Eriba-Treffen in Kalberschnacke

Ein Tag am See im Caravan

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WOLL Sauerland Caravan

Die 1950er-Jahre begründeten in Europa den Camping-Tourismus. Eines der bevorzugten Reiseziele war Bella Italia: Mit dem Zelt auf dem Motorroller ging es an die Adria und die Sehnsucht nach der kleinen Freiheit im Süden führte sogar so weit, dass die Motorradbauer von NSU 1955 ihren eigenen Campingplatz für Markenkunden in Lido di Jesolo eröffneten. Wer es jedoch etwas komfortabler haben wollte, der kaufte sich schon bald einen Wohnwagen, um sein mobiles Heim mit allem Nötigen hinten an sein Auto anzuhängen.

Erste komfortable „Reisewagen“ für den Kutschenbetrieb hatte es bereits Ende des 19. Jahrhunderts in England gegeben, später hinter dem Auto auch schon in den USA. In Deutschland war es der Unternehmer Arist Dethleffs, der 1931 einen Wohnwagen für seine Frau konstruiert hatte. Dieser sorgte für so viel Aufsehen, dass eine erste kleine Serienfertigung zustande kommen konnte. Die Idee vom kleinen mobilen Eigenheim trieb auch den Flugzeugkonstrukteur Erich Bachem um. Er verkleidete um 1935 eine leichte Sperrholzkonstruktion mit Leinwand, die wie im Flugzeugbau mit Spannlack wasserdicht und wetterfest wurde. Erich Bachem nannte den Wohnwagen Eriba Aero Sport: Dieses Gefährt wurde die Keimzelle für einen großen Erfolg in späteren Jahren. Zuerst aber musste der Krieg überstanden werden.

Als 1945 der ganze Laden zerschmissen war, hatte Bachem noch Anteil an einem der geheimsten Projekte im untergehenden „Dritten Reich“: Eine von Hitlers ebenso geheimnisvollen wie berüchtigten „Wunderwaffen“ sollte eine Konstruktion von Bachem werden. Diese „Natter“ war ein Senkrechtstarter mit simplem Strahltriebwerk aus dem Druckbehälter und einem Abschusskorb für 25 Raketengeschosse in der Nase, die gemeinsam auf Knopfdruck als streuende Garbe losgefeuert werden sollten. Der Pilot hockte in dieser leichten Sperrholzkonstruktion wie Baron Münchhausen auf der Kugel: Er wurde wie eine Silvesterrakete in den Himmel geschossen, sollte bei einer Flugzeit von wenigen Sekunden einen alliierten Bomber durchlöchern und dann mit dem Fallschirm abspringen. Dabei ginge die „Natter“ aus billigem Sperrholz verloren, während der wertvolle Instrumententräger mit der Steuerung jedoch ebenfalls am Fallschirm zur Wiederverwendung heil zu Boden schwebte … Der einzige Probeflug am 1. März 1945 endete mit dem Ableben des wackeren Piloten. Und kurz darauf war der braune Spuk ja glücklicherweise auch vorbei.

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Frühe Caravans kann man alljährlich auch bei den Classic Days in den Parkanlagen von Schloss Dyck bei Jüchen erleben.

Erich Bachem war nun arbeitslos, wie alle Flugzeugbauer in Deutschland. Die Raketenfachleute um Wernher von Braun gingen nach Amerika, Willi Messerschmitt und Ernst Heinkel bauten statt Düsenjets nun Taschenbuchautomaten und Nähmaschinen, Mopeds, Motor- und Kabinenroller, der geniale Hans Scherenberg pflanzte das System seiner brandneuen Benzineinspritzung für den großen V12-Daimler-Benz- Flugmotor in ein Mini-Auto von Gutbrod und Norbert Riedel den Startermotor für den ME 262 Düsenjäger in sein Motorrad Marke „Imme“. Bachem, der Sperrholzkünstler, erinnerte sich indes an seinen kleinen Wohnanhänger. 1956 gab er bei Erwin Hymer in Bad Waldsee einen ersten Caravan in Auftrag. Beide gründeten bald eine Firma, die bis heute erfolgreich am Markt ist. Unvergessen sind die kleinen Wohnwagen wie der „Puck“ und der „Troll“, aber auch die „Touring“-Serie wurde ein großer Erfolg.

Das Alt-Eriba-Register ist ein Club, der die Geschichte der Frühzeit des Urlaubs mit dem Caravan am Leben erhält. Seit Jahren treffen sich die Enthusiasten auch in Kalberschnacke am Listersee. Das 14. Treffen fand soeben am ersten Wochenende im September statt. Mit der giftigen Natter hat das glücklicherweise nichts mehr zu tun.

von A.Gandras [Text/Fotos]

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