Beim Eselwandern ist der Weg das Ziel

Unterwegs mit Elsa, Freddy und Willy

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WOLL Sauerland Eselwanderung

Das Tempo bestimmen die Esel“, stellt Walter Lütz gleich zu Anfang fest und schickt noch einen Satz hinterher, um vorsichtshalber mit einem uralten Vorurteil aufzuräumen: „Esel sind alles andere als dumm.“ Das habe ich natürlich schon gehört und bin vom positiven Gemüt der langohrigen Lasttiere sowieso längst überzeugt. Weil sie mir schon immer sympathisch waren. Womit ich voll im Trend liege. Die sanften Grautiere erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Immer mehr Menschen entdecken die schönen Seiten von Wanderungen in Esel-Begleitung. Quer durch alle Typen und Charaktere. Von tierischen Mentalcoachs, von der Entdeckung der Langsamkeit und Entschleunigung im Hamsterrad des zivilisationsgestressten Lebens ist die Rede. Selbst hochdotierte Manager nutzen derartige Unternehmungen zur Selbstreflexion. „Die haben abends dann lange Arme, weil sie denken, sie können die Esel durch den Wald ziehen“, lacht Lütz.

Walter Lütz ist sprichwörtlich zu seinen Eseln gekommen wie die Jungfrau zum Kinde. Zugegeben, diese war nicht auf dem Viehmarkt der Wendschen Kirmes und hat Wacholder getrunken. Beide aber waren relativ ahnungslos, als sich der Familienzuwachs ankündigte. Bei Lütz sogar zweifach in Gestalt von zwei spanischen Großeseln namens Elsa und ihrem Sohn Freddy. Später stieß Willy dazu, ein deutscher Kleinesel. Und da das Spazierengehen mit ihnen so viel Spaß machte, kamen Lütz und seine Frau Marlies darauf, dass man dieses Vergnügen mit anderen Menschen prima teilen könnte. Das ist nun schon einige Jahre her und die beiden Wahl-Sauerländer mögen mit die Ersten überhaupt gewesen und rund um den Biggesee die bisher Einzigen sein, die Eselwanderungen anbieten. „Warum macht man so etwas?“ fragt mich mein Mann, nachdem ich nachmittags vom Eselwandern nach Hause komme. Ganz einfach: Weil man danach animalisch gut drauf und entspannt ist!

Das Eselwandern mit Lütz kann ein paar Stunden oder auch mehrere Tage dauern. Übernachtet wird dann im Eselmobil, einem alten Bauwagen, ausgestattet mit vier Betten und Kochgelegenheit. Zum Auftakt der Tour gibt es erst einmal einen französischen Prosecco in der heimeligen Atmosphäre des alten Lütz´schen Bauernhauses, das das aus Köln stammende Ehepaar vor gefühlt ewigen Zeiten in Heid erstand und sich dort mit dem „Café Noir“, einem Treffpunkt in Sachen Kunst und Kultur, längst einen Namen machte.

Und während sich die Gläser langsam leeren, erzählt Walter Lütz von Eseln im Allgemeinen und im Besonderen, vom abendlichen Mehrgangmenü mit Weinverkostung und der anvisierten Tagestour. Wobei sich der Plan gerne zu einem groben Entwurf verschlankt. Denn stur wie Esel nun einmal sind, bestimmen sie nicht nur die Gangart, sondern gerne auch den Weg. Weil sie ihren ganz eigenen Kopf haben. Und einen gefestigten Charakter. Sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, nehmen ihre Umwelt mit Augen und Ohren in einem Winkel von mehr als 180 Grad wahr, handeln überlegt, wägen Gefahren vorsichtig ab, scheuen nicht, sondern schauen, meiden selbst Pfützen wie der Teufel das Weihwasser, wissen, was sie wollen und was sie können. Kurzum, sie sind unaufgeregt und verlässlich, durch nichts zu beindrucken und dabei überzeugend authentisch. Das muss man erst einmal nachmachen! Nachdem Elsa, Freddy und Willy von der Weide geholt, gestriegelt, gezäumt, geleint und mit großen Weidekörben bepackt sind, um Mann und Frau den Rücken freizuhalten und alles Not-wendige für eine längere Wanderung zu tragen, kann es dann losgehen. „Esel arbeiten gerne“, sagt Walter. „Wenn sie eine Woche nichts zu tun kriegen, sind sie unglücklich.“ Gut und schön. Schließlich dienen diese Tiere uns Menschen fleißig und unermüdlich schon seit 6.000 Jahren. Und dabei haben sie leider und vollkommen unverdient nicht nur Lob, sondern ebenso viel Spott und Häme erfahren.

Schon die erste Kreuzung gibt dann einen Vorgeschmack auf das, auf was man sich eingelassen hat. Pause! Nur wenige Meter vom Stall entfernt. Freddy möchte das Gras, Blumen und Kräuter am Wiesenrand schmecken, Elsa und Willy bleiben wie angewurzelt stehen, gucken mit ihren großen Augen meditativ vor sich hin und die menschliche Gesellschaft an, nicken mit dem Kopf und lassen sich gerne streicheln. Gutes Zureden und alles Zerren und Ziehen kann keinen der drei tatsächlich weiter bewegen, vielmehr strahlen sie absolute Ruhe und Gelassenheit aus. Zugegeben, eigentlich ist das ja auch die Grundidee der Unternehmung. Keine Termine, alle Zeit der Welt und einfach den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Aber jetzt schon, nur wenige Schritte vom Start entfernt? Irgendwann geht es dann doch weiter. Warum, weiß niemand so genau – außer vielleicht Freddy, Elsa und Willy. Eins aber ist ab dieser ersten Wegbiegung klar: Es geht um das Hier und Jetzt. Nicht um Zeit und Raum, sondern um Bedächtigkeit und das Wohlgefühl. Und die Helden bei diesem Streifzug durch die schöne Landschaft des Sauerlandes, bei dem es auf diese Weise viel zu erleben gibt, sind zweifelsohne diese liebenswerten Begleiter. „Man wandert in einem anderen Tempo und mit einem anderen Blick, entdeckt dabei Dinge, die man sonst übersieht, und findet völlig neue Kommunikationsebenen“, findet einer meiner Wanderkollegen, der bereits das zweite Mal mit den Eseln von Lütz unterwegs und schnell auf den Geschmack gekommen ist.

Ich bin sicher: Auch ich werde das tierische Trio nicht vergessen und irgendwann ganz bestimmt wiedersehen. Weil Esel 50 Jahre alt werden können und im Übrigen ein unglaubliches Gedächtnis haben. Selbst nach mehr als einem Vierteljahrhundert erinnern sie sich an andere Esel.

von B. Engel [Text/Fotos]
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