabt Stephan: Ja, natürlich gibt es das Sauerland noch. Vielleicht müsste es in Sachen Dorfentwicklung mit einem zukunftsweisenden Konzept eine Art Vorreiterrolle beschreiten, oder auch in Sachen Natur neue Wege aufzeichnen, wie man von Monokulturen wegkommen kann. Da sind wir aber schon auf einem guten Weg. Vielleicht sollte man sich Gedanken machen, wie man sorgfältig mit dem Element Wasser umgeht, dem Produkt der Zukunft. Oder warum gibt es im Sauerland nicht irgendwo eine Künstlerkolonie, in der man mal experimentieren kann? Alles außerhalb der Norm und der geraden Wege. Sauerland – eine Gegend, in der ich mal was versuchen kann. Unsere Familienunternehmen sind auf vielen Gebieten schon so eine Art Vorreiter. Das sind Unternehmen, die mit gutem Beispiel vorangehen. Sauerland setzt Akzente.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here